Der Niedergang der kreativen Klasse

Die Kreative Mitte ist kein Ruheplätzchen mehr. Der Wind in der Wirtschaft weht rauher. Neue Methoden, wie Crowdsourcing über das Internet, bedeuten die Entstehung von hundertfach neuen Mitbewerbern über Nacht. Sind Sie dagegen gewappnet? Was könnten Sie tun?

creative classIn seinem Werk The Rise of the Creative Class stellte Richard Florida die These einer neuen Gesellschaftsklasse vor, die Kreative Klasse: »Heute arbeiten in den hoch entwickelten Industrienationen zwischen fünfundzwanzig und dreißig Prozent aller Werktätigen im Kreativsektor — das heißt in Wissenschaft und Technik, Forschung und Entwicklung, in Technologie basierten Industriezweigen, in Kunst, Musik, Kultur, Ästhetik und Design sowie in den wissensbasierten Berufen der Bereiche Medizin, Finanzwesen und Recht.«

Diese Kreative Klasse setzt sich aus zwei Gruppen zusammen: einem superkreativen Kern (Supercreative Core) — das sind diejenigen, deren Profession es ist, etwas zu erschaffen und Neues zu produzieren, dazu gehören die klassischen Künstlerberufe, wie beispielsweise Architekten, Autoren, Comiczeichner, Fotografen, Kabarettisten, Maler, Musiker, Redakteure, Regisseure, Schauspieler — und den kreativen Könnern (Creative Professionals), jene, deren Profession eigenständiges Denken und kreative Problemlösungen erfordern, also beispielsweise Anwälte, Ärzte, Fotografen, Redakteure, Steuerberater, Winzer.

Der Trendforscher Matthias Horx erweitert die Kreative Klasse noch um die folgenden Gruppen:

  • Rationale Innovateure — Forscher, Wissenschaftler, Software-Gestalter, Technologie-Spezialisten
  • Syntheseberufe — beispielsweise Waldkindergärtnerin, Duftgestalter, Trauer-Ritualist, Ganzheitlicher Gesundheitsmanager, Mentaltrainer, Art-Connector, Outplacement-Berater, Cultural Coach
  • Kreative Mitte — Werber, Texter, Berater, Analysten, Medientrainer, Moderatoren, Mediatoren, Motivatoren, Stilberater und
  • Neues Prekariat — »Patchwork-Arbeiter, Ich AGs und Durchwurstler, die mit kreativen Leistungen und Dienstleistungen ihren Lebensunterhalt bestreiten, ohne dabei klassische Formen von Erwerbsarbeit auszuüben.«

Alle, die glaubten, es sich in der Kreativen Mitte gemütlich und lukrativ eingerichtet zu haben, werden wohl bald die Veränderungen erfahren, die sich durch das Neue Prekariat und das Phänomen Crowdsourcing ergeben, wenn sie nicht schon in der aktuellen Krise eingetreten sind.

Eine immer umfang- und funktionsreicher werdende Computer- und Software-Ausstattung ermöglicht es immer mehr Menschen, sich als Mitglieder des Neuen Prekariats einen, wenn vielleicht auch bescheidenen, Lebensunterhalt zu verdienen. So ist es nicht umgewöhnlich, dass, mangels anderer Arbeitsmöglichkeiten, ein Kulturwissenschaftler die Gestaltung von Websites anbietet oder ein Medien-Historiker durch sein Hobby zum hauptberuflichen Hochzeits-Fotografen mutiert. Man nennt das auch Arbeitsflexibilisierung durch atypische Beschäftigung.

The Winner takes it all

Mit Crowdsourcing bezeichnet man die Auslagerung auf die Arbeitskraft und Intelligenz einer Masse von Freizeitarbeitern im Internet (Stichwort: Schwarmintelligenz). Ein Schwarm kostenloser oder meist gering bezahlter Amateure erschafft Inhalte, löst Aufgaben und Probleme oder beteiligt sich an Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Was von den Einen als Chance zum Ausgleich des globalen Wohlstandgefälles angesehen wird, bedeutet für die Anderen schlichtweg knüppelharte Konkurrenz. Denn das Crowdsourcing ist nicht nur für kollaborative Aktivitäten im Internet vertreten, sondern es wird mehr und mehr von Unternehmen gezielt eingesetzt, um zu unschlagbar günstigen Produktideen, Design, textlichen oder grafischen Leistungen zu kommen.

Das Prinzip ist stets gleich: Ein Unternehmen bucht auf einer der meist unter den Flaggen Ideenbörse oder Open Innovation segelnden Plattformen ein Projekt. Die Aufgabenstellung ist deutlich ausformuliert. Ein Preis, in Form eines Euro-Betrages oder eines Warengutscheins, ist für den erfolgreichen Gewinner ausgelobt. Ja, es geht hier tatsächlich ums Gewinnen oder Verlieren. Nicht um den Lohn für eine qualifiziert ausgeführte Arbeit, sondern um Selbstausbeutung mit Gewinneffekten. Einer gewinnt, die Anderen arbeiteten für die Ehre. The winner takes it all.

