Wirtschaft

Der ökonomische Dreisatz, der ein Irrtum ist

Text: Joachim Zischke

Kennen Sie die wichtigsten Wörter, die zum Jargon eines Unternehmensberaters gehören sollten? Es sind dies: Bildung, Innovation, Wachstum und Wohlstand. Man beachte auch die Reihenfolge. Daraus lässt sich ein logisch klingender, ökonomischer Dreisatz generieren, der beim genaueren Hinsehen doch keiner ist.

Vor einigen Tagen las ich in der ZEIT von einem Dreisatz der besonderen Art, ich nenne ihn den ökonomischen Dreisatz. Er stammt von Jürgen Kluge, dem ehemaligen Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey und lautet:

»Bildung bringt Innovation.
Innovation garantiert Wachstum.
Wachstum sichert Wohlstand.«

Hört sich dieser Dreisatz nicht logisch und vertraut an? Verwenden ihn nicht auch die Politiker fast jeden Tag? Doch stimmt der Dreisatz wirklich? Lassen Sie uns diese auf den ersten Blick völlig unmathematische drei Satz lange Aussage einmal näher ansehen.

Bildung bringt Innovation.

Da ist zunächt einmal Bildung. Bildung wird hier als Faktor eingesetzt. Wir fragen: Welche Bildung ist eigentlich gemeint? Schulbildung, Herzensbildung, Meinungsbildung, Willensbildung oder Wissensbildung? — Mit Bildung, so lesen wir in einschlägigen Werken, bezeichnen wir das Lernen als Formung des Menschen im Hinblick auf sein Menschsein. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Elementarkompetenzen, die gerne auch als Bildungsdreieck dargestellt werden: das Denken, Kommunizieren und Wissen. Zur Bildung gehört ferner ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu Anderen und zur Welt. Das alles klingt mehr nach einer pädagogischen, philosophischen, weniger nach einer ökonomischen Bedeutung.

Der erste Satz des Klugeschen Dreisatzes impliziert, dass Innovation das Resultat von Bildung sei. Diese Annahme ist, sowohl mathematisch als auch sachlich betrachtet, fehlerhaft: Es fehlen nämlich weitere Faktoren oder zumindest ein gewichtiger Multiplikator.

Bildung kann ein Ausgangspunkt für Innovation sein. Bildung allein führt allerdings nicht geradewegs zu Innovation. Ausbildung schon eher. Innovation steht am Ende eines mitunter recht mühsamen, aufwändigen, schließlich erfolgreichen Prozesses. Auf der langen Wegstrecke sind viele Hürden zu passieren. Eine solche Hürde kann beispielsweise ein Mangel an angewandter Kreativität sein. Doch Kreativität ist nicht Bildung. Kreativität kann nur dann zur Entfaltung kommen, wenn wirkungsvolle Bedingungen dafür gegeben sind. Kreativität verlangt nach einem Umfeld, in dem ein unabsichtliches, impulsgesteuertes und intuitives Denken und Handeln möglich ist: stressfreie Denk- und Zeiträume, Muße zum Nachdenken und Träumen, lösungsorientierte Dialoge.

Innovation garantiert Wachstum.

Exkurs
Was ist Innovation? Innovation steht wörtlich für Neuerung oder Erneuerung. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff unspezifisch im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und für deren wirtschaftliches Umsetzen verwendet. Das Suchen nach neuen Erkenntnissen oder Lösungswegen setzt Neugier und Lust auf Erneuerung voraus. Das Resultat des erfolgreichen Umsetzens von Neugier und neuen Ideen ist Innovation.

Mit der Aussage, Innovation garantiere Wachstum, greift der Verfasser des Dreisatzes in die Mottenkiste eines alten, längst vergessen geglaubten Wirtschaftsmythos. Dieser suggeriert einen Automatismus, den es noch nie gegeben hat und auch nie geben wird: Garantien werden — mit Ausnahme von staatlichen Institutionen — in unserem Wirtschaftssystem nicht verteilt. Jeder handelt auf eigenes Risiko. Was zählt, ist die Innovation, das Umsetzen von Ideen, die wirtschaftlichen Erfolg bringen.

