Wirtschaft

Das Planspiel in der Personalentwicklung

Text: Joachim Zischke

Teil 1: Die Planspiel-Methode

Planspiele ermöglichen realitätsnahe Erfahrungen und verbinden kognitive Dimensionen mit Gefühlen und konkreten Handlungssituationen. Planspiele erlauben subjektive Wahrnehmungen und Interpretationen und die Verknüpfung mit den Sichtweisen anderer Menschen. Planspiele regen zum Nachdenken und Vertiefen von Zusammenhängen an, indem sie von der konkreten Erfahrung zur Abstraktion und Verallgemeinerung führen.

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Ich besuchte einmal den Personalchef eines mittelständischen Unternehmens. Auf dem Konferenztisch stand, neben obligatem Kaffee und Keksen, ein Halma-Spiel. »Hier sehen Sie unsere wichtigsten Mitarbeiter«, begann der Personaler. Er zeigte dabei auf das Spielbrett, wo ich eine bunte Anzahl von scheinbar konfus arrangierten Figuren erblickte. Einer roten Figur, die in der dritten Reihe in einem der roten Sternzacken stand, legte er einen Zeigefinger auf den Kopf. »Das ist BSC, unser zielstrebiger Controller«, fuhr der Personalchef fort. »Und hier steht SKR, der Chef des Rechnungswesens, in der Spitze des Sterns, schon im fortgeschrittenen Alter, vielleicht etwas amtsmüde. Wie Sie sehen, ist seine Figur aus Holz gedrechselt, während der Controller aus Kunststoff gemacht ist. Warum das so ist, sehen Sie jetzt gleich.« Und damit griff er sich den Controller, liess ihn ein paar Felder weit hüpfen und stülpte ihn dann dem Rechnungschef über. »Nun hat BSC den Chefposten geerbt«, freute sich der Personalchef und lachte vergnügt. »So spielen wir.«

Zurück in meinem Büro dachte ich über die erlebte Szene nach. Wohl erkannte ich in der Anordnung der Halmafiguren eine gewisse Logik und das Bemühen, komplexe Zusammenhänge sichtbar und greifbar zu machen. Aber die Art und Weise, mit welcher der Personalchef den Leiter des Rechnungswesens würdigte, irritierte mich doch sehr. Dürfen Mitarbeiter Figuren sein, die auf einem Spielbrett hin und her geschoben werden?

point Die Planspiel-Methode

Eigentlich war die Idee des Personalchefs gar nicht so verkehrt. Spielte er doch, vielleicht unbewusst, ein Planspiel. Das Planspiel vereinigt, wie der Name bereits andeutet, das Planen und Spielen in einem Vorgang. Das uns seit Kindheit anhaftende Verhalten, Unbekanntes im Versuch-und-Irrtum-Verfahren spielerisch zu erkunden, wird im Planspiel mithilfe geplanter Aufgaben, Ereignissen und Regeln sowie gezielten Spiel-Anreizen und -Elementen derart kombiniert, dass es uns einfach Freude macht, Neues zu entdecken und zu lernen.

Erzähle mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere.
Lasse mich tun und ich verstehe.

Konfuzius

Spielerisches Lernen ist immer freiwilliges Lernen und damit ein wesentlicher Nutzeffekt der Planspiel-Methode. Wir können dabei unsere Vorstellungen und Ideen ungehindert ausprobieren, ohne mit unmittelbaren realen Konsequenzen rechnen zu müssen.

