Thema: Kreativ
Text: Joachim Zischke
Kreativität ist ein Schaffen, das Nutzen bringt. Ein nicht hierarchisch-methodisches Denken, wie es in unserer westlichen Kultur gepflegt wird, kann dennoch zu nutzbringenden und praktikablen Lösungen führen, wie das Beispiel der Mundurucu-Indianer am Amazonas zeigt. Kreativität, die Nutzen bringen soll, verlangt nach einem Umfeld, das ein unabsichtliches, impulsgesteuertes und intuitives Denken und Handeln zulässt.

Wie kann man rechnen, wenn man keine Wörter für Zahlen hat? Dieser Frage gingen französische Naturwissenschaftler im Amazonas-Gebiet nach, wo sie die Mundurucu-Indianer beobachteten. In der Sprache dieses Stammes gibt es nur Wörter für Zahlen von eins bis vier. Statt der Fünf kommt dann eine Zahl, die wortwörtlich übersetzt Hand voll heißt. Sie umschreibt Mengen von vier bis acht Objekten. Danach kommt zwei Handvoll und auch das ist eine ziemlich vage Mengenangabe.
Stanislas Dehaene, Neurowissenschaftler am französischen Forschungszentrum CEA in Saclay, beschreibt das Verhalten der Mundurucu wie folgt: »Interessanterweise können sie Zahlen nicht abzählen: Sie können nicht sagen: ’1, 2, 3, 4, 5‘, so wie wir das machen. Trotzdem haben unsere Untersuchungen ergeben, dass die Mundurucu eine sehr ausgeprägte Wahrnehmung für Zahlen haben.
Wir haben ihnen eine waagerechte Linie gezeigt. Am linken Ende der Linie war ein Punkt zu sehen und am rechten Ende befanden sich zehn Punkte. Und dann gaben wir ihnen eine bestimmte Zahl dazwischen — entweder in Worten oder non-verbal, zum Beispiel mit einer Anzahl von Steinen. Und die Mundurucu mussten uns dann zeigen, wo auf der Linie diese Anzahl hingehört. Dabei stellte sich heraus: Sie haben keine lineare Vorstellung von den Zahlen, sondern eine logarithmische.«
Das heißt, je größer eine Zahl, desto näher liegt sie für die Mundurucu beieinander. Die Fünf liegt nicht in der Mitte zwischen Eins und Neun, sondern eher bei der Neun. Denn sowohl Fünf als auch Neun sind für sie schon recht viele Steine.
Kreativität ist ein Schaffen, das Nutzen bringt
Was ist Kreativität? Wer ist kreativ? Antworten auf diese Fragen sind Legion. Wie uns das Beispiel der Mundurucu zeigt, führt ein nicht hierarchisch-methodisches Denken, ein Denken, wie es in unserer westlichen Kultur gepflegt wird, dennoch zu nutzbringenden und praktikablen Lösungen. Unser stringent lineares Punkt-zu-Punkt-Denken, das programmatische if–then–else if–end if-Denkmuster, das sich in all unseren Handlungs- und Organisationsformen widerspiegelt, duldet keine unscharfen, stimulativ erzeugten Netzwerkbildungen unseres Gehirns. Das ist jedoch erforderlich, wenn kreatives Schaffen Nutzen bringen soll. Kreativität verlangt nach einem Umfeld, das ein unabsichtliches, impulsgesteuertes und intuitives Denken und Handeln zulässt.
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Bedeutungen (von links):
Löwenpranke, Totempfahl, Großer Meister ratlos, Napoleon, Schneckenpost
Autoren: Laszlo Drotos, Michael Maier, Bruce J. Barton, Paul Curicio, Robert Mudry
Hierarchische Ebenen in Unternehmen und Institutionen sind für eine kreative Entwicklung wenig hilfreich. Organisationsstrukturen, welche ihre Mitglieder noch durch eine Kontrolle der Kommunikation blockieren — fehlende Anreize und Belohnungen inklusive — fördern die emotionale Verarmung. Das Resultat sind innere Kündigung und die fehlende Bereitschaft, sich selbst fortzuentwickeln. Das Bekenntnis zur Innovation — die erfolgreiche Umsetzung einer Idee — ist in Wirklichkeit nur noch eine hohle Floskel. Auch die von Managern gerne favorisierten Ansätze einer systematischen Ideen- und Lösungsentwicklung bergen eine Gefahr für die kreative Entfaltung: Systematik bedeutet die Bewegung innerhalb definierter Parameter. Das wiederum legt nicht nur den Einsatz genormter und kontrollierbarer Prozesse und Routinen nahe, sondern impliziert auch ein erwartetes Ergebnis.
Eine positiv gestimmte Kommunikation, spielerisch inszenierte Dialoge unter Mitarbeitern und stressfreie Zeiträume können ein kreatives Klima entscheidend fördern. Sinnvoll ist auch die Anwendung bestimmter Techniken zum Aufgabenlösen; sie vermögen unsere Gedanken, Imagination und Intuition zu beflügeln und auf die richtigen Denk-Wege zu leiten. Eine wichtige Voraussetzung erfolgreicher kreativer Entwicklungen ist, eine Problemstellung stets als offenes Problem zu beschreiben. So bleibt der Freiraum erhalten, um aus dem Schaffen Nutzen zu erbringen. 
Links:
Kopf und Zahl — Wie der Mensch zur Mathematik kam
Log or Linear? Distinct Intuitions of the Number Scale in Western and Amazonian Indigene Cultures. In: Science Magazine, 2008
Veröffentlicht am 04. Juni 2009