Kann, ja, darf überhaupt Wachstum das alleinige Ziel von Innovation sein? Wie sieht es mit dem Raubbau an den Lieferanten Natur und Mensch aus? Muss Innovation heute nicht eher darin liegen, Bedingungen zu erschaffen, die unser Leben und Überleben weiterhin ermöglichen? Das kann sich im Wachstum einzelner Branchen niederschlagen. Doch Wachstum kann, das erkennen wir heute inmitten der Finanz- und Wirtschaftskrise sehr gut, nicht unendlich sein. Kein Baum wächst für immer in den Himmel. Permanentes Wachstum führt zu Instabilität, auch das ist ein Naturgesetz. Wer als Unternehmensberater seinen Klienten von Garantien erzählt, die ihnen automatisches Wachstum bescheren sollen, macht sich verdächtig, wenn nicht sogar unglaubwürdig.

Wachstum sichert Wohlstand.

Die prompte Frage, die uns bei diesem letzten Satz in den Sinne kommt, lautet: Cui bono? — Wem nützt es? Sichert dieses durch Innovation entstandene Wachstum den Wohlstand des Unternehmens, der Arbeitenden oder der Gesellschaft im allgemeinen?

Einblicke in die Vergangenheit des Imperium Romanums oder ins moderne China zeigen schnell, dass wirtschaftliches Wachstum meist nur den Wohlstand einer sehr kleinen Oberschicht sichert. Zwar schuf der luxuriöse Lebensstil dieser Wenigen im alten Rom auch ein gewisses Wachstum in Gewerbe und Handel, die dadurch regelrecht florierten. Doch von einem flächigen Wohlstand der Gesellschaft kann nicht die Rede sein.

Ähnlich im heutigen China: Hier bildet das dynamische Wachstum der vergangenen Jahre nicht die Grundlage eines allgemein gültigen Wohlstands. Im Gegenteil: Das immer mehr überbordende Wuchern geht einher mit negativen Auswirkungen in vielfältiger Hinsicht: von einer Landflucht, die nur die Alten und Gebrechlichen zurücklässt bis hin zu Problemen der Umwelt und Urbanisierung, welche die körperliche und seelische Gesundheit der Bevölkerung in Mitleidenschaft zieht.

Und in unserer westlichen Welt? Auch hier sorgt ein wirtschaftliches Wachstum, wenn es denn realisierbar ist, längst nicht mehr zwangsläufig für den Wohlstand der Gemeinschaft. Wenige profitieren, viele gehen leer aus. Denn auch ideale Voraussetzungen in der Wissensbildung und im kreativen Einsatz bedingen keine nutzbaren Effekte. Die Kausalität des ökonomischen Dreisatzes »Bildung bringt Innovation. Innovation garantiert Wachstum. Wachstum sichert Wohlstand« erweist sich immer mehr als Irrtum. fini

Veröffentlicht am 25. Februar 2010

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Kommentare: 3

  • 1. Christiane Windhausen  |  04. März 2010 17:59

    Es ist eine Wohltat, wie viele ungeklärte Fragen Sie hinter einer plakativen Antwort entdecken.
    In meinem Leben sind mir Fragen immer wichtiger gewesen als Antworten. Am liebsten habe ich die Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt… Die im Raum stehen bleiben und unvermittelt mit unserem Herzen zu tanzen beginnen …
    Die Suche der einen richtigen Frage, die den Horizont öffnet und neue Möglichkeiten erfindet, ist für mich ein Basiselement jeder Innovation.

  • 2. Joachim Zischke  |  05. März 2010 09:15

    Danke, Frau Windhausen, für Ihren schönen Kommentar.

    Aus dem Arabischen stammt das Sprichwort: »Frage mehr und laufe weniger.«

    In der Tat: Wir sollten viel mehr Fragen stellen, dann erhalten wir, hoffentlich, auch die Antworten, die uns wirklich weiterbringen. Dem »weniger laufen« will ich allerdings nicht zustimmen: Was wir ebenso brauchen, ist mehr Bewegung, mehr körperliche und geistige Beweglichkeit …

  • 3. LD  |  10. März 2010 22:56

    Wirklich gut analysiert und beschrieben. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich so mancher, auf den ersten Blick intelligenter Spruch als leere, widersprüchliche oder unsinnige Aneinanderreihung von schönen Wörtern.

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