Nichtwissen
Text: Joachim Zischke
In der modernen Gesellschaft wächst das Wissen exponentiell. Wir erkennen: Mit wachsendem Wissen entsteht zugleich auch immer mehr Nichtwissen über die Voraussetzungen und Folgen dieses Wissens. Und durch die Überproduktion von Wissen entsteht das Paradox, dass Wissen verloren geht. Wie gehen wir mit dem Nichtwissen in der Gesellschaft um? Sollte es ein verbrieftes Recht auf Nichtwissen geben?
Wir hören und lesen ständig von der Wissensgesellschaft, in der wir leben, von Wissensbilanzen, die Unternehmen aufstellen sollen, von persönlichem Wissensmanagement, das effizienteres Arbeiten und das Ausnutzen von Potenzialen ermöglichen soll. Nach Schätzungen gibt es weltweit etwa 40.000 Zeitschriften, die sich Themen der Naturwissenschaft widmen, in denen etwa eine Million Arbeiten pro Jahr veröffentlicht werden. Die Fragen, die sich stellen, lauten nicht nur: Wer kann und will all diese Veröffentlichungen lesen?, Wer kann diese unfassbare Menge Wissen überhaupt verarbeiten?, sondern auch: Wie viele neue, sinnvolle und umsetzungsfähige Ideen stecken tatsächlich in diesen Publikationen? Es scheint, als hofften wir, allein durch mehr Wissen unsere gegenwärtigen Probleme lösen zu können. Dabei gilt nicht nur in der Wissenschaft die Erkenntnis, dass mehr Wissen auch immer mehr Nichtwissen zu Tage fördert. So werfen gerade die Fortschritte in der Klimaforschung Fragen und Probleme auf, die nicht prinzipiell zu beantworten sind. Ist es vielleicht tatsächlich so, wie der Philosoph Karl Popper unser Wissen beschrieb:
»Je mehr wir über die Welt lernen, um so bewusster, um so detaillierter und um so genauer wird unser Wissen von den noch ungelösten Problemen, unser sokratisches Wissen von unserem Nichtwissen.«
Seit einiger Zeit rückt das Nichtwissen ins engere Sichtfeld der Politik und, im Gefolge, auch der Medien. Im Rahmen der Gentechnikdebatte wird über ein negatorisches Recht (negatorisch: auf Unterlassung gerichtet) bezüglich personenbezogener Daten diskutiert. Es geht darum, ob ein Recht auf Wissen auch das Recht, etwas nicht wissen zu wollen und nicht wissen zu müssen, umfassen kann. Nun wird argumentiert, ein Recht auf Nichtwissen müsste es explizit gar nicht geben. Es bestehe bereits durch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Doch die Ausübung eines solchen Rechts auf Nichtwissen kann auch einen Mangel an Solidarität der Gemeinschaft gegenüber bedeuten — man denke nur an die Feststellung von Dispositionen zu nicht heilbaren Krankheiten. Müsste das Konzept der informationellen Selbstbestimmung dann nicht neu überdacht, quasi der Kommunitarismus gegen den Individualismus gestellt werden? —
»Das Nichtwissen ist eine Gnade.«
Durch die systematische Verbindung von Wissen und Wissenschaft in der modernen Gesellschaft wächst das Wissen exponentiell. Unsere Gesellschaft übt immer mehr Druck auf das Individuum aus, sich das verfügbare Wissen in immer kürzeren Intervallen anzueignen und zu nutzen. Die natürliche Neugierde und Aufgeschlossenheit für die Welt wird zunehmend ersetzt durch die Forderung nach Wissenskompetenzen. Das lebenslange Lernen erfährt durch das persönliche Wissensmanagement – ein Selbstführungskonzept, Wissensbestände und Lernprozesse eigenverantwortlich zu handhaben – eine weitere Dimension. Während nicht wissen zu können als entschuldbarer Mangel gilt, wird nicht wissen zu wollen als unentschuldbare Schwäche angesehen, ja, sogar als verantwortungslos gegenüber der Gemeinschaft. — Jeden Tag müssen wir heute unzählige Informationen aufnehmen, die aus vielfältigen Medien, gewollt oder ungewollt, auf uns einströmen. Wir haben uns zwar weitgehend selbstkonditioniert: Die meisten Informationen ignorieren wir sofort, um in unserem Denken und Handeln nicht bewegungsunfähig zu werden. Dennoch stehen wir permanent kurz vor einer informationstechnischen Überforderung. Wir sind eben nicht geschaffen, wie Maschinen zu funktionieren, die ununterbrochen Daten- und Informationsströme aufnehmen und sortiert in Datenspeichern ablegen können. Und: Wir müssen immer häufiger erfahren, dass durch die Überproduktion von Wissen, Wissen verloren geht.
Ist es dann verwunderlich, wenn Menschen tatsächlich das Nichtwissen als eine Flucht vor dem Wissen begreifen? »Das Nichtwissen ist eine Gnade, Ungewissheit ist das Salz des Lebens«, erkannte der Biochemiker Erwin Chargaff. Und der Philosoph Friedrich Nietzsche schrieb: »Ich will, ein für alle Mal, vieles nicht wissen«, und setzte damit dem Willen zur Erkenntnis durch die Weisheit eine deutliche Grenze. Wäre es klüger, manches nicht wissen zu wollen? Früher oder später müssen wir uns diesen kritischen Fragen stellen: Welche Rolle soll das Nichtwissen in unserer Gesellschaft spielen? Ist Nichtwissen wünschenswert? Dürfen wir Nichtwissen zulassen? Generiert Nichtwissen vielleicht Wissen?
