Anzahl Leben: 1
Text: Joachim Zischke
Wir alle wissen, dass unser Leben endlich ist. Während für einige Menschen der Tod ein Tor zu einer anderen, schöneren Welt darstellt, verdrängen andere den Tod aus ihrem Bewusstsein und leben so, als sei das Leben ein endloses Spiel. Werden sie am Ende ihrer Tage ihr Leben bereuen?
In den 1990ern war das Jump ‘n’ Run-Spiel Prince of Persia ein Favorit meiner Söhne. In diesem Spiel läuft und springt der Protagonist um sein Leben, kämpft gegen fiese Feinde, auferstehende Skelette und schließlich sogar gegen sein eigenes Spiegelbild — das alles, um die schöne Prinzessin aus den Machtklauen des Wessirs Jaffar zu retten. Und wie das bei derartigen Spielen so ist, helfen gut versteckte, kleine runde Fläschen mit Lebenselixieren dem Abenteurer, das eine oder andere, in der Eile des Gefechts verlorene Leben wieder zu erlangen.
Unser Leben in dieser Welt ist kein Spiel. Und dennoch handeln viele von uns so, als sei es das: Sie laufen und springen, hetzen und jagen, als gelte es, allein nur ihren Erfolg zu retten, als wäre ihr Leben nur ein Probelauf für etwas Wichtiges, das auf später zu verschieben sei, als gäbe es in jeder Apotheke genügend Elixiere, um hundert Leben wieder aufzufrischen.
Jene Abenteurer vergessen die eine elementare, unumstößliche Erkenntnis: Das Leben endet. Jeder Mensch hat nur ein Leben. Auch wenn es uns heute die medizinisch-technischen Errungenschaften ermöglichen, die Körperfunktionen in seltenen Fällen zu re-aktivieren — das Leben bleibt endlich, eine einmalige Angelegenheit.
Lebenskunst heißt, die Einmaligkeit, aber auch die Endlichkeit dieses Lebens, das nur eine Sequenz ist aus einer langen Reihe von Wechseln von lebendig sein und tot sein, zu erkennen und sich zu bemühen, die sich aus dieser Erkenntnis ergebenden Folgerungen konsequent umzusetzen.
André M. Kunz
Der Gedanke, dass wir sterblich sind, sollte uns nicht schrecken — es ist der natürliche Lauf aller Lebewesen auf unserer Erde. Doch dieser Gedanke sollte uns veranlassen, unser Leben zu lieben. Tun wir das denn? Überlegen wir, wie wertvoll jeder Augenblick unseres Lebens ist?
Wenn wir einmal innehalten und beginnen, über unseren Tod nachzudenken, relativiert sich schnell all unser Bemühen und Streben nach mehr Erfolg, mehr Anerkennung, mehr Besitz, mehr Lustgewinn, mehr Vergnügen. Keine Frage: der berufliche Erfolg, ein großer Freundeskreis, ein schönes Zuhause, Reisen und Urlaub machen unser Leben spannend und aufregend. Aber welchen Preis bezahlen wir häufig dafür? Werden wir am Ende unserer Tage ohne Reue auf unser Leben zurückblicken können?
Die französische Zeitung L’Intransigeant — Der Unbeugsame — stellte im Sommer 1922 ihren freien Mitarbeitern eine knifflige Frage. Sie sollten beschreiben, wie ihrer Meinung nach die Menschen (und sie selbst) ihre letzte Lebenszeit verbringen würden, wenn zu einem von glaubwürdigen Wissenschaftern vorhergesagten Zeitpunkt die Welt untergehen würde. Marcel Proust, der Autor des Werkes Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, antwortete wie folgt:
»Ich glaube, das Leben würde uns ganz plötzlich köstlich erscheinen, wenn wir so sterben müssten, wie Sie sagen. Stellen Sie sich nur vor, wie viele Pläne, Reisen, Liebesaffären, Studienobjekte es — unser Leben — in aufgelöster Form enthält, unsichtbar für unsere Trägheit, die sie, der Zukunft gewiss, unablässig aufschiebt.
