Lebenskunst. Ein gedanklicher Rundgang
Text: Joachim Zischke
»Kunst kommt von Können«, sagt ein Sprichwort. Wenn wir unser Leben selbst gestalten, sind wir dann Künstler und unser Leben ein Kunstwerk? Ist das nun eine philosophische oder eine praktische Frage? Dass Lebenskunst auch ganz profane Grundlagen haben kann, zeigen uns beispielsweise Janoschs Ansicht über Bratkartoffeln und viele eingesandte Umfrage-Antworten.
In früherer Zeit bedeutete das Wort Kunst — abgeleitet von dem Verb können —, das, was man beherrscht, also Kenntnis, Wissen, Meisterschaft. Später wurde es auch im Sinne von Fertigkeit und Geschick verwendet. Die Redewendung Kunst kommt von Können ist demnach vom Wortursprung her richtig. Ab dem 18. Jahrhundert bezog sich der Begriff auf das schöpferische Schaffen in Malerei, Bildhauerei, Dichtung und Musik. Kunst wurde mit dem Schönen in Verbindung gebracht, mit Grazie und Anmut, man sprach von den schönen Künsten.
KUNST ZU LEBEN
LEBEN SIE KUNST
ZU LEBEN IST KUNST
Marta Wey
Der Philosoph Michel Foucault bemerkte 1983 in einem Interview Zur Genealogie der Ethik, dass Kunst in unserer Gesellschaft zu etwas geworden ist, das nur Gegenstände, nicht aber Individuen oder das Leben betrifft. Kunst sei etwas Gesondertes, das von Experten, nämlich Künstlern, gemacht wird. [1]
Zeit, das zu ändern, dachte sich da ein anderer Philosoph. In seinem grundlegenden Werk Philosophie der Lebenskunst beschreibt Wilhelm Schmid 1998 die Aufgaben dieser Philosophie, nämlich »die theoretischen Elemente bereitzustellen, mit deren Hilfe ein Individuum sein Leben selbst gestalten kann.« Für Schmid ist ein Lebenskünstler nicht der Mensch, der sich leichtfüßig oder auch pfiffig über die Widrigkeiten des Lebens hinwegsetzt, sondern einer, der sein Leben philosophisch reflektiert und bejahenswert führt.
Hiergegen erhebt wieder ein anderer Philosoph, Theo Kobusch, Professor für Philosophie des Mittelalters, die Frage, ob »Lebenskunst besagt, dass der Mensch sich zum Kunstwerk macht und dass das philosophische Leben als radikale originelle Selbsterschaffung aufzufassen ist«. Ein klassischer Philosophenstreit?
Leben: das, was sich allein entwickelt, wenn wir es lassen. Kunst: das, was nur durch unser Zutun entsteht. Lebenskunst: die Balance von Tun und Lassen.
Angela Roethe
Sprechen wir von Lebenskunst, meinen wir das Wissen vom Leben, Geschick und Fertigkeit im Leben und die schöpferische Gestaltung des Lebens. Lebenskunst hat also mit Wissen, Geschick in der Umsetzung dieses Wissens und einer daraus resultierenden Freude zu tun. Das alles gewinnen wir aus unserem inneren Selbst. Lebenskunst bedeutet nichts anderes als gelebte Selbst-Erkenntnis. Aus der vitalen Beziehung mit der schöpferischen Kraft des Selbst entsteht die wahre Kunst des Lebens. Wenn die Aufgabe der Kunst darin besteht, das Schöne zu erschaffen, dann heißt Lebenskunst, das Schöne im Leben hervorzubringen. [2]
Die alten Griechen, bekanntlich sehr in der Philosophie bewandert, versuchten, sich jenem Ausdruck einer idealen Lebensgestaltungsformel von verschiedenen Seiten zu nähern.
