Das Hängematten-Symptom
Text: Joachim Zischke
Wir sind müde geworden in unserem modernen Leben. Wir haben Mühe, uns aufzuraffen, um die wirklich wichtigen Dinge anzupacken. Wir schaukeln lieber in einer Hängematte, hängen unseren Träumen von einem noch besseren Leben nach und verfehlen dabei die Aussicht auf ein erfülltes und zufriedenes Dasein.
Wir würden ja etwas tun, wenn wir nur könnten, behaupten wir oft und entschuldigend. Aber wir handeln nicht, nicht weil wir nicht können, sondern weil wir nicht wirklich wollen. Wir sind bequem, vielleicht schon faul geworden. Wir reden viel, aber tun wenig. Wir haben Mühe, uns aufzuraffen, Dinge anzupacken. Wir ängstigen uns, eingefahrene Wege zu verlassen und völlig andere zu beschreiten — vielleicht müssten wir liebgewonnene Ansichten, Gewohnheiten oder Privilegien aufgeben, vielleicht müssten wir unser Leben ändern. Wir sind müde, träge, immobil geworden. Wir schaukeln stattdessen lieber in einer Hängematte, um anderen zuzusehen, wie sie für uns arbeiten.
Natürlich übertreibe ich plakativ. Doch unter uns: Überfällt Sie nicht manchmal der Gedanke, wir leben eigentlich in einem Paradies und erkennen es nicht einmal? Wir leben in Frieden. Vermögen wir noch zu verstehen, was das in Wirklichkeit bedeutet? Die meisten von uns haben ein Dach über dem Kopf und jeden Tag ausreichend zu Essen und zu Trinken. Manche verfügen darüber hinaus noch über Geld und Mittel, um ein Haus zu bauen oder in Urlaub zu fliegen oder in ein Konzert zu gehen oder sich die neuesten technischen Geräte zu kaufen. Und doch sind wir unzufrieden.
Nun erreicht uns eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben. Nicht jeder einzelne von uns, jedoch durch unsere Art, wie wir denken, wirtschaften und nach einem Glück streben, das für uns zunehmend als Trugbild sichtbar wird. Wie fühlen wir uns jetzt? Sind wir mutig, die Herausforderungen anzunehmen? Ändern wir unsere Lebenseinstellung? Oder verharren wir in Angst, in Lethargie oder hängen wir unseren Träumen nach?

Vor wenigen Wochen machte ich einige Erfahrungen, die mich veranlassten, darüber nachzudenken, ob es vielleicht so etwas wie ein Hängematten-Symptom in unserem modernen Leben gibt. Für ein größeres Buchprojekt suchte ich Fotografen, Journalisten, Texter und andere Spezialisten und so fragte ich bei allen, wie üblich, Preise, Termine und Orte an, um ein detailliertes Gespräch mit ihnen zu führen. Es ging, wohl gemerkt, um recht lukrative Aufträge. Die Ergebnisse machten mich betroffen.
Ein Texter in Köln antwortete mir auf die Frage, ob wir uns in Hannover treffen könnten: »Im Dezember werden wir uns nicht treffen können oder nur sehr schwer, weil durch Weihnachten nur wenig freier Raum übrig ist. Sollten Sie nach Köln oder Düsseldorf kommen, wäre das etwas anderes — nur weit fahren mit Übernachtung etc., das wird schwierig.«
Ich schaute in Google Maps nach und sah, dass es eine direkte Autobahnverbindung von Köln nach Hannover gibt, ca. 293 km Entfernung und rund drei Stunden Fahrtzeit. Die Bahn fährt die Strecke in 2:39 h. Die Hin- und Rückfahrt wäre also an einem Tag möglich, ganz ohne Übernachten.
Ein Journalist, nur 71 km von meinem vorgeschlagenen Treffpunkt entfernt, schrieb mir: »Grundsätzlich ist das möglich. Lauenburg wäre mir eigentlich lieber, das ist etwa auf halber Höhe. Aber an den paar Kilometern bis Lüneburg soll es auch nicht scheitern.«
Eine Texterin legte mir ein Preisangebot vor, das eines der Budgets im Projekt sprengen würde. Also sagte ich ihr das. Sie meinte: »Ich kann es mir nicht leisten, weniger zu verlangen.«
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Es ist Jedermann und Jederfrau gutes Recht, das Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten, in eine Stadt zu reisen oder es zu lassen, Aufträge anzunehmen oder abzulehnen. Darum geht es hier nicht.
Es geht um die geistige Haltung, um das bewusste Bewegen von Geist und Körper, das Überwinden unseres inneren Trägheitsgesetzes, Interesse nicht nur zu zeigen, sondern auch zu leben. Wer so, wie in den eben genannten Beispielen denkt und redet, schaukelt in einer Hängematte. Er steht nicht mehr mit beiden Beinen auf dem Boden des Lebens. Er sieht aufs blaue Meer seiner unendlichen Träume und hofft, dass ihm gebratene Tauben in den Mund fliegen. Er holt seine Motivation aus dem lauen Wind des Vergessens. Und in grauen Wolken will er partout nur Schönwetterkurse erkennen.
Ich bezweifle, dass wir mit diesem Hängematten-Symptom unsere Zukunft erfolgreich meistern werden. Rom ist nicht im Kampf Mann gegen Mann untergegangen, sondern im Streben nach Genuss, Reichtum und Vergnügen. Vielleicht muss uns erst ein verheerender Sturm ruppig aus den Hängematten werfen, bevor wir unsere Aufgaben erkennen und endlich gewandelt handeln. Wer genau hinsieht, kann die Anzeichen eines Sturms am Horizont schon erkennen. 
Veröffentlicht am 01. Januar 2009