Das Prinzip der großen Zahl
Text: Joachim Zischke
Mein Sohn war Fünf oder Sechs, als er in eine Art euphorische Zahlenphase geriet: Mit seinem Freund wetteiferte er, wer die größtmögliche Zahl erfinden und aufsagen könnte. Wir hatten keine Chance ihn zu bremsen. Er war wie im Wahn, der ihn zu immer riesigeren Zahlenkonstruktionen führte. Es endete nach einigen Tagen mit der unglaublich klingenden, exhorbitanten Zahl Fünfhundertausendmillionenmilliarden.
Heute Morgen schlage ich die Zeitung auf und lese:
Konjunkturpaket II mit 50 Milliarden verabschiedet
Jetzt auch Unternehmensschirm über 100 Milliarden
Bedarf bei HRE auf 110 Milliarden gestiegen
Rettungsschirm der Banken auf 480 Milliarden erhöht
Rettungspaket von 780 Milliarden vom Kongress genehmigt
Ich falte die Zeitung wieder zusammen und frage mich: In welcher Welt lebe ich eigentlich? Und gebe mir selbst gleich die Antwort: In einer Welt der Fünf- und Sechsjährigen.
Das, was derzeit als Finanz- und Wirtschaftskrise bezeichnet vor meinen Augen abläuft, ist nicht die Welt von Erwachsenen, von diplomierten oder promovierten Betriebs-, Finanz- oder Volkswirten und Wirtschaftsweisen.
Es ist die Welt von pathologisch relevanten Gehirnen, die dem Prinzip der großen Zahl erlegen sind. Große Zahlen erscheinen wichtig, noch größere erscheinen noch wichtiger. In der großen Zahl liegt unser Schicksal, so lautet ihr Credo. Sie riskieren waghalsige Manöver, nur um große und noch größere Zahlen hervor zu bringen.
Sie wiederholen ein Spiel aus den Kindertagen, in dem sie sich mit großen Zahlen zu übertreffen versuchten:
Zylinder: 8 — 12!
Hubraum: 6990 ccm — 12 200!
Geschwindigkeit: 224 km/h — 331!
Rendite: 18 % — 25,7!
Fondsvermögen: 1,75 Milliarden — 17,5 Milliarden!
Es ist die eindimensionale Welt von Menschen, die der Illusion erliegen, bei einem Vergleich zweier Zahlen stehe die größere immer für Erfolg und für Wachstum. Und sollte einmal die Logik wider Erwarten die Zeichen umkehren lassen, wird schnell ein Minuswachstum daraus.
Nur das Zauberwort nicht aufgeben. Es immer vor sich hin murmeln, für immer fest daran glauben. Wachstum — das Mantra, das nicht untergehen darf, auch wenn die Welt untergeht.
Update 09.03.2009
Nach einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank hat die Finanzkrise bisher weltweit Vermögenswerte im Umfang von 50.000.000.000.000 (in Worten: 50 Billionen) Dollar vernichtet. Noch Fragen?

Veröffentlicht am 05. März 2009