»Denn was nützt denn bitte das Wissen über die Natur der Tiere, Vögel, Fische und Schlangen, wenn wir die Natur der Menschen nicht kennen, nicht wissen, wozu wir geboren sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, und uns für diese Fragen nicht interessieren?« 22
»Das also sind die wahren Moralphilosophen und nützlichen Lehrer der Tugend, deren erste und letzte Absicht es ist, den Hörer und Leser gut zu machen, und die nicht nur lehren, was das Wesen der Tugend und des Lasters sei, und uns damit in den Ohren liegen, dass das eine herrlich, das andere verwerflich sei, sondern die unser Herz mit Liebe zum sittlich Guten und mit Verlangen danach, mit Hass aber und Abneigung gegen das sittlich Schlechte erfüllen.« 108
Petrarca, De sui ipsius
»Man kann nicht in Freude Leben, ohne vernünftig, edel und gerecht zu leben, aber auch umgekehrt kein vernünftiges, edles und gerechtes Leben führen, ohne in Freude zu leben. Man kann es aber nicht, wenn jene Voraussetzungen fehlen.« Epikur, Philosophie der Freude
Der Illustrator, Kinderbuchautor und Schriftsteller Janosch verfasste vor Jahren das Wörterbuch der Lebenskunst-Griffe. Er schreibt darin über die Sicht seines Lebens, eine Sammlung tiefsinnigen Humors, mit einem verschmitzten Augenzwinkern. »Bratkartoffeln«, so schreibt Janosch, »sind nicht [die] schlechteste Speise. Sie sind, wenn man sie nicht im Grand Hotel bestellt, sondern sie selbst bereitet, sehr wohl zu genießen und nicht überteuert. Dieselben gut zubereiten zu können, ist eine Voraussetzung für die Kunst des Lebens.« [3] Da haben wir sie — die Lebenskunst, ganz profan, menschlich, ohne große, auszirkulierte Philosophie. Das Leben kann so einfach schön sein.
Brot, Wein und Käse, ein gemütliches warmes Zuhause, eine Handvoll ehrlicher Freunde, Haustiere und Gesundheit!
Sigrid Monauni
Die Kunst des Lebens umfasst nicht nur eine moralisch-ethische und schöpferische Dimension. Zur Lebenskunst gehört auch die Erkenntnis um unser Wohl, unsere Gesundheit. Gesundheit ist ein Zustand der Ausgewogenheit und des Gleichgewichts, in psychischer wie auch physischer Hinsicht. Richtiges Ernähren, gezieltes Anspannen und Entspannen, regelmässiges Bewegen, bewusstes Stressvermeiden und ein positiv gestimmtes Lebensbild bilden die anderen Grundpfeiler dieser Lebenskunst. Wenn wir diesen Lebensbereichen unsere Aufmerksamkeit widmen, entwickeln wir spontan mehr Achtung und Empfindsamkeit für uns selbst. Unser Organismus sucht stets sein Gleichgewicht, denn er fühlt sich in diesem Zustand am wohlsten und glücklichsten. Der wahre Lebenskünstler führt ein gesundes Leben, denn er ehrt und würdigt sein Selbst.
Quellen:
[1] Michel Foucault: Zur Genealogie der Ethik, Interview, 1983, in: Hubert L. Dreyfus, Paul Rabinow: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/M. 1987
[2] Bauhofer, Ulrich: Gesundheit, Selbsterkenntnis und Lebenskunst eine untrennbare Beziehung. Vortrag im Paderborner Podium des Heinz Nixdorf MuseumsForums am 09.10.2002
[3] Janosch: Wörterbuch der Lebenskunst-Griffe, München, 1995
Anmerkung: Die auf dieser und den folgenden Seiten eingestreuten Zitate entstammen einer Umfrage aus dem September 2009 zum Thema Lebenskunst, die DIALOGUS Magazin mit spirit.ch — Für nachhaltige LebensQualität durchführte. Dank an Andreas Giger für die Zusammenarbeit.
Veröffentlicht am 01. Oktober 2009