Der lange Weg des Wandels
Text: Joachim Zischke
Während sich das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung meist auf Klimaschutz, erneuerbare Energien, Gesundheit und Ernährung konzentriert, zeigt uns die Themenpräsentation der Nationalen Nachhaltigkeitsstragie eine hoch komplexe, defizile und fragile Struktur. Es bedarf mehr als Fingerspitzengefühl, die Balance unserer Lebensgrundlagen wieder herzustellen.
Nachhaltigkeit (engl. sustainability) ist ein Wissensbegriff, der 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (Brundtland-Kommission) eingeführt wurde. Mit diesem Begriff wird eine Entwicklung beschrieben,
»[...] die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.«
Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung stellt die Antwort auf eine seit den 1970er Jahren gewachsenen Erkenntnis dar: Die Lebensqualität der weltweiten Bevölkerung kann aufgrund der fortgesetzten Verschwendung natürlicher Ressourcen und der ungehemmten Verschmutzung der Umwelt, nicht dauerhaft gesichert werden.
»Nachhaltigkeit ist zu einer gemeinsamen Suchbewegung, zum Leitbild eines gemeinsamen Aufbaus von Wissen und Experimenten in einer ökologisch gesinnten Subkultur auf Weltebene geworden.« Wolfgang Sachs
Mehr als zehn Jahre später, 1998, beschrieb die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages in ihrem Abschlussbericht das Drei-Säulen-Modell einer nachhaltigen Entwicklung:
»Nachhaltigkeit ist die Konzeption einer dauerhaft zukunftsfähigen Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz. Diese drei Säulen der Nachhaltigkeit stehen miteinander in Wechselwirkung und bedürfen langfristig einer ausgewogenen Koordination.«
Im Jahre 2001 berief die Bundesregierung einen Rat für Nachhaltige Entwicklung. Seine Aufgaben sind die Entwicklung von Beiträgen für die Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die Benennung von konkreten Handlungsfeldern und Projekten sowie Nachhaltigkeit zu einem wichtigen öffentlichen Anliegen zu machen. Ein Jahr später verabschiedete die Bundesregierung eine Nationale Nachhaltigkeitsstrategie, in der 21 Ziele festgelegt wurden (siehe Kasten).
21 Zielthemen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie
Ressourcenschonung
Klimaschutz
Erneuerbare Energien
Flächeninanspruchnahme
Artenvielfalt
Staatsverschuldung
Wirtschaftliche Zukunftsvorsorge
Innovation
Bildung
Wirtschaftlicher Wohlstand
Mobilität
Ernährung
Luftqualität
Gesundheit
Kriminalität
Beschäftigung
Perspektiven für Familien
Gleichberechtigung
Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern
Entwicklungszusammenarbeit
Märkte öffnen
Legende:
Das Ziel ist ohne grundlegende Politikänderungen nicht möglich. Hier geht der Trend in die falsche Richtung.
Eine erhöhte Aufmerksamkeit ist erforderlich, weil das gesteckte Ziel nicht ohne zusätzliche Maßnahmen erreicht werden kann.
Der Trend entwickelt sich positiv, Etappenziele sind erreicht und daher ist das Erreichen des Ziels möglich.
Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung — Welche Ampeln stehen auf Rot?
Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte der Nachhaltigkeitsrat einen Ampelbericht über den Stand der 21 Ziele auf Grundlage des Indikatorenberichts 2006 des Statistischen Bundesamtes. Das Ergebnis ist ernüchternd. Für zwei Drittel der Indikatoren stehen die Ampeln auf Gelb oder Rot. Das bedeutet, dass die Ziele nicht erreicht wurden, in vielen Fällen sogar eine Verschlechterung des Zustandes eingetreten ist.
Beispiel Flächeninanspruchnahme
Indikator
Zunahme der Siedlungs-und Verkehrsfläche
Ziel
Reduzierung des täglichen Wachstums auf 30 ha pro Tag im Jahr 2020
Erreichte Werte
1992: 120 ha — 2000: 131 ha — 2002: 105 ha — 2005: 118 ha
Angaben jeweils pro Tag
Beim Studium des Berichts fällt auf, dass mehr über die Methoden der Erhebung und Vergleichbarkeit von Daten gestritten wird, als das Umsetzen der Ziele konkret anzugehen. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Datensüppchen, um in einem nationalen Vergleich besser dastehen zu können. Der Nachhaltigkeitsrat schreibt dazu: »Diese Tatsache verhindert ein abgestimmtes und kohärentes Verhalten der unterschiedlichen staatlichen Ebenen. So lässt sich eine erhöhte Verbindlichkeit der Nachhaltigkeitsstrategie nicht erreichen. Dieses Problem muss angegangen werden.« Es bleibt abzuwarten, wann und wie das Problem tatsächlich angegangen wird.
Nicht jedes der 21 definierten Ziele der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie ist ein echtes Nachhaltigkeitsziel. So ist zu fragen, warum die Staatsverschuldung in diesen Katalog aufgenommen wurde: Staatsfinanzierung und Schuldenabbau (wie auch die Einhaltung der Maastricht-Kriterien) sind an sich kein Kriterium der Nachhaltigkeit. Auch der im Ziel Wirtschaftlicher Wohlstand genannte Indikator Bruttoinlandsprodukt kann kein Maßstab dafür sein, wie sich gesellschaftlicher Wohlstand verteilt. Es scheint, als sei der Begriff Nachhaltigkeit zum politischen Synomym mutiert, die Subsumption staatlicher, gesellschaftlicher und ökonomischer Aufgabenstellungen umfassend auszudrücken.
Eines macht die Betrachtung der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie dennoch deutlich: Während sich das Thema Nachhaltigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung meist auf Klimaschutz, erneuerbare Energien, Gesundheit und Ernährung konzentriert, zeigt uns die Themenpräsentation eine hoch komplexe, defizile und fragile Struktur von Abhängigkeit und Vernetzung. Es bedarf mehr als Fingerspitzengefühl, die Balance unserer Lebensgrundlagen wieder herzustellen. Vor uns liegt ein langer, möglicherweise schmerzlicher Weg des Wandels. 
Links:
Brundtland-Report 1987
Rat für Nachhaltige Entwicklung
Veröffentlicht am 07. August 2008