Die komplexen Strukturen von Wirtschaft und Wettbewerb, in denen sich jedes Unternehmen bewegt, werden durch Simulationen visualisiert und transparent gemacht. So können unterschiedliche Prozesse und Strategien gemeinsam von den Teilnehmern erlebt und in immer wieder neuen Situationen und Varianten durchgespielt werden. Planspiele vereinigen auf unterhaltsame Art das Lernen, die Wissensbildung und die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Gruppen.

point Elektronische versus haptische Planspiele

Lebensbegleitendes Lernen ist seit Jahren ein zentraler Aspekt zukunftsgerichteter Bildungskonzepte. Strategiewechsel von Unternehmen und Organisationen ziehen meist eine Fülle von Qualifizierungsmaßnahmen nach sich. Für die Qualifikationsprofis der Personalentwicklung stellt sich die Frage nach den optimalen Methoden und Verfahren. In der Vergangenheit wurde häufig die Lösung durch Internet- oder Intranet-basierte Verfahren erwartet, wie beispielsweise dem Computer-Based-Training (CBT). Der Anfang des neuen Jahrtausends erklärte Boom des sogenannten eLearning blieb jedoch aus. Alle Formen des Online-Lernens weisen im Wesentlichen zwei Schwachpunkte auf, die für die fehlende Durchsetzung dieses Konzeptes verantwortlich sind: Hohe Kosten für die Erstellung der Lerneinheiten und die fehlende Interaktion und Kommunikation zwischen den am Lernprozess Beteiligten. Auch die Komplexität der einzusetzenden und anzuwendenden Technik sorgte nicht für die erwartete Akzeptanz.

point Computergestützte Planspiele

Die auf dem Markt angebotenen, computergestützten Planspiele, also Software-Anwendungen, verlagern die Simulation auf die Ebene des Monitors und damit in den Bearbeitungs- und Wirkungsbereich des einzelnen Teilnehmers. Häufig sind diese Anwendungen zu nahe an der Praxis angelehnt, zeigen also die gleichen Tabellen- und Berichtsreihen, wie sie der Teilnehmer aus dem wirklichen Leben her kennt. Gleichzeitig sind diese Simulationen zu weit vom eigentlichen Trainingsbedarf entfernt: Der Computer wird von den Teilnehmern als Black Box erlebt, welche die Grundlagen, Prozesse und das Zustandekommen der Ergebnisse im buchstäblichen Dunkeln lässt. Planspiel-Teilnehmer wollen Zusammenhänge erarbeiten, erkennen und verstehen, möglichst gemeinsam mit Kollegen oder in einem Team. Und sie möchten die Faszination des spielerischen Lernens erfahren.

point Brettplanspiele

Eine sinnvolle Alternative zu ausschließlich computergestützten Simulationen stellt das haptische, brettbasierte Planspiel dar. Nicht nur, dass diese Art von Lernspielen kostengünstiger und schneller entwickelt und variantenreicher gestaltet werden kann. Selbst komplexe Inhalte lassen sich sehr viel einfacher und verständlicher darstellen. Im Gegensatz zu Anwendungen auf Computer-Ebene greifen die Planspiel-Teilnehmer die Materialien — wie Spielsteine aus Holz, Aktionskarten, Chips, Münzen oder Figuren — tatsächlich mit den Händen. Der Vorteil dieses unmittelbaren Be-Greifens liegt auf der Hand: Ausgelöste Maßnahmen zeigen sich sofort in schlüssigen und nachvollziehbaren Auswirkungen. Gemeinsam erarbeiten die Teilnehmer eines Planspiels ihre Aufgaben- und Problemlösungen. Sie erschaffen damit selbstständig Wissen, das tiefer im Bewusstsein verankert wird, als dies mithilfe von eLearning möglich wäre. Interessant ist diese Form auch deshalb, weil sich eine Lerngruppe selbstgesteuert mit einem Thema oder Lernszenario befassen kann. Der Transfer in die Praxis funktioniert, da eine gemeinsame Basis geschaffen wird, auf der individuelle Lösungen diskutiert und getestet werden können.

Brettbasierte Planspiele erfordern nicht zwingend einen Computeranschluss. Die Lernumgebung kann daher in optimaler Weise den Bedürfnissen der Lernenden entsprechend ausgewählt und gestaltet werden. Die Kombination von geplanten Aufgaben und Inhalten und dem gemeinsamen spielerischen Erleben schafft eine ideale Voraussetzung für ein nutzbringendes Lernen. fini

Teil 2: Einsatzmöglichkeiten von Planspielen

Veröffentlicht am 05. Februar 2009

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