Bildungsbrücken für Bildungslücken
Visuelles Denken, die Verbindung von bildlichem und strukturiertem Denken, ist der Schlüssel, um Bildungslücken in aktuellen Bildungssystemem zu schließen. Dieses Denken fördert die Neugierde und Kreativität.
Versuchen Sie einmal, Zusammenhänge im Umgang bei Problemstellungen zu visualisieren. Wenn es Ihnen keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet, Probleme nicht nur linear abzuarbeiten, so wie wir das von der Benutzung einer Gebrauchsanweisung her kennen, sind Sie entschieden im Vorteil. Als Vorteil sehe ich, eine Fragestellung in bildliche Beziehungen umzusetzen und diese aus verschiedenen Blickwickeln zu betrachten.
Wenn Ihnen das eben Beschriebene eher fremd erscheint, gehören Sie vielleicht zu jenen Kindern, denen man bereits in frühem Kindesalter radikal den Spieltrieb austrieb, um sie mit Fakten und möglichst vielen nutzlosen Informationen für den Einstieg auf ihren Bildungsweg vorzubereiten. Je früher, desto besser scheint wohl die einzige Devise zu sein. Das subjektive Gedankengut der Eltern gilt dabei als erste Richtschnur für die Entwicklung der Sprösslinge, jenes unserer Bildungsstätten sorgt dann in vielen Fällen für den Rest. So verlernen viele, was sie einst so wunderbar beherrschten: in Bildern zu denken und mit Neugierde und Offenheit sich an Neues heranzuwagen.
Gerade diese Einseitigkeit, die schon im Kindesalter erlebt wird, verursacht fatale Nebenwirkungen. Leider sind die Auswirkungen erst später und langfristig zu spüren. Eine dieser Erfahrungen ist der dramatische Rückgang und das Desinteresse an den naturwissenschaftlichen Fächern. Es ist nicht allzu schwer, die Gründe dafür aufzuzeigen. Vor allem bei den Naturwissenschaften ist Neugierde eine wesentliche, wenn nicht sogar die unbedingte Voraussetzung für Lernerfolg. Doch statt die Zusammenhänge spannend zu gestalten und in visuell verständliche Formen und Formate zu verpacken, konzentriert man sich darauf, trockenes Wissen stur und steif in die Köpfe der Schüler zu injizieren. Kein Wunder, dass sich die erforderliche Kreativität für neue Lösungsmodelle nicht entwickelt. Systeme, die auf solchen Maßstäben beruhen, können keine Kreativität in sich tragen, weil sie auf äußerst einseitigen Modellen aufbauen.
»Visuelles Denken bedeutet die Verbindung von bildlichem und strukturiertem Denken.«
Wir wissen, dass durch das visuelle Denken komplexe Zusammenhänge klarer und verständlicher dargestellt werden können. Visuelles Denken bedeutet hier die Verbindung von bildlichem und strukturiertem Denken. Kreative Menschen sind in der Lage, Probleme schnell und eindeutig zu gliedern. Ideen und Informationen werden so besser aufgenommen, weiterentwickelt, kombiniert und deutlicher kommuniziert. Hinzu kommt, dass diese Menschen meist über eine intakte Verbindung ihrer linken und rechten Gehirnhälften verfügen.
Im Fach Mathematik könnten mit derartigen Ansätzen die Komplexität der Zahlenwelt in einem weit effizienteren Maße den Schülern vermittelt werden, als dies derzeit der Fall ist. Würde man auch noch für Spaß und Vergnügen sorgen, wäre schon sehr viel gewonnen. Selbstverständlich können wir durch den Einsatz von visuellem Denken und der Darbietung schöner Bilder allein, keine Lösungen herbeiführen. Wenn ein Schüler einfach nicht weiß, wie eine Rechenaufgabe zu lösen ist, wird er das gewünschte Ziel mit Hilfe des visuellen Denkansatzes ebenso wenig erreichen.
»Gute Visualisierungsprozesse basieren immer auf einer hohen Informationsdichte.«
Nun muss niemand besonders weise sein, um einen gangbaren Mittelweg aus diesen überlegungen abzuleiten, der wie folgt aussehen könnte: Wir verbinden das Wissen mit visuellem Denken und umgekehrt. Gute Visualisierungsprozesse basieren immer auf einer hohen Informationsdichte. Um jedoch eine solche Informationsdichte zu erzeugen, erfordert dies Wissen. Und Wissen entsteht — wie wir wissen — in erster Linie durch Neugierde und Selbsterlerntem.
Ist eine Person in der Lage, vielschichtige Informationen so darzustellen, dass diese in den Köpfen anderer bildlich und begreifbar erscheinen, würden diese Personen auch mit der Komplexität einer Anforderung leichter umgehen können. Ein so genannter Aha-Effekt würde sich damit wesentlich einfacher erzielen lassen. Da dabei die Neugierde stärker geweckt werden würde, wäre das als Antrieb für weiterführende Ansätze sehr hilfreich.
Jetzt könnten wir vielleicht die Frage stellen: Warum unterstützt unser Bildungssystem das visuelle Denken nicht stärker und fördert es nicht, um die Neugierde bei unseren Schülern zu wecken? Einer der Gründe liegt vielleicht in der Tatsache, dass derartige Ansätze die Stabilität des Bildungssystems schwächen und für Unordnung und Irritationen sorgen könnten. Es mangelt oftmals nicht am guten Willen, die anstehenden Probleme zu lösen. Es fehlt schlichtweg am Vorstellungsvermögen, Lösungen in Form von Bildern in vorstellbare Beziehungen zu bringen. Was verbleibt, ist ein stures Einspeichern von Informationen, das in Interesselosigkeit, Frust und Unwillen endet.
Ganz gleich, wie man es betrachtet: Die heutigen, teils komplexen Probleme erfordern mindestens so hohe Problemlösungsmodelle. Das schlichte Verarbeiten von vorgekauten Informationen reicht dafür nicht mehr aus. Kein Architekt der Welt würde auf die Idee kommen, ein Projekt seinen Auftraggebern allein in Form von Texten und Berechnungen zu präsentieren. Schon an diesem Beispiel können wir die Notwendigkeit der Visualisierung von Informationen erkennen. Nur worüber sich ein Mensch ein Bild machen kann, kann er auch verstehen.
So, wie wir erzielte Ergebnisse visualisieren und nach außen tragen, müssen wir auch lernen, Aufgaben- und Problemstellungen mit unserem eigenen Denken in visuelle Relationen zu setzen. Dadurch lernen wir, was es bedeutet, in Bildern zu denken. Wir erkennen Zusammenhänge, die uns ansonsten verborgen bleiben würden. Neues entsteht nicht dadurch, dass wir Gebrauchsanleitungen auswendig lernen. Neues entsteht durch Neugierde und erarbeitetes Wissen. Und das entsteht nur durch den Versuch, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. 
