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Text: Joachim Zischke

Börsenmakler sind kaum in der Lage logisch zu denken. Alan Greenspan, der ehemalige US-Notenbankchef meinte, wir seien nicht klug genug, um die Komplexität der Finanzmärkte zu verstehen. – Was wir brauchen ist ein anderes Denken, das nicht Geld und Gewinn quasi zum Staatsziel erhebt, sondern wirtschaftliche Leistung und soziale Verantwortung in eine neue Balance bringt.

casinoAlan Greenspan, ehemaliger Chef der US-Notenbank, der einmal in einem Interview sagte: »Wenn Sie mich verstanden haben, habe ich mich nicht präzise genug ausgedrückt«, musste kürzlich bei einer Anhörung vor dem US-Kongress zugeben, dass er und seine Experten die Finanzkrise nicht nur nicht erahnten, sondern deren Ursache und Wirkung gar nicht verstanden haben. »Ich habe falsch gelegen mit der Annahme, dass Organisationen – speziell Banken – aufgrund von Eigeninteresse ihre Aktionäre und ihr Firmenkapital am besten schützen können«, sagte er und fügte an: »Wir sind wohl nicht klug genug.« Mit der letzten Aussage dürfte Greenspan diesmal richtig liegen.

Die Finanzkrise, die wir gerade durchleben, ist nicht unbedingt eine Frage des Klugseins. Eine aktuelle Studie der Universität Gießen kommt zu dem Ergebnis, dass Börsenmakler kaum in der Lage sind, logisch zu denken. Die Forscher forderten die Börsianer in Experimenten auf, diverse Entscheidungen allein nach logischen Gesichtspunkten zu treffen, auch wenn die Entscheidungen nicht mit ihrer Erfahrung übereinstimmten. Das Resultat: Die Börsenexperten versagten und zogen deutlich mehr falsche Schlüsse als andere Versuchsteilnehmer, die nichts mit der Börse zu tun haben.

Wir müssen immer häufiger feststellen, dass unser Leben zu komplex geworden ist, wir weder mit Logik, noch durch erfahrungsbezogenes Handeln in der Lage sind, uns aus den Krisen zu befreien. Die Probleme, die wir durch eine Art des Denkens in die Welt brachten, können wir nicht durch die gleiche Art des Denkens lösen, drückte es Einstein einmal aus.

»Geld darf nicht Selbstzweck,
sondern muss ein Mittel zum Zweck sein.«

Unsere Probleme haben noch eine andere Ursache: Unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem liegt ein Denkmuster zugrunde, dem mit Logik und Erfahrungswerten nicht beizukommen ist. Der Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen Bank, Mohammad Yunus, stellte in einem Spiegel-Online-Interview fest: »Der Kapitalismus ist zum Spielcasino verkommen. [...] Bislang geht es immer nur um Gewinnmaximierung und Wachstum – aber das führt zu dem, was wir gerade erleben. [...] Aber so viel Geld wie möglich zu verdienen, kann doch nur ein Mittel zum Zweck sein, nicht Selbstzweck.«

Wenn der einzige Geschäftsanreiz der Profit ist, wenn, wie Voltaire es einst spitz formulierte: »Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen«, der Herdentrieb nach Rendite die Vernunft außer Betrieb setzt, wenn sich die Ökonomen nur in höheren Wachstumszahlen bestätigt finden, wenn die Steuergesetze ausschließlich den Gewinn als Ziel eines Unternehmens als Maßstab berücksichtigen, wenn sich der Lebensunterhalt nicht mehr durch die Hände Arbeit, sondern leicht durch ein paar Mausklicks und einem einfachen Geldbergeversetzen verdienen lässt — dann müssen wir uns nicht wundern, dass sich trotz Millionen- und Milliardenbeträgen die Probleme unserer Welt nicht wirklich lösen lassen.

»Ein anderes Denken ist gefragt.«

Ein anderes Denken ist gefragt. Und es bedarf eines deutlichen Anreizes, soziale Leistungen und die Verbesserung der Lebensqualität aller Menschen als sinnvolles, wertvolles und erstrebenswertes Handeln in die Köpfe zu bringen. Geld darf nicht Selbstzweck, sondern muss ein Mittel zum Zweck sein. Die Internationale Standardisierungsorganisation (ISO) beschäftigt sich derzeit mit den Themen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung. Bis 2010 soll ein Leitfaden zur sozialen Verantwortung erarbeitet sein. Diese ISO 26000 soll definieren, was gesellschaftlich verantwortliches Handeln (social responsibility) für Organisationen bedeutet und Empfehlungen für deren Umsetzung nennen. Ist das ein Lichtblick im Dunkel der Geldkrisen? Sprechen wir uns in fünf Jahren wieder.

Vielleicht führt auch das in Arbeit befindliche Generationengerechtigkeitsgesetz der deutschen Bundesregierung, das neben dem Sicherstellen eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts auch dem »Prinzip der Nachhaltigkeit sowie den Interessen der künftigen Generationen« folgt, zu einem neuen Verständnis von Verantwortung und Leistung.

Doch wie zu erwarten war, melden sich Bedenkenträger zu Wort und sagen, Gerechtigkeit sei aus wissenschaftlicher Sicht nicht objektiv definierbar und daher als Staatsziel ungeeignet. Gerechtigkeit sei immer das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Nachhaltigkeit hingegen sei eine messbare Größe, die man statistisch ermitteln könne; das gelte für fiskalische Fragen und, mit einigen statistisch-methodischen Verbesserungen, auch für Umweltfragen.

Es ist wohl leider so, wie Volker Hauff, der Vorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung, feststellte: »Wir haben keinen Mangel an Zielen, aber ein riesiges Defizit in der Umsetzung.« fini

Links:
Anhörung zum Generationengerechtigkeitsgesetz
Informationen zu ISO 26000 Ethiknorm

Veröffentlicht am 06. November 2008

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