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Abwasser Marsch!

Text: Joachim Zischke

Der Mensch lernt nicht durch Nachdenken, sondern, wie er immer wieder zeigt, durch schmerzhafte Erfahrung. Im 19. Jahrhundert wurde das Abwasser-Problem der ständig wachsenden Städte Paris, London oder Berlin erst angegangen, als sich verheerende Krankheiten und Seuchen ausbreiteten. Das Gute dabei war: Geniale Nachdenker entwickelten Lösungen, die auch noch in unseren Tagen Gültigkeit haben.

Lange, spitze Schatten kriechen und huschen an den Wänden entlang, üble Gerüche von Abfällen, Exkrementen und Kadavern ziehen gleich Nebelschwaden durch das Dunkel. Jean Valjean, der Gehetzte, stolpert die Kanalsohle entlang, auf dem Rücken den fast leblosen Kameraden Marius haltend, in der linken Hand einen flackernden Kerzenstummel. Da, eine Untiefe — Jean Valjean versinkt bis über die Hüften im Schlamm und Morast, und, um nicht zu fallen, stützt er sich an der Tunnelwand ab, doch dabei verliert er die Kerze. Jetzt ist nur noch das nahe Glucksen und ein fernes Rauschen in den Röhren der labyrinthischen Kloake zu hören und Jean Valjeans hektisches und angstvolles Atmen.

Es war Victor Hugo, der in seinem Werk Les Misérables den Banditen und Aufständischen Jean Valjean durch die Pariser Abwasserkanäle von der Polizei verfolgen ließ. Das Kapitel über die Flucht durch die Kanäle, die Eingeweide der großen Stadt, beschreibt nicht nur ein retardierendes Moment. Es zeigt das schier unfassbare Ausmaß jenes schrecklichen Kellers, wie das Reich der Dunkelheit gerne genannt wurde, der die Abwässer von Paris transportierte. »Ein Magen der Zivilisation, der bei jeder Blähung rülpst und den fauligen Schlamm auf die Strassen erbricht«, schrieb Hugo über das Paris seines Romans.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts holten viele Pariser ihr Wasser aus der Seine und entsorgten das Schmutzwasser auf Brachland oder in die unbefestigten Gassen. Über verschlungenen Wege gelangte das verschmutzte Wasser dann wieder in die Seine. Mit der Zeit verwandelte sich so der Fluss in einen Abwasserkanal. 1835 sollen täglich bis zu 350 Kubikmeter flüssige Fäkalien in den Fluss gelangt sein. Wen wundert es, dass sich dadurch 1849 die Cholera rasant ausbreiten konnte. Zudem erlebte Paris in dieser Zeit einen Bevölkerungszuwachs von 650.000 auf mehr als zwei Millionen Einwohner.

Paris In den Kanälen von Paris

Kaiser Napoléon III beauftragte deshalb den Präfekten Georges Eugene Hausmann mit dem Bau einer Kanalisation. Der Planungsingenieur Eugène Belgrand nahm das doppelte Problem in Angriff, nicht nur die Versorung mit Trinkwasser, sondern auch die Beseitigung der Abwässer den Bedürfnissen anzupassen.

Monsieur Belgrand plante ein Abwassersystem, das vier charakteristische Merkmale aufweist: Es ist ein Einkanalsystem — also Regen- und Abwasser werden gemeinsam entsorgt. Es ist schwerkraftgetrieben, denn aufgrund der Topographie von Paris fließt das Wasser von allein zum tiefsten Punkt und es bedarf keiner Pumpstationen. Ferner beinhaltet das System eine zusätzliche Versorgungsfunktion: in den Tunnels verlaufen auch Rohre für Trink- und Brauchwasser, Druckluftleitungen und Telekommunikationskabel. Der letzte Punkt: das Kanalnetz ist begehbar, d.h. die Arbeiter können sich auf längere Dauer darin aufhalten, um Reiniungs- und Wartungsarbeiten durchzuführen.

Bis 1872 entstand ein 600 km langes Kanalisationsnetz. Erst 1899 hörte die Einleitung der Abwässer in die Seine gänzlich auf. Das Abwasser gelangte danach auf Rieselfelder mit einer Fläche von 3 000 Hektar.

Heute erstreckt sich in 35 m Tiefe ein gut 2 300 km langes Geflecht aus Höhlen, Gängen und Kanälen, ein zweites Paris. Jeden Morgen wird Wasser von der Seine in die Rinnsteine geleitet und schwemmt den Abfall über 12 000 Gullys in die unterirdischen Kanäle.

Kurioses am Rande: 1984 wurde im Abwassersystem beim Quai de la Mégisserie ein junges Nil-Krokodil eingefangen.

London

Tunellei Die typische Eiform der englischen Kanäle.

Auch in London waren erst die Cholera-Pandemien und andere Krankheiten entscheidend dafür, dass sich die Regierung mit dem Abwasser-Problem beschäftigte. Joseph William Bazalgette hieß der Chefingenieur der Londoner Metropolitan Board of Works, der mit einer Lösung beauftragt wurde.

In einer Reihe von Versuchen entwickelte Bazalgette das noch heute gültige Querschnittsprofil der Ei-Form, der bis zu drei Meter hohen Abwässerkanäle. Dabei werden die Abwässer unabhängig von der transportierten Flüssigkeitsmenge optimal weitergeleitet, d.h. die Menge der sich absetzenden Feststoffe ist gering, wenn das von Bazalgette ausgerechnete Gefälle 40 Zentimeter pro Kilometer Abwasserleitung eingehalten wird.

In weiteren Versuchen auf der Themse ermittelte Bazalgette außerhalb des Stadtgebiets den Punkt, bei dem eine Einleitung nicht durch die Gezeiten zurückgestaut wurde. Diese Abwässer wurden dann in großen Abwassersammlern nach Ostlondon geleitet, wo sie mit weniger negativen Effekten für die städtische Bevölkerung in den Fluss eingeleitet wurden. Schließlich empfahl Bazalgette auch die Filtration des Trinkwasers zu Verbesserung der Wasserqualität. Die britische Metropole wurde dank dieser Aktivitäten in nur einem Jahrzehnt eine saubere Stadt.

Berlin

Köln Der denkmalgeschützte Kronleuchtersaal der Kölner Kanalisation

Wie in London, so litten auch in Berlin die Menschen unter den anwachsenden Abwassermengen. Aufgrund des Wirkens des Arztes Rudolf Virchow und des Stadtbaurats James Hobrecht, begann man 1873 mit dem Bau der Kanalisation. Hobrecht erdachte für Berlin ein zwölfteiliges Radialsystem, das zwölf eigenständige Abwasser-Gebiete umfasste. In diesen Gebieten führten unterirdische Kanäle und Sammler zu jeweils einer Pumpstation. Von dort wurden das Hausabwasser und das Regenwasser über Druckleitungen in Absatzbecken gepumpt, wo sich die Schwebstoffe ablagerten. Erst danach transportierte man das Abwasser auf Rieselfelder. Gefiltert vom sandigen Boden floss das Wasser über Gräben und Flüsse ab.

1887 waren bereits 1,15 Millionen Berliner, die 42 Millionen Kubikmeter Abwasser im Jahr produzierten, an das System angeschlossen. Aber mit der Industrialisierung gelangten auch Abwässer in die Kanalisation und auf die Felder, die Schwermetalle und andere Schadstoffe enthielten. Bald wuchsen dort keine Bäume mehr. Teilweise setzte man Intensivfilter ein. Doch eine umweltfreundliche Lösung brachten aber erst die modernen Klärwerke. fini

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Veröffentlicht am 06. August 2009

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