»Zu wissen, dass wir wissen, was wir wissen,
und zu wissen, dass wir nicht wissen, was wir nicht wissen,
das ist wahres Wissen.« Nikolaus Kopernikus
Was ist eigentlich Nichtwissen? Natürlich könnten wir Nichtwissen schlicht als nicht vorhandenes Wissen bezeichnen. Aber das wäre doch zu einfach. In seinem Buch Management von Nichtwissen in Unternehmen versucht Andreas Zeuch, das Nichtwissen zu kategorisieren:
- Fachliches Nichtwissen: Dieses Nichtwissen steht für das nicht vorhandene Wissen auf einem oder mehreren Fachgebieten. Nichtwissen definiert hier also eine Wissenslücke, die behebbar und überbrückbar ist.
- Strategisches Nichtwissen: Hinter diesem Begriff verbirgt sich unsere Unwissenheit und Ungewissheit gegenüber der Zukunft. Wir müssen uns zwar auf die Zukunft vorbereiten – als Regierung, Unternehmer oder Bürger – wir wissen aber nicht wie. Diese Art von Nichtwissen ist nicht behebbar.
- Operatives Nichtwissen: Wenn operatives Wissen ein Wissen ist, von dem wir wissen, dass es sich bereits in der Praxis bewährt hat, dann ist operatives Nichtwissen ein Wissen, das sich in den Köpfen der Menschen befindet und uns nur zur Verfügung steht, solange diese Menschen für uns beobachtbar sind.
Es war der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, der in diesem Zusammenhang die Termini Ökologie des Nichtwissens und unspezifiziertes Nichtwissen einführte. Das unspezifizierte Nichtwissen beschreibt ein Nichtwissen, das noch nicht in unseren Vorstellungen, in unseren Ideen enthalten ist. Dazu gehören solche Ideen, die aus unserem heutigen Wissensstand noch gar nicht beschreibbar sind. So konnte beispielsweise vor hundert Jahren niemand etwas mit den Begriffen Internet und eMail anfangen. Im Gegensatz zum unspezifizierten Wissen beinhaltet das spezifische Nichtwissen relativ konkretes, erkanntes und vor allem bewusstes Nichtwissen. Wir können sagen, das spezifische Nichtwissen transformiert Nichtwissen in Wissen. Im spezifischen Nichtwissen können wir weiterhin Nichtwissen, also Nichtwissen, das bereits identifiziert und benannt ist, und nach spezifizierbarem Nichtwissen, also Nichtwissen, das noch nicht entdeckt ist, aber potentiell aufgedeckt werden kann, differenzieren. [1]
»Alles, was man im Leben braucht, sind Ignoranz und Selbstvertrauen, dann ist der Erfolg sicher.«
Die Anerkennung des Nichtwissens zeigt, dass mit wachsendem Wissen zugleich auch immer mehr Nichtwissen über die Voraussetzungen und Folgen dieses Wissens entsteht. Dieses Nichtwissen tritt nicht einfach in der Form eines temporären Noch-Nicht-Wissens auf, d.h. eines noch nicht gelösten, aber klar umrissenen Problems, sondern noch mehr in Gestalt eines grundsätzlichen Nicht-Wissen-Könnens, eines unerkannten Nichtwissens — wir wissen gar nicht, was wir nicht wissen — oder auch eines begründeten Nicht-Wissen-Wollens [2].
Christoph von Wolzogen bezeichnet in einem Essay das Nichtwissen als kreative Ignoranz. In den Handbüchern für die erfolgreiche Führungskraft gelte, so schreibt er, das Ansammeln von Wissen beim Emporklettern der einzelnen Ebenen in Unternehmen solange als Muss, bis die nächste Ebene in der Hierarchie erreicht wurde: dann ist das erworbene Wissen komplett zu vergessen! Wegwerf-Wissen als Karrierekatalysator.
»Für den Aufstieg [...] ist also kreatives Nichtwissen nötig: irgendetwas muss ja nach dem Überbordwerfen des Wissens noch da sein, was sich von elementarer Blödheit (Gary Larson) unterscheidet, die sich in ihrem Fragen unausstehlich macht. Kreativ ist zum Beispiel das, was man länger schon als fehlertolerantes Arbeiten bezeichnet.« [3]
Betrachten wir Mark Twains süffisante Bemerkung Alles, was man im Leben braucht, sind Ignoranz und Selbstvertrauen, dann ist der Erfolg sicher im Kontext der kreativen Ignoranz, so könnten wir daraus schließen, Nichtwissen führe eher zum Erfolg als Wissen. Eine Aussage, über die es sich lohnt, weiter nachzudenken. 
Literatur und Links
[1] Habermann, Florian: Angewandtes Nichtwissen– Voraussetzung für neues Wissen?
[2] Wehling, Peter: Reflexive Wissenspolitik: Öffnung und Erweiterung eines neuen Politikfeldes.
[3] von Wolzogen, Christoph: Vom Nutzen des Nichtwissen
Veröffentlicht am 05. Juni 2008