Einkaufen kann wertvoll sein
Text: Alexander von Keyserlingk
Worin liegt der Sinn, bis zu 50.000 Euro Miete nur für die vier Wände eines Modeladens zu zahlen, wenn in den Nebenstraßen nicht nur günstigere Mieten, sondern auch ein menschliches Ambiente möglich sind? fragt sich der einkaufbummelnde Autor.
An immer mehr Orten in Deutschland kostet ein Ladenlokal in hochfrequenter 1A-Lage, wie stark besuchte Fußgängerzonen im Fachjargon klassifiziert werden, bis zu 250 Euro Miete im Monat — pro Quadratmeter. Ein mittelgroßer Modeladen beispielsweise zahlt dort also alle 30 Tage 50.000 Euro, nur für seine vier Wände. Und hat damit noch keine Nebenkosten, Mitarbeiter, Werbung — vor allem aber keine Ware finanziert.
Wo ist der Sinn?
Es gab schon immer luxuriöse Einkaufsstraßen, exklusive Adressen und Geschäfte, die zahlungskräftigen Menschen vorbehalten waren. Dort konnte man Handgefertigtes kaufen, rare Spezialitäten, Manufakturprodukte, aus seltenen Rohstoffen, kostbar, Unikate bisweilen. Der hohe Preis dieser Produkte entstand früher aus ihrer natürlichen Knappheit.
Heute wird der Produktpreis durch die zu erzielende Rendite, den Gewinn, von oben bestimmt. Beispielhaft etwa so:
Marketing
+ (übersee-)Logistik
+ Laden-Miete
+ gewünschter Ertrag
= fiktiver Verkaufspreis.
Nun geht’s in der Rechnung umgekehrt zurück: Das Produkt darf laut Zielgruppenanalyse nur soundso viel kosten, dann bleibt für den Netto-Wareneinsatz (Material, Löhne, Fertigung, Verpackung) mit Zähneknirschen, sagen wir, zehn Prozent vom Verkaufspreis. Schräg? Normal.
Was bezahlen wir also?
Die gestresste, ungeschulte Aushilfe an der Kasse. Ein statisches Wegeleitsystem zur schnellen Kundenorientierung. Kaufhausmäßige Rolltreppen im gewollt-lifestyligen Flagship-Store. Die schillernde City-Light-Kampagne. Den einkalkulierten Reduzierungs-Rabatt. Und ein bisschen das Produkt an sich.
Auf jeden Fall bezahlen wir (in diesen übervollen Highstreets) Gedrängel, Gepöbel, grelles Licht, ausgetüftelt wenig Umkleidekabinen für den schnellen Impulskauf, aufsteigende Hitze. Wir bezahlen mit Geld, Stress, Frust, ungeliebten Umtauschen — und dem ewigen Gefühl, doch noch zu viel bezahlt zu haben. Auch das ist eine Art von Einkaufserlebnis. Aber inspirierend ist hier nur selten etwas.
»Die Läden sind entweder fort oder doof.«
Die Nebenstraßen sind hingegen leer, die Läden dort sind entweder fort oder doof. Wer um die Ecken schaut, sieht es überall — in der Metropole und in der Kreisstadt. Bestenfalls als Blickfang beim Rückstau zum Parkhaus nimmt man den Hörgeräte-Akustiker, den Balkan-Grill, das City-Hotel Garni wahr.
Doch da — gleich zu Beginn der Parallelstraße, in ausgewiesener 2B-Lage, wirft ein erleuchtetes Schaufenster Schatten auf den Gehweg. Sieht irgendwie anders aus. Der Anzug ist raffiniert geschnitten, hat einen tollen Griff. Preislich ist er gerade noch im Limit, die Beratung ist respektvoll, fast freundschaftlich. Über die Ware in der Tragetasche wird Seidenpapier gelegt. Aus Respekt vor dem Anzug. Auf Wiedersehen, und vielen Dank! Das muss ich meinem Kollegen erzählen, den Laden kennt der bestimmt nicht.
Daneben duftet es nach Frischem, leise Gespräche vor zischendem Milchaufschäumer. Es wird gemunkelt, dass gegenüber bald zwei neue Geschäfte eröffnen, wenn das Haus fertig renoviert wurde. Die neuen Mieter können dann gemeinsam den Innenhof nutzen, für die Gartenmöbel-Ausstellung oder ein temporäres Zelt mit Kosmetikberatung oder das Sommerfest oder den Weihnachtsmarkt. Eine Schmuckgalerie mietet sich im Gewölbekeller ein.
Hier müsste jetzt jemand noch den alten, holzvertäfelten Optikerladen in Nr. 12 übernehmen, der letztes Jahr aus Altersgründen nach 65 Jahren aufgegeben hat.
Die Miete ist günstig, die Zeit ist reif. 
Veröffentlicht am 07. August 2008
Kommentare: 2
1. Det Mueller | 12. August 2008 13:26
Den Optikerladen würd ich gern übernehmen – allein schon deshalb, um mehr solche Gebäude und Stimmungen zu erhalten. Meran und Bozen kenne ich aus eigener Erfahrung und kann mich nur mit Sehnsucht an wirkliche Entdeckungen und Genüsse erinnern. In Köln, Aachen und Bonn gibt es vergleichbare Geheimadressen, die beim Genusseinkaufen einen verloren geglaubten Zauber zurück bringen. Slowretail ist auch mein Ding!!!
Vielleicht als “Bilderbuch Tipp” an Jo – Slowretail Führer Deutschland, jährliche Erscheinungsweise, mit Stories und Angebot…
Herzliche Grüße
Det Mueller
2. Joachim Zischke | 13. August 2008 09:00
Danke für deinen Tipp, Det.
Doch jetzt, da die Idee im www zu lesen ist — Macht nichts: Innovation ist nicht die Idee, sondern die erfolgreiche Umsetzung der Idee.
Beste Grüsse, Jo