Erkenne dich selbst. Oder: Führen Profilgeneratoren zu den richtigen Erkenntnissen?

Das Werkzeug Leonardo 3.4.5 wird als ein leicht einzusetzendes Expertensystem beschrieben, das Menschen in Ihrem Verständnis für das Zusammenarbeiten von Teams unterstützt. Es dient dabei aber auch Individuen und Personalern als profiling tool, um eigene Stärken (und Schwächen) und die von Probanden kennen zu lernen. DIALOGUS Magazin sprach mit Professor Dr. Heiko Hansjosten über die Anwendung dieses Werkzeugs und möglicher Vorbehalte gegenüber dem Einsatz im Personalwesen.

icon Joachim Zischke: Herr Professor Hansjosten, schaut man auf die Website von Leonardo 3.4.5, dann sieht man eine relativ schlichte Präsentation. Man findet auch Informationen darüber, dass hier vor einigen Jahren ein EU-Projekt realisiert wurde. Ist das wieder einmal so eine EU-Projekt-Entwicklung ohne nennenswerte Resultate?

hansjostenProf. Dr. Heiko Hansjosten
Dipl.-Kfm., Dr. rer. pol., Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Human Resources Management an der FOM-Fachhochschule für Oekonomie & Management, Luxembourg.
Heiko Hansjosten hat der an der Entwicklung von Leonardo 3.4.5 gearbeitet und observiert und entwickelt derzeit das Tool weiter. Er besitzt eine mehrjährige internationale Berufserfahrung in den Bereichen Personal- und Managemententwicklung, Entrepreneurship und Innovationsmanagement.

icon Heiko Hansjosten: (lacht) Nein, ist es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil das Projekt von verschiedenen Partnern weitergeführt wird und das Hauptresultat, nämlich das Tool Leonardo 3.4.5, aktiv genutzt und weiterentwickelt wird. Das Werkzeug wurde im Rahmen des Eureka-Projekts EU-1481 mit verschiedenen Forschungs- und Wirtschaftspartnern aus der Schweiz, Italien, Frankreich, Deutschland und England zu einer gleichermaßen wissenschaftlich fundierten wie praktisch funktionierenden Methode der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung entwickelt. Seit dem Abschluss des EU-Projektes im Jahr 2001 ruhte jedoch weder die Weiterentwicklung noch die Anwendung. Die Weiterentwicklung der letzten Jahre bezog sich vor allem auf die Schärfung des Fragebogenmoduls und die Beobachtung der statistischen Güte des Instruments bei mehr als 4000 Probanden. Die Resultate der statistischen Observation sind sehr viel versprechend. Die Anwendung findet in zwei Einsatzbereichen statt: zum einen in Unternehmen, die mit Leonardo 3.4.5 Prozesse der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung unterstützen, zum anderen in Hochschulen — hier wird das Tool sowohl in der Lehre mit Studierenden als auch in der Forschung eingesetzt.

Ein wissenschaftlich fundiertes Tool

Leonardo 3.4.5 ist aber mit Sicherheit — hier nehme ich Ihren Wink zur Website gern mit auf — keines der Hochglanzprojekte, die den beteiligten Unternehmen satte Gewinne einfahren. Dem entsprechend ist die Website schlicht gehalten. Wir sind aber sicher, dass der Zweck des Austausches zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in diesem Projekt bis heute überzeugend gelebt wird. Außerdem ist mit Leonardo 3.4.5 ein innovatives, wissenschaftlich fundiertes und solide funktionierendes Tool entstanden, das zwar weniger durch eine opulente Aufmachung, aber dafür umso mehr durch die Qualitäten des Instruments überzeugt.

icon Welche Modelle liegen dem Werkzeug zugrunde?

icon Die Konzeption von Leonardo 3.4.5 erfolgte auf einer interdisziplinären wissenschaftlichen Basis. Dies spiegelt sich auch in den verwendeten Modellen wider, die dem Tool zugrunde liegen:

  • ein systemisch begründetes Modell des Unternehmens oder der Organisation mit acht
    Funktionen, basierend auf der Theorie lebender Systeme (Miller) und diversen Managementansätzen (beispielsweise Belbin)
  • ein auf der Jungschen Persönlichkeitstypologie basierendes Modell der individuellen
    Verhaltenspräferenzen bei der Arbeit
  • ein von uns neu entwickeltes Modell der Organisationsstrategien.

icon Wie funktioniert die Anwendung? Welche Fragen kann es beantworten?

icon Der erste Schritt bei der Anwendung ist die Bearbeitung eines 80 Items umfassenden Fragebogens durch den Probanden. Der Fragebogen ist online abrufbar ist und kann am Computer ausgefüllt werden kann. Das Fragebogen-Programm generiert selbständig eine Antwortdatei, mittels derer akkreditierte Berater online unterschiedlich ausführliche Profile erstellen können. Das Ganze funktioniert (untereinander kompatibel) in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch.

