Leben

Man existiert nur durch den Blick des Anderen

Text: Joachim Zischke

Identität ist ein Thema, das uns in der nahen Zukunft immer mehr beschäftigen wird. Die Welt, in der wir uns bewegen, beantwortet immer weniger die Frage nach dem Sinn des Lebens, unseres Daseins. Wir begreifen täglich deutlicher, dass wir nach Nichtigkeiten streben, die uns nicht wirklich glücklich machen. So kommt es, dass manche Zeitgenossen ein zweites oder sogar drittes unwahres Leben führen, weil sie die Situation nicht wahrnehmen oder wahrhaben wollen. Andere wiederum erkennen, dass unser modernes Leben mit Volldampf in die falsche Richtung braust. Fehlt uns etwas?

Uns fehlt es sicherlich nicht an Wissen. Vielen von uns fehlt eher eine innere Orientierung, eine Identität, mit der wir leben wollen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Welches sind meine Leidenschaften? Welche Stärken habe ich und wie kann ich sie zum Vorteil anderer Menschen nutzen? Alles Fragen, deren Antwort sich aus unserem Bewusstsein ergeben, die wir nicht mit Wissen allein beantworten können.

Der Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Amartya Sen vertritt in seinem Buch Die Identitätsfalle die Meinung, dass die Identität eines Menschen nichts Angeborenes sei. Niemand kommt als Katholik oder Engländer auf die Welt, sondern er wird im Laufe seines Lebens durch Eltern, Erziehung, kulturelle, soziale und rechtliche Normen dazu gemacht. Und er sagt, kein Mensch hätte nur eine einzige Identität:

»Das auch nur stillschweigende Beharren auf einer alternativlosen Singularität der menschlichen Identität setzt nicht nur uns alle in unserer Würde herab, es trägt überdies dazu bei, die Welt in Flammen zu setzen. [...] Bestünde die einzige Identität eines muslimischen Menschen darin, islamisch zu sein, müssten natürlich all seine moralischen und politischen Urteile auf religiöse Bewertungen bezogen werden.«

Lothar Baier, Publizist und Mitbegründer der Literaturzeitschrift Text und Kritik, schrieb in seinem 1985 veröffentlichten Buch Gleichheitszeichen. Streitschriften über Abweichung und Identität: »Identitäten sind heute komplexe, widersprüchliche Gebilde, und wer behauptet, er habe eine eindeutige, klare Identität, der hat ein Identitätsproblem.«

Die insbesondere seit dem 11. September 2001 auftauchende und durch rabiate Vereinfachung propagierte nationale Identität als Ersatz der eigenen Identität erfüllte beide, Lothar Baier wie Amartya Sen, mit Sorge. Die Zuspitzung auf eine singuläre Identität in der Theorie vom Kampf der Kulturen befördert die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt. Es gibt keine globalisierte Identität.

Wir müssen unsere Identität als Menschen und damit unsere Rollen, wie wir auf dieser Welt leben und handeln wollen, überdenken. Jetzt und immer wieder. Jeder von uns ist einzigartig. Und darauf können wir aufbauen: Ideen, Emotionen, Mut, Einfallsreichtum, Optimismus — das verhilft unserem Leben zu mehr Sinn und Bedeutung als Geld es je könnte. Wir benötigen Aufgaben, für die es sich lohnt, aktiv zu leben.

Unternehmen lediglich als Geldmaschinen oder Transaktionsobjekte zu betrachten, führt in die Irre. Firmen mit interessanten, dynamischen, begeisterten Menschen, die vor Originalität und Kreativität nur so sprühen, die ihre Identität vielseitig gestalten und bewusst er-leben: das ist die erstrebenswerte Perspektive, die sich uns bietet. Denn: Man existiert nur durch den Blick des Anderen. Jean Paul Sartre. fini

Literatur:
Sen, Amartya: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. München, 2007.

Veröffentlicht am 02. Oktober 2008

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