Identität ist eine sich stetig wandelnde Erfahrung

Lederhosen und Dirndl auf dem Oktoberfest sind nicht einfach Ausdruck von Mode, sondern bezeugen eine Identität: die Heimat. Die Prinzipien des Zen-Buddhismus können die Selbstbesinnung des Einzelnen wie auch die Corporate Identity von Unternehmen positiv beeinflussen, die Freude am Wandel fördern. Ein Interview mit Paul J. Kohtes.

point Joachim Zischke: Zuerst einmal: Meinen herzlichen Glückwunsch zum zehnjährigen Bestehen Ihrer Identity Foundation, Herr Kohtes.

Paul J. Kohtes
Paul J. Kohtes | Identity Foundation

point Paul J. Kohtes: Tatsächlich, das sind schon zehn Jahre. Vielen Dank, aber wir sind doch gerade erst am Anfang. Die Identitätsfrage wandelt sich derzeit so rasch — da sind zehn Jahre so kurz wie der Hall eines Glockenschlages.

point Ihr Verleger Joachim Kamphausen feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Verlagsjubiläum und macht dies, wo er nur kann, bekannt. Auf der Website der Identity Foundation finde ich fast gar nichts zu Ihrem Jubiläum. Lief für Sie die Zeit derart erlebnis- und erfahrungsreich ab, dass Sie die zehn Jahre so gar nicht bemerkten?

point Ein kommerzieller Verlag muss die Gelegenheit eines solchen Jubiläums unbedingt auch für die Kommunikation in eigener Sache nutzen. Für uns als gemeinnützige Stiftung gibt es diesen Druck nicht. Wir müssen nichts verkaufen, wir können uns den Luxus leisten, uns von Neugierde, Interessen und von unserer Intuition leiten zu lassen. Der Nachteil dieser Perspektive ist, dass uns ständig neue interessante Projekte zur Frage der Identität einfallen oder angeboten werden. Und da wir wirklich nur eine sehr kleine Stiftung sind — wenngleich unsere Außenwirkung manchmal etwas anderes signalisiert — haben wir oft die Qual der Wahl.

Vita Paul J. Kohtes
Das Wirtschaftsmagazin CAPITAL würdigte ihn als »Doyen der deutschen PR-Szene«, die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn als »zurückhaltenden Primus«. Paul J. Kohtes, Jahrgang 1945, ist beides. Gegensätze zu verbinden, ist für ihn ein Lebensthema. Schon als er vor über 30 Jahren in Düsseldorf eine Beratungsgesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit gründete, zierte das Logo des Unternehmens eine Brücke, die Verbindungen schaffen sollte. Paul J. Kohtes gilt als einer der führenden Berater für Unternehmenskommunikation in Deutschland. 2006 wurde er als erster Deutscher in die Hall of Fame des Internationalen PR-Agenturen-Verbandes aufgenommen. Auf der Suche nach innerem Gleichgewicht entdeckte er die Zen-Meditation für sich. Der Welt der Wirtschaft wollte er dabei nie den Rücken kehren, sondern immer das Weltliche mit dem Spirituellen vereinen. Paul J. Kohtes leitet Seminare in Zen-Meditation und hat sich spezialisiert auf das Coachen von Führungskräften. 1998 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Margret Kohtes die Identity Foundation, eine gemeinnützige Stiftung, die das Thema Identität wissenschaftlich erforscht.

point Die wissenschaftlichen Forschungstätigkeiten Ihrer Stiftung ruhen auf den vier Säulen Identität und Persönlichkeit, Identität und Management, Identität und Gesellschaft sowie Identität und Kunst. Eines der erklärten Ziele ist es, Identität begreifbar zu machen. Kann man Identität tatsächlich begreifbar machen? Wie geht das?

point Das wollen wir ja gerade herausfinden (lacht). Im Ernst, Identität ist natürlich nur eine Idee, ein Konstrukt. Welcher Art dieses Konstrukt ist, wie es entsteht, was es bewirkt, dazu versuchen wir in den verschiedenen Themenfelder, die Sie genannt haben, Annäherungen. Vielleicht so, dass es zum Be-greifen nahe kommt.

point Gerade las ich über eine Studie der Technischen Universität München, nach der Lederhosen und Dirndl immer mehr zur bevorzugten Bekleidung vor allem für junge Oktoberfestbesucher werden. Verbirgt sich dahinter ein tiefer liegender Wunsch nach Zugehörigkeit und Identität in einer Zeit zunehmender globaler Unsicherheit? Sind das die Zeichen und Chiffren für das, was wir als persönliche, soziale oder kollektive Identität bezeichnen?

point Unbedingt. Wir haben ja eine umfassende tiefenpsychologische Studie mit dem Institut Rheingold in Köln über die Frage der deutschen Identität gemacht. Da wird das sehr deutlich. Identität ist vor allem Heimat, also das, was mir in jeder Beziehung nahe ist. Für die Deutschen gilt das übrigens ganz besonders. Deshalb war der Nationalsozialismus ganz und gar un-deutsch und sogar unter Identitätsaspekten eine einzige Katastrophe. In unserer Identität steckt eben viel mehr unsere Stammesherkunft als die nationale Klammer. Wir werden diese Untersuchung in diesem Jahr durch eine repräsentative Befragung ergänzen. Ich bin gespannt, was da noch über die deutsche Identität zutage tritt.