Qualität der Profile

Der besondere Mehrwert des Tools liegt in der Qualität der Profile, in der Anpassung an internationale Arbeitsumfelder und die weiterführenden Aussagen zu Themen wie Qualität und Strategie, ohne jedoch ins Theoretisierende abzurücken.

Leonardo 3.4.5 gibt dem Probanden unter anderem konkrete Antworten auf Fragen wie beispielsweise: Wie sehen meine Arbeitspräferenzen aus? Welche Teamrollen passen zu mir? Wie wird mein Profil durch andere ergänzt (Komplementarität)? Welchen Beitrag kann ich zu Qualität und Strategie in meiner Organisation leisten?

icon Ist es nicht so, dass Profilgeneratoren wie Leonardo 3.4.5 in deutschen Unternehmen eher mit Skepsis betrachtet werden und deswegen auch nicht so verbreitet und im Markt bekannt sind? Worin sehen Sie mögliche Ursache derartigen Verhaltens? Was hindert die Personaler, das Tool zu nutzen, obwohl sie doch immer nach passenden Werkzeugen rufen?

Leonardo Leornardo da Vinci | Groteske Köpfe

icon Ich denke, man kann nicht von einer grundsätzlichen Skepsis sprechen, denn Instrumente wie Leonardo 3.4.5 und vergleichbare Tools werden ja de facto auch in deutschen Unternehmen eingesetzt. Ich gebe Ihnen aber vollkommen Recht, dass deutsche Unternehmen solche Instrumente seltener einsetzen als beispielsweise US-amerikanische Unternehmen. Meines Erachtens spielen da zwei Effekte eine Rolle. Zum einen ist es eine gewisse skeptische Grundhaltung gegenüber allem, was nach psychologischem Test aussieht, die Angst von Mitarbeitern, zum gläsernen Kandidaten zu werden, ohne wirklich zu verstehen, wie solche Instrumente funktionieren. Diese kritische Grundhaltung ist meines Erachtens nachvollziehbar und ein Stück weit normal. Sie weicht jedoch in der Regel sehr schnell, wenn Menschen selbst einmal mit solchen Tools wie Leonardo 3.4.5 oder anderen Instrumenten gearbeitet haben.

Windhundverfahren in der Personalentwicklung

Der andere Punkt ist allgemeiner, nämlich die Tatsache, dass Personalentwicklung in vielen Unternehmen immer noch nach einem Windhundverfahren durchgeführt wird, sozusagen auf Zuruf, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist oder hinein zu fallen droht. Personal wird derzeit noch zu wenig als strategische Ressource begriffen, die es kontinuierlich zu entwickeln gilt. So kommt es häufig vor, dass zum Beispiel Teamentwicklung erst dann begonnen wird, wenn es bereits brodelt oder Konflikte eskaliert sind. In konfliktbeladenen Situation hingegen ist die Anwendung von Instrumenten wie Leonardo 3.4.5 kein, zumindest nicht der erste sinnvolle Schritt.

icon Sie hatten mir angeboten, Leonardo 3.4.5 näher kennen zu lernen. Dazu habe ich den auf der Website verfügbaren Fragebogen ausgefüllt und Ihnen die Antwortdatei zur Auswertung zugeschickt. Auf dieser Basis erstellten Sie mir mein eigenes Profil. Nun hatte ich über das Wochenende Ihre Auswertung des Musterprofils angesehen. Mein Erlebnis dabei teile ich in zwei Phasen ein.
Die erste Phase war mehr euphorischer, überraschender, bestätigender Natur. Ich war erstaunt, wie gut viele meiner Fähigkeiten, die ich schon für mich analysiert und eingeordnet hatte, getroffen und beschrieben wurden.
In der zweiten Phase, mit einem Versatz von ungefähr vier Stunden, kroch ein ungewisses, beklemmendes Unbehagen heran. Das resultierte aus der Überlegung: Wenn Leonardo 3.4.5 in der Lage ist, aus diesen relativ wenigen 80 Fragen eine derart deckungsgleiche Analyse zu erzeugen, was kann das Werkzeug noch aufdecken, das im Profil überhaupt nicht zutage tritt, allerdings vielleicht nur einem bestimmten Personenkreis zugänglich gemacht werden kann?
Meine Einschätzung: Leonardo 3.4.5 ist für den Probanden eine Black Box. Ich muss es einfach glauben, dass mit meinen Antworten nicht mehr Antworten erzeugt werden (können), als ich selbst zu sehen bekomme. Was sagen Sie dazu?

icon Ich muss zugeben, Sie etwas überfallen zu haben, als ich Ihnen Ihr Musterprofil ohne grundlegende Einführung in das Tool zugeschickt habe. Um es vorweg zu nehmen: In der Anwendungspraxis von Leonardo 3.4.5 sieht der Prozess anders aus. Aber zunächst noch einmal zurück zu Ihrer Erfahrung: Was Sie erfahren haben, ist, dass Profilgeneratoren wie Leonardo 3.4.5 im Allgemeinen gut funktionieren, d.h. sie treffen in aller Regel gut zutreffende Aussagen. So schön es für uns Entwickler ist, ein solches Ergebnis zu erzielen — umso mehr wenn das Ganze auch noch statistisch belegt werden kann —, so beunruhigend kann dieses Black-Box-Procedere für einen Probanden sein, der sich fragt: Was kann man da noch aus mir herauslesen, vielleicht sogar etwas, was mir selbst noch nicht bewusst ist? oder Wie sicher ist so ein Algorithmus gegenüber Falschinterpretationen? Eben so, wie es Ihnen ergangen ist.

