Das Digitalisieren des Wissens verändert nicht nur, wie wir lernen und Informationen aufnehmen. Das verlagern unseres Wissens in externe Informationsquellen verändert auch unsere Denkfähigkeit und Kompetenz des Problemlösens.

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Wissen

Über das Lernen, das Digitalisieren des Wissens und das Denken

Text: Joachim Zischke

Das Digitalisieren des Wissens verändert nicht nur, wie wir lernen und Informationen aufnehmen. Das Verlagern unseres Wissens in externe Informationsquellen verändert auch unsere Denkfähigkeit und Kompetenz des Problemlösens.

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Wir Menschen lernen sehr unterschiedlich. Jeder verfügt über einen ganz persönlichen Lernstil: Der Eine lernt mehr durch Hören und Sprechen (auditiver Lerntyp), indem er einem anderen beim Vorlesen eines Textes zuhört oder selbst Texte nachspricht. Ein Anderer bevorzugt einen visuellen Lernstil (durch das Auge, durch Beobachtung), lässt sich gerne von Texten, Grafiken und Illustrationen anleiten, um Inhalte zu verstehen. Und ein kinästhetisch oder haptisch orientierter Mensch lernt am besten dadurch, dass er selbst handelt, sich bewegt, — beispielsweise durch Ausprobieren, Rollenspiele oder Gruppenaktivitäten.

Die Aufzählung der Lernstile ist exemplarisch und lässt sich in weiteren Typen beschreiben. Nicht immer ist der bevorzugte Lernstil eindeutig festzulegen. In der Praxis erscheinen vielmehr Kombinationen, die sich auch flexibel den jeweiligen Gegebenheiten anpassen.

Die angeführte Lerntypentheorie geht im Wesentlichen auf Frederic Vesters Buch Denken, Lernen, Vergessen zurück. Auch wenn dieser Ansatz innerhalb der Kognitionswissenschaft kritisch beurteilt wird, bestätigen neuere Forschungsergebnisse — unter anderem aus der Neurologie, Informatik, Kreativitäts- und Chaosforschung — eine Ausprägung bestimmter Wahrnehmungsstile. Für den Informatiker und Philosophen Klaus Mainzer wird »das visuell-räumliche Begreifen zum zentralen Informationskanal im Zeitalter von Multimedia und virtueller Realität. Wir sind haptisch, emotional und visuell-anschaulich orientierte Menschen. Unsere emotionale Intelligenz und visuelle Anschauung bestimmen bis heute unsere Überlegenheit gegenüber den Maschinen«. [1]

Digitale Informationswelten

Der Computer als Leittechnik bei der Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologie führt auch im Alltag zu einer Digitalisierung aller Formen von Wissen. Dabei wird der Aufmerksamkeit — bis vor einigen Jahren noch ein Klassiker der Psychologie — immer mehr zum geschäftlichen Konzept, da sie Auswirkungen auf das Lernen und Wahrnehmen haben wird.

Die Erfindung des Schreibens und der Umgang mit Texten nahm Einfluss auf die kognitive Evolution und die Intelligenz der Menschen: So lernten sie, linear zu denken und konsequenter zu argumentieren. Heute sind durch die Bilderflut der Medien visuelle Kompetenz und visuelle Intelligenz von einem Betrachter gefordert. Doch auf Bilder und visuelles Wissen in einem sprach- und leseorientierten Lern- und Bildungssystem ist er nicht vorbereitet.

Ein weiterer Aspekt betrifft den Umgang mit Wissen selbst: Die Bedeutung inhaltlichen, spezifischen Wissens nimmt ab, während die Bedeutung von Kompetenzen im Umgang mit Wissen zunimmt. Nicht mehr primär Inhalte, sondern Techniken, Strategien und Werkzeuge zum Umgang mit Wissen bestimmen die Lernziele. Das Beantworten der Frage: »Wo finde ich welche Information?« wird wichtiger als das Wissen selbst.

Vermindert die Digitalisierung die Denkfähigkeit?

Schon Plato machte sich bei Einführung der Schrift Sorgen um das Gedächtnis. Der Einsatz des Computers scheint das Gedächtnis zu schonen. Er verleitet zur Anlage externer Gedächtnisse, wie Datenbanken, ja, selbst zum elektronisch geführten Terminkalender. Das mündet dann in die Aufgabe, das digitalisierte Wissen mihilfe spezieller Geräte und Verfahren wieder nutzbar zu machen.

Aus der frühen Neuzeit gibt es von Jesuiten Schriften darüber, wie das in Büchern Gelesene zu verarbeiten sei. Gegen die Befürchtung, das Exzerpieren sei dem Gedächtnis abträglich, weil man sich dann auf das Aufgeschriebene verlasse, argumentierte schon Saccini 1614. Er befand, dass mit dem Exzerpieren auch aufmerksamer gelesen werde, und dass sich der Exzerpierende durch das Herausschreiben von Textpassagen das Kopierte noch einmal besonders bewusst mache. Doch wer macht sich unter der Vorherrschaft von Internet und digitalen Informationswelten noch die Mühe, Texte in ein Notizbuch abzuschreiben, nur um diese besser und dauerhafter in seinem Gedächtnis zu verankern?

Wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Informationen, die wir nicht im Gedächtnis vorrätig halten, uns beim Denken und Problemlösen auch nicht zur Verfügung stehen können. Das Denken, eine komplexe intellektuelle Fähigkeit, erfordert mehr als nur das Durchstöbern externer Informationsquellen. Diese mögen uns vielerlei Daten und Fakten schnell bereitstellen. Das für eine effiziente Nutzanwendung erforderliche Know-how ist im Lieferumfang dieser externen Quellen allerdings nicht enthalten. fini

[1] Peez, Georg und Schacht, Michael: Wir sind haptisch, emotional und visuell-anschaulich orientierte Menschen. In: BDK Mitteilungen, Fachzeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieher, 1/2001, S. 6–9

Veröffentlicht am 05. März 2010

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