Über den Müsstizismus
Man müsste … So fangen viele Pläne und Wünsche an, die dann nie ihr Umsetzen erfahren. Aktives Handeln ersetzt das Müssten, Sollten und Wollten. Der Wandel funktioniert jedoch nur dann, wenn er dort anfängt, wo alles im Menschen anfängt: im Kopf.

Sie kennen sicherlich auch diese Satzanfänge: Man müsste … Man müsste mehr Salat essen, man müsste mehr Sport treiben, man müsste wieder mit seinen Kindern spielen, man müsste weniger fernsehen, man müsste seine Kunden anrufen, man müsste …
Was steckt hinter diesem schon sprichwörtlich gewordenen Satzanfang? Die Macht der Gewohnheit, das Eingeständnis, seine Ziele wieder einmal nicht erreicht zu haben, die stille Hoffnung, jemand anderes erledige die Aufgaben, dass sich die Dinge von selbst regeln?
Es ist interessant zu beobachten, wie sich eine immer breiter werdende Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit entwickelt. Während Ideen, Pläne und Zielsetzungen immer größere Ausmaße annehmen — denken wir nur an die Reformen im Gesundheits- und Rentenwesen oder den globalen Klimaschutz — nehmen die konkreten Umsetzungen immer mehr ab. Mal liegt es an angeblich fehlenden Finanzmitteln, mal an einer nicht formbaren politischen Willensbildung, mal auch an völlig überdimensionierten Zielvorstellungen.
Ein herausragendes Merkmal dieser Handlungsweise, die wir als Müsstizismus bezeichnen können, ist nicht das beherzte Anpacken und Umsetzen, das In-die-Hand-nehmen und Ausführen, sondern das großspurige Ankündigen von Vorhaben und Zielen. Das Müssten, Sollten und Wollten ist zum Placebo für aktives Handeln geworden. Aktives Handeln meint hier ein bewusst ausgeführtes, konkretes, inhaltlich nachprüfbares Handeln, nicht ein aktionistisches Handeln, das die Grundlagen und Konsequenzen unter einem Wünsch-dir-was-Deckmantel verhüllt.
Die Beruhigungstablette wird von den Müsstizisten immer dann gereicht, wenn die Forderung »Handelt!« laut wird, wobei auch hier die Forderungen floskelhaft mit »Wir müssten …«, »Es sollte …«, »Ich wollte …« eingeleitet werden.
Ein Beispiel: Unter einem historisch anmutenden Namen schlossen sich Berater unterschiedlicher Fachrichtungen lose zu einem Institut für nachhaltige Geschäftsprozesse zusammen. In einem der Expertentreffen begann nahezu jeder dritte Satz mit den Worten »Wir müssten …«: Wir müssten ein Buch machen. Wir müssten Seminare und Workshops anbieten. Wir müssten eine Führungsstruktur definieren. Wir müssten unsere Potenziale besser kommunizieren. Wir müssten Forschungsarbeiten übernehmen. Wir müssten unsere Honorare festlegen, … und so weiter. Sie, liebe Leser, können gerne an drei Fingern abzählen, wie viele der ausgesprochenen Müsstika tatsächlich umgesetzt wurden.
Das Dilemma scheint nicht eine Frage der Kreativität im Erdenken und Ersinnen von Ideen, Perspektiven und Zielen zu sein. Das übergroße Fragezeichen weist auf eine fehlende Innovation hin. Erinnern wir uns: Innovation bedeutet nicht die Idee, sondern das erfolgreiche Umsetzen der Idee.
Wenn es also an der Innovation, am Umsetzen der Ideen mangelt, worin liegen die Ursachen, dass das aktive Handeln nicht angegangen wird? Von unzähligen Gründen können es die folgenden sein:
- Angst Verantwortung zu übernehmen
- Angst vor einem möglichen Scheitern
- Mangelndes Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit
- Mangelnder Handlungswillen
- Desinteresse – Dabeisein ist alles
- Umsetzen bedeutet Anstrengung und Mühe
- Warum ich, wenn noch andere da sind
- Erst einmal abwarten, wie sich die Dinge entwickeln
Mehr Innovation kann zwar angewiesen oder verordnet werden, ein Wandel funktioniert jedoch nur dann, wenn er dort anfängt, wo alles im Menschen anfängt: im Kopf. Denn im Kopf erfahren unsere Gefühle, Bedürfnisse, Ideen und Wünsche die Anerkennung, die ihnen zusteht. Und im Kopf sitzt auch der Auslöser für eine Arbeit, die uns Lust bereitet: Kreativität und visionäres Denken. Lust beflügelt, Unlust lähmt. Indem wir den Müsstizismus stetig reduzieren und ihn durch aktives Handeln ersetzen, schaffen wir die Voraussetzungen für ein positives Umfeld, für mehr Innovation.
Don’t plan it, just do it!