Einarbeitung in die Systematik des Tools

Das ist auch der Grund, warum die Anwendungspraxis von Leonardo 3.4.5 anders aussieht. Bevor Probanden auf ihre Profil losgelassen wird, lernen sie in einem vorbereitendem Seminar die Grundlagen des Tools kennen. Dabei wird Ihnen transparent gemacht, wie das Tool funktioniert, welche Aussagen ein Profil bereitstellt und vor allem, welche nicht. Dazu gehören auch Informationen dazu, was mit dem Tool möglich ist und was nicht, eben zum Beispiel eine Lügendetektorfunktion oder weitergehende Auswertungen, die eben nicht möglich sind, und ein plausibles Warum. Auch lernen die Probanden das Konzept der Komplementarität kennen, in dem es keine guten und schlechten Profile gibt.

Leonardo 3.4.5 ist also ein Tool, welches die Arbeit mit einem akkreditierten Berater voraussetzt. Dieser übernimmt auch die Betreuung bei der Profilanalyse und nachfolgende Feedback-Gespräche mit den Probanden. Darauf in der praktischen Anwendung zu verzichten, wäre aus meiner Sicht kein seriöses Vorgehen.

icon Das Arbeiten mit diesem Werkzeug verlangt also unbedingt sowohl eine gewisse Vorbereitung des Probanden als auch eine Nachbearbeitung von seiten des Beraters.

icon Richtig. Die Anwendung eines Tools wie Leonardo 3.4.5 ist keine Angelegenheit, die mal auf die Schnelle zwischen Tür und Angel gemacht wird, sie braucht Zeit und Ressourcen. Leonardo 3.4.5 ist kein Quick-and-dirty-Test, mit dem man auf die Schnelle beispielsweise Bewerber aussortieren kann. Im Laufe der letzten Jahre gab es immer wieder Anfragen, ob man das nicht machen könne, ein deutlich abgespecktes Tool für Rekrutierungszwecke, das ohne großes Vorwissen schnell anwendbar ist. Aus unserem Selbstverständnis heraus haben wir dies abgelehnt, auch wenn es wirtschaftlich vielleicht lukrativ wäre.

Insofern ist das Thema Skepsis, das Sie bereits angesprochen haben, auch differenziert zu betrachten: Wenn man seriös mit einem solchen Tool arbeitet, d.h. entsprechende Informations- und Coaching-Sequenzen integriert, dann ist Skepsis eigentlich kein Thema. Auch eröffnet das Tool dann neue Möglichkeiten in der Zusammenstellung von Teams, in der Entwicklung von Organisationen.

icon Wie sehen Sie die Zukunft von Leonardo 3.4.5?

icon Leonardo 3.4.5 war zu Beginn seiner Entwicklung fast revolutionär, so dass wir heute davon ausgehen, dass die Zeit damals dafür noch nicht reif war. In den vergangenen Jahren hat die Sensibilisierung für den Faktor Humankapital angesichts der Dringlichkeit von Themen wie Internationalisierung, demographischer Entwicklung und Sicherung des Standortfaktors Humankapital jedoch zugenommen, wenn auch in eher leisen Schritten. So verstehen wir auch das anhaltende Interesse von Unternehmen an Leonardo 3.4.5 als Zeichen, dass wir mit diesem Tool auf dem richtigen Weg sind und sich eine Weiterentwicklung lohnt, gerade jetzt.
Der aktuelle Schock der Wirtschaftskrise sitzt bei vielen Unternehmen zwar vielleicht noch zu tief, um sich intensiv mit ihrem Humankapital und seinen Potenzialen auseinanderzusetzen. Kluge Unternehmen werden aber gerade jetzt die Chance ergreifen, ihre wichtigste Ressource auf Vordermann zu bringen, um sich so die dringend benötigte Innovationspotenziale zu sichern.
In den systemischen Grundlagen und in der Anwendung von Leonardo 3.4.5 lernen die Berater und die Probanden übrigens auch, Krisen als Chance zu Veränderung und Wachstum zu verstehen. Sie lernen, wie im Zusammenspiel der Humanressourcen Qualität und Innovation entstehen kann. Wenn das heute und in Zukunft nicht aktuell ist, wann dann?

icon Herr Professor Hansjosten, vielen Dank für das Gespräch.

Links:
Leonardo 3.4.5.
HumanCapitalConsulting Prof. Dr. Heiko Hansjosten