Wenn nicht Wir, dann Ich?
Wenn das wirklich Neue als Utopie dargestellt wird, wir nicht mehr aus eigener Antriebskraft unser Ich bestimmen, dann können wir leicht von Anderen gesteuert werden und unsere Individualität und Kultur nehmen Schaden.
Unter den vielen unterschiedlichen Individuen einer Gesellschaft spielt die eigene und individuelle Identität einer Person eine entscheidende Rolle. Man könnte auch sagen, dass das persönliche Ich die Entwicklungen und Veränderungen der Gesamtheit entscheidend mit beeinflusst. Das Handeln und Denken des Einzelnen wird dabei durch seine Individualität zum Ausdruck gebracht. Aber ist alles wirklich so individuell, wie es immer angepriesen wird?
Wenn es um das eigene Ich geht, betrifft es zwangsläufig auch die persönliche Meinung. Verständlich, dass diese persönlichen Meinungen und Ansichten dabei stets dem eigenen und somit subjektiven Denken zugrunde liegen. Es stellt sich hierbei die Frage: Wie ernst nimmt unsere Gesellschaft ihre Denkansätzen wirklich? Denn realistisch betrachtet, dürfte es gewisse Zustände auf unserer Welt ja eigentlich gar nicht geben. Krisen, Hungersnöte oder die Ausbeutung der Natur sind nur einige Beispiele. Eine ganz einfache, mit gesundem Menschenverstand angewandte Denkweise würde ausreichen, um all diesen Nöten die Grundlage der Ausbreitung zu entziehen.
Statt dass wir uns — und damit meine ich in erster Linie jeder sich selbst — in Bewegung setzen und Gegenmaßnahmen anstreben, lenken wir uns mit allen möglichen Dingen ab, um uns ja nicht mit uns selbst auseinander setzen zu müssen. Dieses Handeln führt dann dazu, dass das wirklich Neue schnell als Utopie dargestellt wird und sich das eigene Ich vor wichtigen und notwendigen Schritten entmutigen lässt. Was bleibt hat nichts mit dem eigenen Ich zu tun, sondern vielmehr mit einem kollektiven Realitätsentzug. Zum Einem ist das ein Zeichen von Armut an Begierde, zum Anderen gibt es Utopien nur deshalb, weil wir eben Sehnsüchte danach entwickeln.
Das eigene Ich wird mehr und mehr durch Geräte ersetzt, die ihre Kraft aus Steckdosen beziehen, statt aus unserer eigenen Antriebskraft, um uns persönlich weiterzuentwickeln und in Szene zu setzen. Wir versuchen, Probleme häufig dadurch zu lösen, indem wir krampfhaft versuchen, Schuldige für all das zu finden, was eigentlich jeder für sich selbst zu verantworten hätte. Ich glaube, dass dies letztlich nur der verzweifelte Versuch darstellt, dem eigenen Ich einen Mantel der Unschuldigkeit und Unwissenheit überzustülpen. Denn so einfach wie wir glauben, ist das alles nicht. Die Schuld einfach der Politik oder einer höheren Instanz unterzujubeln, ist nicht nur feige, sondern auch ziemlich kurz gedacht. Denn am Ende gibt immer jeder selbst seine persönliche und eigene Stimme ab.
Sprechen wir einmal in Beispielen: Wenn also Discounter Dinge verkaufen, die kein Mensch wirklich braucht, die dazu in Ländern produziert werden, in denen Menschen regelrecht, des geringen Preises wegen, ausgebeutet werden, ist das die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sieht so aus, dass Jeder heute sehr genau darüber Bescheid weiß, dennoch frisch und fröhlich zu diesen Produkten greift. Wenn wir uns beispielsweise noch so sehr über die kriegerischen Zustände des Ölpreises wegen beklagen, dann trotzdem darauf bedacht sind, einen möglichst geringen Spritpreis zu bezahlen, so stellt sich die Frage, ob wir nicht selbst Teil dieser Kriege sind. Denn letztlich zieht ein Jeder Nutzen aus solchen Kriegen. Auf den Punkt gebracht meine ich damit, dass jeder, der das Feld aufbereitet, genauso beteiligt ist wie derjenige, der den Samen setzt oder letztlich die Frucht erntet.
Sicherlich hat unser materialistisches Denken dazu geführt, dass sich nicht nur Unternehmen nach Vorteilen orientieren, sondern auch jeder Einzelne unserer Gesellschaft. Das führt dazu, dass sich jeder darauf konzentriert, noch mehr für sich selbst heraus holen zu können. Was die meisten scheinbar aber immer noch nicht wissen, ist, dass sie dabei nur manipuliert und dazu verleitet werden, gegen ihre eigenen und ganz persönlichen Interessen zu agieren. So suggeriert beispielsweise unsere Werbung permanent doch nur, dass wir immer zu wenig haben. Die hoch gepriesene Individualität ist genau genommen auch hier wieder nur ein Kollektiv. Denn wir lenken uns nur ab, um uns ja nicht mit uns selbst auseinander setzen zu müssen. Letztlich empfinden wir schon fast mehr Ehrfurcht vor unserem materiellen Leistungsvermögen, als vor uns selbst.
Wo bleibt also dieses Ich, das individuelle und ganz persönliche in unserer Gesellschaft? Wer sind die Helden, die sich dieser Gangart entgegen stemmen und den Mut besitzen, Nein zu sagen? Es sind jene, die beginnen, ihr Leben und somit das Ich in den Vordergrund zu stellen und Einfluss auf Entwicklungen zu nehmen. Eine Trendwende startet immer von ganz unten, an den Wurzeln, also bei jedem Einzelnen. Wenn der Einzelne nicht den Mut aufbringt, sein eigenes Ich zu entdecken und etwas zu verändern, dürfen wir uns letztlich nicht wundern, wenn wir durch Andere gesteuert werden. Ganze Kulturen wurden so zerstört und vernichtet. Denn eine Kultur, die zerstört wird, ist eine Kultur, die den Wandel und die Veränderung nicht verstanden hat, zugleich auch eine Kultur, der die Individualität des eigenen Ichs abhanden gekommen ist.
Wenn wir also initiativ sein wollen, dann sollten wir das auch umsetzen. Wichtig dafür ist es, dass jeder, der die Initiative ergreift, auch die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Die Regeln dafür wurden von uns selbst gemacht. Folglich können nur wir selbst diese Regeln auch wieder ändern. Für jeden Veränderungsprozess steht nicht, pauschal gesprochen, das Denken im Mittelpunkt, sondern immer nur das ganz persönliche Denken eines Individuums. Und alles, was dabei wir als Einzelne mit Leidenschaft angehen und andenken, machen wir auch letztlich gut und gerne.
Es reicht eben nicht, über Probleme zu diskutieren. Jeder Einzelne ist selbst für die Lösung von Missständen verantwortlich. Das Ich spielt dabei keine Nebenrolle, sondern die Hauptrolle. Nicht die anderen sind verantwortlich, sondern jeder für sich selbst.
Eine unserer größten Gaben ist sicherlich unser Denken. Und damit ist im erweiterten Sinn gemeint, dass dieses Denken für die persönlichen und eigenen Entscheidungsprozesse auch anzuwenden ist. 
