Leben

Von explodierenden Cassisnoten und
schokoladiger Sinnlichkeit

Text: Valentin Brodbecker

Der Wein und seine visuelle Sprache

Wie beschreiben Sie, wie Ihnen ein Wein schmeckt? Süß, sauer oder lecker sind da wohl nicht die richtigen Ausdrucksformen. Findige Köpfe versuchen, uns das Weinerlebnis sprachlich und visuell näher zu bringen, zum Beispiel mit dem Aromarad oder dem Lichtraum.

aromarad Das Problem ist wohl jedem bekannt, der gern Wein trinkt: Man kauft einen Wein, ohne ihn zu probieren und ist dann enttäuscht, weil man nicht den eigenen, bevorzugten Geschmack traf. Das ist kein Wunder, wenn man sich ausschließlich auf das Etikett und den Preis als Kriterien für eine Entscheidung verläßt. Ein Weinetikett enthält so gut wie keine Hinweise auf den Charakter und die Aromen eines Weins, sondern mehr plakative, verkäuferische Darstellungen. So kauft man eher eine Wundertüte.

Die Beschreibungen eines Weins reichen von professionell-technisch bis üppig-lyrisch. Eine lyrische Schilderung wirkt oft übertrieben, zeigt sie doch nur sehr persönliche Eindrücke: »ein sexy Wein« oder »ein Wein zum Niederknien« bringt keine Klarheit.

Der traditionelle Weg der Weinsprache arbeitet mit Begriffen, die dem Laien nur wenig sagen: Die Farbe wird schlicht mit gelb oder rot bezeichnet, der Körper ist leicht oder kräftig, die Süße wird als ausgewogen oder säurelastig eingeschätzt und das kräftige, zusammenziehende Gefühl der Tannine im Mund nennt man adstringierend.

Exkurs: Wie mime ich den Connaisseur,
ohne Ahnung vom Wein zu haben?

Die Situation: Sie sind zu einer Dinnerparty eingeladen. Es wird Wein gereicht, über den man natürlich spricht. Auch wenn Sie keine Ahnung vom Wein haben, demonstrieren Sie gelassen Stilsicherheit, Etikette und Kennerschaft. Die folgenden Hinweise helfen Ihnen dabei.

Ein Wein schmeckt nicht einfach lecker. Verwenden Sie auch keine Begriffe wie süß oder sauer. Sprechen Sie stattdessen von lieblich oder trocken. Schmeckt Ihnen der Wein fade, bezeichnen Sie ihn als leichtfüßig, schlank oder subtil. Für muffige Weine benutzen Sie stets ein positives Bild, wie duftet nach Waldboden. Serviert man Ihnen einen unreifen Wein, der auffallend unangenehm nach Katzenpippi oder Pferdeschweiß riecht, konstatieren Sie animalische Töne. Völlig gefahrlos können Sie einem Wein Charakter, Eleganz und einen langen Abgang attestieren.

Lernen Sie ein paar Vokabeln auswendig, die Sie jedoch sparsam verwenden sollten:

  • Barrique (Weinfass)
  • Bouquet (auch Bukett, der Duft eines Weins)
  • Cuvée (Weinabfüllung)
  • Grand Cru (großes Gewächs, Weinklassifizierung)
  • Tannine (Gerbstoffe)
  • Terroir (Lage, Boden)

Einen wahren Zauber löst immer das Wort Terroir aus. Es spiegelt die Eigenheiten einer Region, des Bodens und die Arbeitsweise des Winzers wider, die ein Wein in sich trägt. Mit Bukett beschreiben Sie den Duft des Weines auf vielfältige Art. Wenden Sie bei Bedarf die Spezifikationen eines Aromarads an, das für jede Rebsorte oder Weinart sinnbildliche Illustrationen von fruchtigen, floralen und würzigen Aromen bietet.

Und schließlich: Als Connaisseur alter Schule dürfen sie bei der ersten Probe nicht vergessen, einen Wein ausgiebig im Glas zu schwenken, tief mit der Nase am Wein zu riechen und mit hörbarem Genuss zu schlürfen.

Methoden der Visualisierung

Um einige Nuancen aussagefähiger ist das sogenannte Weinaromarad, das Rot- und Weißweine in jeweils acht Kategorien von Leit- und Sekundäraromen unterteilt. Der Ausdruck von Geschmacksempfindungen wird mit diesem Werkzeug leicht und nachvollziehbar.

In jüngster Zeit versucht man, den Charakter und die Inhaltsstoffe eines Weines mit Hilfe von Grafiken und Animationen zu erklären. In einem virtuellen Glas Weißburgunder sieht der Betrachter eine Anzahl von gelben äpfeln als Leitaroma. Die Sekundäraromen, symbolisiert durch eine Honigwabe oder einen Akazienzweig, arrondieren die Früchte. Diese plastische Visualisierung der typischen Aromen einer Rebsorte überträgt das Gehirn sofort zu Nase und Zunge. Mit anderen Worten: Die realitätsnahe Darstellung führt über das Auge zum direkten Schmecken des Weines. Vor allem für den Weinhandel im Internet könnte dieses Verfahren eine sinnvolle Unterstützung darstellen.

Auf dem Weingut Allendorf in Östrich-Winkel im Rheingau kann der Weinkenner eine ganz besondere Sinneserfahrung machen. Herzstück des dort angelegten Weinparcours ist der Lichtraum. Man stellt sich mit einem Glas Weißwein bewaffnet in einen weiß getünchten und mit Spiegeln versehenen Raum. Zunächst probiert der Besucher den Wein bei normalem Licht, um sich einen Eindruck vom Wein zu verschaffen. Nach einer kurzen Ruhepause im Dunkeln wechselt das Licht zu satten Farben, die den gesamten Raum illuminieren. Je nach Farbe wechselt der Geschmack des Weines. Ich habe es als zunächst ungläubiger Experte getestet, und es stimmt tatsächlich. Bei grünem Licht schmeckt der Wein nach unreifen Früchten, bei rotem Licht nach roten Früchten, bei gelbem Licht nach Zitrusfrüchten und bei blauem Licht wie Wasser, kälter und leichter. Verblüffend!

Bei allen visuellen Methoden sollten wir nicht vergessen: Besser als das menschliche Auge funktioniert unser Geruchs- und Geschmackssinn. An einer richtigen Weinprobe führt kein Weg vorbei. fini

Links:
Virtuelle Weinverkostung
Das Weinaromarad
Das Weinportrait

Veröffentlicht am 03. Juli 2008

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