Projektbeispiel

Ein Unternehmen warb im April 2009 für ein neues Firmenlogo. Mehr als 219.000 Vorschläge wurden eingereicht. Wenn man unrealistisch annimmt, dass jeder Teilnehmer nur eine einzige Stunde an seinem Entwurf arbeitete, so bedeutet das eine unbezahlte Leistung von 25 Jahren Designarbeit. Oder, wenn man einen ebenso unrealistischen Stundensatz von 20 Euro zugrunde legt, einen Arbeitswert von mehr als vier Millionen Euro.

HD Schellnack von nodesign in Essen schreibt dazu in seinem Blog: »Gratis-Pitches und Crowdsourcing sind die derzeit größte Gefahr — neben der Flut unqualifizierter Designer am Markt und dem dazu gehörenden Preisdumping — für die Branche, sie erodieren die Basis von dem, worauf gutes Design überhaupt erst aufbauen kann: Gegenseitiger Respekt und Dialog auf Augenhöhe.«

Und wie sieht die Zukunft aus? Dazu HD Schellnack in unserem Interview:

»Zu allererst müssen die Designer akzeptieren, dass kreative Prozesse technologisch zunehmend demokratisiert werden, der Kunde also selbst zum Gestalter wird und auch werden will. Darauf müssen wir uns einstellen. Es mag gut sein, dass das Grafik-Design mit der Gutenberg-Galaxie untergeht — das Internet wird diesen Wegbruch nicht auffangen. Das heißt, die Branche wird sich aufteilen in Designer, die an der Schnittstelle zu Kunst und Spekulation für sehr wenig Geld hochkreativ arbeiten, in einem Autorensystem, in dem man zum Star werden, oder namen- und brotlos bleiben kann, ähnlich wie in der Musikindustrie.
Das angewandte Design wird konvergieren, die Grenzen zwischen Architektur, Produkt und Kommunikation werden dünner. Wichtiger denn je wird der beratende Aspekt, der strategische Ansatz, die Kommunikationsfähigkeit. Die grundlegende Basis unseres Berufes — Ideen entwickeln, Zukunft Form geben — wird sicher bestehen bleiben. Aber, ob wir in zwanzig Jahren noch von Plakaten und Magazinen leben werden, bezweifele ich stark.
Zwischenzeitlich kann die Branche auf die Bildung eines Design-Proletariats und Entwertung der eigenen Arbeit durch Massen-Oursourcing à la Crowdsourcing und zunehmend unfaire Pitch-Bedingungen eigentlich nur reagieren, indem sie erwachsen wird und Strukturen bildet, die nach innen Qualität, Transparenz, Kooperation und Fairness begründen und zugleich nach außen mit einer klareren Stimme auftritt.«

Was könnten Sie als Mitglied der kreativen Klasse gegen den Niedergang unternehmen? Hier ein paar Anregungen:

  • Fokussieren Sie Ihr Leistungsangebot engpass-konzentriert auf wenige Spezialgebiete.
  • Stellen Sie Ihre persönliche Meisterschaft und Integrität in den Vordergrund.
  • Arbeiten Sie möglichst mit Komplett-Preispaketen.
  • Vermeiden Sie vergleichende Preis-/Leistungsdebatten.
  • Setzen Sie auf eine offene Kommunikation in Augenhöhe mit Ihren Kunden.
  • Wählen Sie Ihre Kunden kritisch und selbstsicher aus.
  • Folgen Sie in dem, was Sie tun, Ihrer Intuition. Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten und Stärken. Arbeiten Sie unbeirrt an der Umsetzung Ihrer persönlichen Ziele.

fini

Links:
HD Schellnack: Warum Crowdsourcing und Gratisdesign nichts bringen …

Kommentare: 2

  • 1. Malte Christensen  |  04. Juni 2009 16:48

    Ein sehr sachlicher und gut formulierter Artikel, der mit meiner Meinung konform geht. Vielen Dank für den Beitrag und die Erkenntnis teile ich auf jeden Fall. Schwer wird es … allerdings ist in jeder »Krise« auch immer eine Lücke, die man gut nutzen kann.

  • 2. Joachim Zischke  |  05. Juni 2009 08:41

    Danke für’s freundliche Feedback.

    Schwer wird es, meine ich, nur für diejenigen, die nicht wissen, wo sie selbst auf dem Tummelplatz der crowd stehen. Mittendrin, am Rand oder weit weg —

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