point Sie wandten sich vor einigen Jahren dem Zen-Buddhismus zu und sind heute selbst Zen-Lehrer für Führungskräfte in der Wirtschaft. Sie sehen in Zen nicht nur eine »Form der Wirklichkeitsbetrachtung«, sondern auch eine Möglichkeit der Selbstbesinnung des Einzelnen, welche den Blick auf sich selbst und das Verständnis auf andere Menschen schärfe. Inwieweit kann Zen uns helfen, unsere eigene Identität zu erkennen? Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?

point Ich glaube, dass diese Form der Wirklichkeitsbetrachtung, von der Sie sprechen, ohne eine radikale Selbstbesinnung nicht möglich ist. Für mich war die Praxis des Zen, also das Sitzen im Zazen, in den ersten Jahren vor allem Psychoanalyse und Aufarbeitung der angesammelten Muster, Fixierungen und negativen Prägungen. Irgendwann waren dann auch die eher archetypischen Prägungen dran. Dies alles aufzudecken ist allerdings zunächst sehr schmerzhaft, weil ich mir dabei vieles ansehen muss, was ich nicht gern wahrhaben möchte. Die Folge dieses radikalen Selbst-ent-täuschens ist jedoch mehr Klarheit und größere Freiheit, weil sich die normale Fixierung auf das Ego löst — manchmal jedenfalls (lacht).

point Wenn wir einmal unseren Blick von der persönlichen Identität auf die Identität eines Unternehmens, der corporate identity richten: Gibt es hier Parallelen zur Entwicklung und Selbstbestimmung einer Unternehmensidentität? Könnte eine Art modifizierter Business Zen hilfreich sein, die Kultur in Unternehmen nachhaltig positiv zu beeinflussen? Um das zu erreichen: wo müssten Unternehmen Ihrer Meinung nach ansetzen?

point Ja, da sprechen Sie den zentralen Punkt meiner eigenen Entwicklung an. Über die Entdeckungsreise (endet nie!) zu meiner eigenen Identität, bin ich tatsächlich zu der Frage der Corporate Identity zurückgekommen, die ja bekanntlich im Zentrum meiner beruflichen Tätigkeit stand. In der Management-Theorie gibt es bereits viele Ansätze, bei denen Zen-Prinzipien eingeflossen sind. Nahe liegender Weise sind es vor allem japanische Firmen, die davon beeinflusst sind, wie zum Beispiel Sony oder Toyota. In Deutschland sind es eher Mittelständler, die sich zen-gemäß ausrichten, wenn auch meistens gar nicht bewusst. Was sind denn nun solche Prinzipien? Ich denke, dazu gehören vor allem positive Selbstdistanz, besonderes aber dennoch entspanntes Engagement, konstruktiver Umgang mit Fehlern — und vor allem Freude am Wandel, das heißt, an Kreativität. Danah Zohar, die amerikanische Wissenschaftlerin, hat diese Eigenschaften analysiert und als spirituelle Intelligenz bezeichnet.

point Auf der Website der Identity Foundation fand ich den Satz: »Identität ist eine vom ständigen Wandel geprägte Erfahrung.« Wie interpretieren Sie diese Aussage mit Bezug auf die sich stetig wandelnden Prozesse in unserer global gewordenen Gesellschaft?

point Hier sind vor allem wir Deutschen sehr gefordert, glaube ich. Wir haben eine ziemliche Angst vor Wandel, wenn er nicht technisch-rational abgesichert ist. Deshalb sind wir wohl auch auf technologischen Gebieten weltweit führend. Bei Veränderungen, die ein höheres Maß an Experimentierfreude verlangen, tun wir uns schwer. Und die globale Entwicklung wirft unserer heimeliges Fleckchen D auf einmal mitten in das weltweite Experimentierfeld von try and error. Kein Wunder, dass manche sich dann nach den guten alten Lederhosen zurück sehnen. Die zum Wandel notwendigen Eigenschaften, wie Optimismus und Mut, nehmen jedoch zu, wenn entweder das Ich völlig überschätzt wird — das sind dann die erfolgreichen Egomanen — oder wenn man sich von der Dominanz des Ichs befreien kann — das sind dann Menschen, die Vorbilder sind und Charisma haben. Von den Letzteren bräuchten wir noch ein paar Millionen mehr, mal ganz unbescheiden gesagt.

point Herr Kohtes, besten Dank für das Gespräch. fini

Links und Literatur:
Identity Foundation
Paul J. Kohtes: Jesus für Manager. Frei sein im Job und im Leben; 2008.
Paul J. Kohtes, Nadja Rosmann: Hören Sie auf zu rennen. Was Manager von Hase & Igel lernen können; 2006.
Hans Wielens, Paul J. Kohtes (Hrsg.): Raus aus der Führungskrise. Innovative Konzepte integraler Führung; 2006.
Paul J. Kohtes: Dein Job ist es, frei zu sein. Zen und die Kunst des Managements; 2005.
Paul J. Kohtes: Sie wartet schon vor deiner Tür. Das Weisheitsbuch von Atem bis Zen; 2006.
Paul J. Kohtes: Silbermond in dunkler Nacht. Zen-Gedichte; 2005.