Wirtschaft

Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Nachhaltigkeit

Text: Joachim Zischke

»Ohne stärkeres Wirtschaftswachstum kein sicherer Wohlstand« lese ich in der Studie Deutschland 2020 eines Wirtschaftsberatungsunternehmens. Doch ist mehr Wachstum gleichbedeutend mit mehr Wohlstand? Können Wohlstand durch Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zusammen passen?

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Ich lebe in einem Dorf in der Heide. Immer, wenn der Agraringenieur Eugen mit seinem Traktor und dem Gülletankwagen durchs Dorf fährt, erfahren wir intuitiv durch die Nase, was Wachstum und Nachhaltigkeit bedeuten. Doch Scherz beiseite.

»Manchmal hilft ein Blick zurück, um mit Optimismus in die Zukunft zu blicken. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, im Rhein schwimmen wieder Fische, sogar solche, die vom Aussterben bedroht waren. Die Bilanz nach 35 Jahren Umweltpolitik kann sich sehen lassen. Maßgeblichen Anteil daran hat die gewerbliche Wirtschaft. Ihre Anstrengungen, die Luftschadstoffe zu vermindern, waren erfolgreich: Seit 1990 hat sie den Ausstoß von Schwefeldioxid um mehr als 90 Prozent, von Stickstoffoxiden um rund 50 Prozent und von Feinstaub um 85 Prozent reduziert.«

Dieses Zitat stammt von der Bundesregierung, veröffentlicht in der Juli-Ausgabe des online erscheinenden Magazin für Wirtschaft und Finanzen [1]. Das Fazit: »Nachhaltige Wirtschaftspolitik schafft Wohlstand«

Nun kann man sicherlich fragen, warum es 35 Jahre dauern musste, bis der Ruhrhimmel wieder in Blau erstrahlt. Und auch, warum aufgrund der heutigen Feinstaubbelastungen in den Städten Umweltzonen eingerichtet werden müssen, wenn doch eine Reduzierung um 85 Prozent erfolgte. Jonglieren wir hier vielleicht mit falschen Zahlen aus der Vergangenheit, um die Zukunft rosiger aussehen zu lassen? —

Wirtschaftspolitik bedeutet primär, die Voraussetzungen für Wohlstand zu verbessern, mehr Wachstum und Beschäftigung zu schaffen und dadurch ein effizientes, kostengünstiges Wirtschaften zu ermöglichen. Mit Wirtschaftswachstum bezeichnen wir die dauerhafte, also langfristige Zunahme des realen Sozialprodukts je Einwohner, welches das monetär bewertete Ergebnis des Wirtschaftens einer Volkswirtschaft ausdrückt. Dabei wird eine Gleichsetzung von Wachstum, gesellschaftlicher Wohlstandsmehrung und Fortschritt angenommen. [2] Doch ist mehr Wachstum wirklich gleichbedeutend mit mehr Wohlstand? Erleben wir nicht gerade in diesen Tagen, dass sich die Kluft zwischen wirtschaftlichem Reichtum und öffentlicher Armut vergrößert?

»Wohlstand ist ein subjektives Wohlbefinden.«

Ich denke, wir sollten hier unsere Denkansätze überprüfen. Es ist zu überlegen, was wir unter Wohlstand verstehen wollen. Wohlstand ist ein subjektives Wohlbefinden. Wir meinen heute damit nicht eine Mindestversorgung mit wirtschaftlichen Gütern, sondern ein vergleichsweise hohes Versorgungsniveau, einen relativen Reichtum. Muss sich aber Wohlstand beispielsweise in immer größeren Fahrzeugen ausdrücken, die uns nicht nur das Aussteigen auf Parkplätzen erschweren, sondern auch den Flächenverbrauch nach oben treiben, ganz abgesehen von den höheren Werten des Verbrauchs und des Schadstoffausstoßes?

Wohlstand spiegelt sich auch in Begriffen wie Lebensqualität und Lebensgenuss. Was macht ein glückliches und zufriedenes Leben aus? Die einfache Antwort könnte lauten: Mit einem Minimum an Gütern ein Maximum an Lebensqualität und Lebensgenuss erreichen. Der Begriff Wohlstand erhält so eine neue Bedeutung durch die Nachhaltigkeit. Damit ist nicht nur die bloße Menge an Gütern gemeint, sondern das Wohlbefinden mit Gütern. Auch die Frage, ob glückliche Menschen länger leben, weil sie glücklich sind, oder ob sie nur glücklich sind, weil sie länger leben, verzahnt sich mit diesem Themenkreis. Im Journal of Happiness Studies schreiben holländische Forscher, dass, wer halbwegs gesund und glücklich ist, im allgemeinen länger lebt als seine unglücklichen Mitmenschen. Sein Glück kann ihn vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad vor Krankheiten und vor allem vor Stress schützen. Nachhaltigkeit als Grundlage unseres Lebensglücks?

»Einfach leben — mit Stil.« Ernest Callenbach

Nachhaltigkeit kann so zum Gestaltungsprinzip eines qualitativen Wachstums werden. Es geht dabei nicht nur um eine neue Ethik, sondern auch um eine neue Ästhetik. Nicht das immer wieder Neue beglückt, sondern das Schöne, das Anmutende, das handwerklich Ansprechende, das liebevoll Gestaltete. So konzentrieren wir uns, ganz ohne Verzichtsübungen, auf wahre Werte. Und kommen so zum zentralen Merkmal der Idee: dem Ausgleich der Interessen aller an einem Prozess Beteiligten. Diese Art von Nachhaltigkeit spiegelt sich heute bereits in Konsum- und Lebensstilen wider.

Verbraucher-Segmente

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  • LOHAS: grüne Käufer, der Umwelt verpflichtet
  • Naturalisten: Konsumenten mit starken Präferenzen zu naturnahen/biologisch erzeugten, gesunden Nahrungsmitteln und Getränken
  • Unbeständige: Haben gute Absichten, jedoch beeinflussen andere Faktoren, wie Preis oder Trends, die Einkaufsentscheidung
  • Konventionelle: Verfügen über keine grüne Einstellung, praktizieren jedoch umweltgerechtes Handeln, beispielsweise Mülltrennung, Recycling
  • Unbekümmerte: Umwelt hat für diese Gruppe keine Priorität

Quelle: Natural Marketing Institute, 2006

Links:
[1] Nachhaltige Wirtschaftspolitik
[2] Begriff und Indikatoren nachhaltigen Wirtschaftens. Journal of Social Science Education, Bielefeld, 2000.

Veröffentlicht am 07. August 2008

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