Wandel

Adieu kostenlose Information

Text: Joachim Zischke

Das Bestreben von Verlagen, Nachrichten und Informationen kostenpflichtig zu machen, sorgt für rege Diskussionen. Doch muss ein freies, ein kostenfreies Internet bedeuten? Wie man es dreht und wendet, die Erzeugung von Content kostet Geld, denn auch im Internet gilt die Wirtschaftsformel: »Einer zahlt immer.« Also: Adieu kostenlose Information?

winter Rupert Murdoch, der große alte Mann im amerikanischen Mediengeschäft, verkündete an einem Mittwoch im August dieses Jahres in New York: »Qualitätsjournalismus ist nicht billig. Wir haben vor, für die Nutzung aller unserer Nachrichtenseiten im Internet in Zukunft Geld zu verlangen.« Zwölf Stunden später verlautete in Berlin von Mathias Döpfner, Vorstandschef des größten deutschen Zeitungsverlags Axel Springer: »Die kostenlosen Inhalte werden wir zurückdrehen.«

Die schon fantastisch anmutende, immer schneller fortschreitende technische Entwicklung, welche die kostenlose Nutzung von Software, wie Blogs, Wikis und Foren, ermöglichte, suggeriert gleichzeitig eine Welt der stets verfügbaren kostenlosen Information. Beim flüchtigen Dahinsurfen über die Netzseiten wird meist das enorme Arbeitsvolumen übersehen, das in den Webinhalten steckt. Sicher, über Sinn und Unsinn mancher Inhalte lässt sich streiten. Doch sind die dargebotenen Informationen wirklich kostenlos?

Einer zahlt immer.

Es ist sicherlich nicht den Internetnutzern anzulasten, dass die Inhalte bis heute überwiegend gratis verfügbar sind. Tatsache ist, dass die Verlage mit ihrer (Wunsch-)Vorstellung, durch Werbeeinnahmen die kostenfrei gehaltenen Angebote der Online-Welt kompensieren zu können, kräftig daneben lagen. Der Großteil der Werbegelder, die heute online fließen, landet bei einer einzigen Firma: Google. Wer wollte nun behaupten, nur weil Google (derzeit) seinen Nutzern die Internetsuche und andere Dienste ohne Berechnung überlässt, Google und die angebotenen Informationen seien kostenlos? Denn auch die Arbeitskraft, welche die Mitarbeiter von Google in die Entwicklung und Verfeinerung von Suchalgorithmen und Methoden stecken, muss irgendwie und irgendwann erwirtschaftet werden. Ganz klar: Einer zahlt immer, auch wenn es der Andere ist. So lautet nun einmal unser Wirtschaftsprinzip.

Wer heute, an einem windigen, regennassen 24. November 2009, auf der Plattform von Wikipedia weilte, konnte die Aufforderung lesen: »Wikipedia ist da, wenn Sie sie brauchen — jetzt werden Sie gebraucht!« Darunter, in einer Grafik, sah man den aktuellen Stand der angepeilten Sponsoren-Einnahme: 1,2 von 7,5 Millionen US Dollar. Obwohl Wikipedia seine Inhalte kostenlos im Netz zur Verfügung stellt, ist Wikipedia nicht wirklich kostenlos. Wir meinen nicht die unbezahlten Stunden der freiwilligen Autoren, die vom Wunsch beseelt sind, alles Wissen der Welt für jeden zugänglich zu machen. Denken wir einmal nur an den Energiebedarf der weltweit erreichbaren Server — auch das will finanziert sein. Ob mithilfe von Spendengeldern oder Werbeworten, einer zahlt immer.

Die spannende Frage lautet: Werden die Internetnutzer wirklich bereit sein, für Medieninhalte zu bezahlen? In Zeiten, in denen Mitmach-Zeitungen (siehe das Projekt der Gießener Zeitung) auf den Werbe- und Zeitungsmarkt drängen und jeder Bürger zum Bürgerreporter avancieren kann? — Interessant ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass spezialisierte Datenbanken und Archive, wie Genios oder FAZ Archiv, recht gut von ihren kostenpflichtigen Angeboten leben können. Wodurch unterscheiden sich diese Angebote von denen der anderen Anbieter? Nur ein Kriterium klingt für uns gewichtig und vernünftig: der Inhalt.

Wie sollte für den Leser sichergestellt sein, dass, um beim Beispiel der Mitmach-Zeitung zu bleiben, das, was der schreibende Bürger reportiert, den journalistischen Anforderungen gerecht wird? Auch wenn es eine prüfende Redaktion, wie im Falle der Gießener Zeitung gibt: Woher will der Prüfredakteur wissen, was wahr, erfunden, vermutet, gehört oder sogar abgeschrieben ist? Andererseits: Wie viele Profilneurosen könnten auf diesem Weg endlich geheilt werden? —

Zufallsfund: CONTRASTE – Mitmachzeitung der Solidarischen Ökonomie

Zitat: »Zu verdienen gibt es dabei nichts. Die zurzeit dreißig RedakteurInnen (Lokal- und Fachredaktionen) arbeiten nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Ebenso wird für angefragte oder eingereichte Beiträge von Autorinnen und Autoren kein Honorar gezahlt.«
Anmerkung: Das Jahresabonnement kostet € 45.
Frage: Macht allein das Schreiben die Autoren satt?

Wir alle wissen, dass nicht jede Information es wert ist, publiziert zu werden. Über den Inhalt wird sich daher auch künftig die Spreu vom Weizen trennen. So wie bei Fernsehnutzern zu beobachten ist, dass nicht wenige nur noch gezielt Sendungen auswählen und anschauen, so nehmen immer mehr Internetnutzer nur noch Informationen auf, die exakt bestimmten persönlichen Anforderungen entsprechen: Aktualität, Wahrheitsgehalt, Schreibstil, Nutzanwendung, Bereicherung, Muße, Genuss oder vielleicht auch Vergnügen.

Es ist nicht nur die schiere Masse des Informationsangebots, das niemand mehr ernsthaft überblicken, geschweige denn sinnvoll nutzen kann. Wir stoßen an die Grenzen unserer Aufnahmefähigkeit in dem uns zur Verfügung stehenden Zeitfenster; unser Tag hat nun einmal nur 24 Stunden, wovon wir mindestens ein Drittel allein für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden freihalten sollten.

Wir kommen nicht umhin, unseren Informationskonsum bewusst zu beschränken, um physisch und psychisch gesund zu bleiben. Wenn ich also einen Anbieter finde, der meine ganz persönlichen Lesewünsche erfüllt, warum sollte ich ihn dann nicht für seine Mühe und sein Engagement bezahlen?

Adieu kostenlose Information? Ja, wir wünschen es uns: für besseren, schöneren, nützlicheren und vergnüglicheren Inhalt. Und für ein persönlicheres Internet. fini

Link:
Contraste – Mitmachzeitung der Solidarischen Ökonomie

Veröffentlicht am 03. Dezember 2009

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