Aber wenn die Gefahr besteht, dass all das auf immer unmöglich sein wird, wie schön wird es dann wieder! Ach, wenn die Katastrophe nur dieses Mal nicht stattfindet, werden wir ganz bestimmt die neuen Säle des Louvre besuchen, uns Mlle X… zu Füßen werfen oder Indien bereisen.
Die Katastrophe findet nicht statt, wir tun nichts von alledem, denn wir fühlen uns wieder ins normale Leben versetzt, wo die Nachlässigkeit alle Wünsche abschwächt. Und dennoch sollten wir der Katastrophe nicht bedürfen, um unser Leben heute zu lieben. Dazu würde der Gedanke genügen, dass wir Menschen sind und uns noch heute abend der Tod ereilen kann.«
Für Geistliche, Mönche und Anhänger religiöser oder spirituell orientierter Bewegungen ist der Tod ein Teil des Lebens. Gar manche sehen den Tod als ein sich öffnendes Tor zu einem anderen, schöneren Leben. Viele von uns empfinden das Beschäftigen mit der Endlichkeit als unangenehm, ein Ereignis, das sie in ihren Gedanken lieber ausblenden, in ihrem Bewusstsein weit, weit nach hinten schieben. Doch wir sprechen hier nicht von einer Todesfurcht. Die Furcht vor dem Tod verdrängt die Lebensfreude, lässt das Leben weit vor dem wirklichen Ende erstarren und leblos werden.
Lebenskunst ist für mich so zu leben, dass ich mit dem, was mir das Schicksal zugedacht hat, zufrieden bin und darin einen Sinn für mich zu erkennen versuche, egal ob es Freude oder Leid, Gesundheit oder Krankheit ist.
Ich gehe vorsichtig und umsichtig mit meinem Umfeld (Natur und Gesellschaft) um, und kann mich auch in hohem Maße an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen, die manch anderer gar nicht bemerkt.
Lebenskunst ist auch, dass ich eine Kraft zwischen Himmel und Erde akzeptiere, die größer ist als alles, was unser (kleiner) Verstand erfassen kann und deswegen beuge ich mich demütig auch den Schicksalsschlägen, die für mich nicht verständlich sind und versuche immer wieder, mich an den schönen Dingen dieser Welt zu erfreuen.
Franz Tessun
Das Leben kann nicht ohne den Tod gedacht werden«, schreibt der italienische Philosoph Norbert Bobbio. »Das Leben achtet, wer den Tod achtet. Wer den Tod ernst nimmt, nimmt auch das Leben ernst, dieses Leben, mein Leben, das einzige Leben, das mir gewährt wurde, auch wenn ich nicht weiß, von wem, und den Grund nicht kenne. Das Leben ernst nehmen bedeutet, uneingeschränkt, ausdrücklich und so gelassen wie möglich zu akzeptieren, dass es endlich ist.« Wer den Tod in sein Leben miteinbezieht, wird in wichtigen Situationen häufig anders entscheiden, die kleinen alltäglichen Ärgernisse, aber auch größere Schicksalsschläge gelassen und mit innerer Stärke meistern.
Müssen erst Schicksalsschläge, wie eine schwere Krankheit oder der Verlust des Arbeitsplatzes, uns den Anlass geben, darüber nachzudenken, was wichtig ist in unserem Leben? Seltsamerweise fällt es den meisten Menschen unter Druck leichter, Veränderungen anzupacken und eingefahrene Bahnen zu verlassen.
Menschen bereuen in der Regel nicht so sehr, was sie getan haben, welche Fehler sie begingen, sondern all das, was sie nicht getan haben: die ungenutzten Chancen, eine verpasste Karriere, das Verzichten auf eine Liebesbeziehung, die aus Angst vor dem Scheitern nicht ergriffene Selbständigkeit, zu wenig Zeit mit Menschen verbracht zu haben, das unterlassene Studium etc.
Wer sein Leben so lebt, als sei es ein offenes und endloses Spiel, wer glaubt, irgendwann wird er Zeit finden, um richtig zu leben, könnte bitter enttäuscht werden. Die Lebenselixiere, die uns zu einem zufriedenen und wertvollen Leben verhelfen, müssen wir zu Lebzeiten suchen und genießen. Wir haben nun einmal nur ein Leben.
Veröffentlicht am 01. Oktober 2009