Leben

Mutter und Kind —
Eine kleine Kunde der chinesischen Schriftzeichen

Text: Florian Rustler

Die Idee war wirklich gut: Man nehme eine Situation des täglichen Lebens und zeichne sie in wenigen Pinselstrichen nach. Fertig ist eine Schrift, die jeder versteht. Gut 4500 Jahre und 40.000 Zeichen später wirft das Schriftsystem zahlreiche Fragen auf. Der Sinologe Florian Rustler deckt die Hintergründe für uns auf.

Vielleicht wundert Sie die Überschrift zu diesem Artikel. Was haben Mutter und Kind mit der Bedeutung chinesischer Schriftzeichen zu tun? Nun, in der Zeit vor etwa 4500 Jahren, als die ersten chinesischen Schriftzeichen entstanden, entsprach es wohl dem herrschenden Weltbild, das es gut ist, wenn Mutter und Kind vereint sind. Und so wurde der Begriff gut – 好 – gut durch die Darstellung Mutter mit Kind symbolisiert. Die chinesische Kultur hat ein bis heute bestehendes Schriftsystem hervorgebracht, das allein mit Visualisierung arbeitet: Eine Situation wird als vereinfachter Schnappschuss in ein Zeichen gegossen. Auf diese Weise haben sich bis heute etwa 40.000 Schriftzeichen entwickelt. Zum Glück reicht die Kenntnis von nur (!) 3000 bis 4000 Zeichen aus, um im Alltag zurecht zu kommen oder eine Zeitung oder ein Buch lesen zu können.

Die Ideogramme machen allerdings nur rund vier Prozent aller chinesischen Schriftzeichen aus. Als Beispiele hierfür seien die Zeichen für Holz – 木 –, Holz das einen Baum erinnert, und das Zeichen für Mensch – 人 –, das einer stehenden Person gleicht, angeführt. Da es nicht möglich war, ein komplettes Schriftsystem ausschließlich mit Piktogrammen zu schaffen, arbeitet das Chinesische außerdem mit ideographischen Abstraktionen und logischen Aggregaten, die nur noch entfernt an den Ursprung erinnern. Mensch Bei Aggregaten werden zwei ehemals allein stehende Zeichen zu einem zusammengeführt, um einen neuen Sinn zu erschaffen. Das eingangs erwähnte Wort gut ist ein solches Beispiel.

Ein Mensch, der sich an einem Baum anlehnt Mensch – 休 –, macht was? Richtig, er ruht sich aus. Dieses Spiel kann noch weiter verfeinert werden, indem Elemente, die eine bestimmte Aussprache erfordern, mit anderen Elementen kombiniert werden und dadurch ein neues Zeichen formen. In vielen Schriftzeichen ist die Etymologie direkt ablesbar. Zugegeben, das System nahm über die Jahre an Komplexität zu.

Traditionell und vereinfacht — Die Entstehung zweier Systeme

Oft kann ein Zeichen aus sehr vielen Strichen bestehen, wie das Zeichen für Drachen – 龍 – Drachen oder Teig – 麵 –. Wer mehrere Tausende davon erlernen muss, steht vor einem erheblichen Lernaufwand. Besonders für niedrigere Bildungsschichten sind die Schwierigkeiten enorm. Aus diesem Grunde gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Bestrebungen, die Schrift zu vereinfachen. In die Tat umgesetzt wurden diese Überlegungen schließlich in den 1950er und 1960er Jahren unter der kommunistischen Regierung der Volksrepublik China. Eines der Ziele war auch, die Rate der Alphabetisierung zu erhöhen. Teig Seit dieser Zeit gibt es zwei Arten von Schriftzeichen: die traditionellen Zeichen, die heute noch in Taiwan, Hong Kong und Macau gebräuchlich sind und die vereinfachten Zeichen, die in der Volksrepublik China und in Singapur benutzt werden. Aus dem traditionellen Drachen – 龍 – wurde der vereinfachte Drachen – 龙 – und aus dem traditionellen Teig – 麵 –, wurde das vereinfachte Zeichen – 面 –.

Vereinfachen der Zeichen Drachen und Teig
Drachen   Teig

Die Grenzen der (Aus)Sprache

Richtig verzwickt wird es bei der Aussprache. Im Hoch-Chinesischen gibt es rund 420 Silben — beispielsweise ma oder ji — von denen jede wiederum in vier unterschiedlichen Tonhöhen ausgesprochen werden kann. Das bedeutet, die chinesische Sprache bietet 1680 Möglichkeiten der Aussprache, im Gegensatz zu Schriftsystemen, die mit frei kombinierbaren Buchstaben arbeiten und damit praktisch unendlich viele Kombinationen ermöglichen. Da es mehr Zeichen (40.000) als Aussprachemöglichkeiten (1680) gibt, führt dies dazu, dass einer Aussprachemöglichkeit, also Silbe plus Tonhöhe, mehrere Schriftzeichen zugeordnet werden. Um zu wissen, welches Zeichen gemeint ist, muss man es entweder lesen oder in Kombination mit einem anderen Zeichen hören.
open Zu unfreiwilliger Komik führt dies oft bei Ausländern, die bei der hübschen Kellnerin statt Maultaschen ein Schlafen bestellen.
Im Chinesischen läßt sich das Wort Internet daher nicht einfach aussprechen oder gar schreiben. Um dieses Wort auszudrücken, wird mit existierenden Zeichen und damit mit einer festgelegten Aussprache gearbeitet. Internet bedeutet somit auf Chinesisch die Netz-Straße (wanglu), das elektronische Gehirn steht für Computer. Auch hier ist die Sprache wieder sehr bildlich.

Die Qual der Namenswahl

Vor besondere Herausforderungen stellt die Begrenzung des chinesischen Zeichen- und Lautsystems ausländische Unternehmen, die ihren Firmennamen ins Chinesische übertragen möchten. Hier geht es nicht nur darum, einen ähnlichen Klang zu erzeugen, sondern vor allem darauf zu achten, dass die gewählten Schriftzeichen eine positive Bedeutung haben. Der Autohersteller Mercedes-Benz hatte sich den schön klingenden Namen Ben Ci ausgesucht, das so viel wie schnell fahren bedeutet. Leider hörte sich das sehr ähnlich nach bensi, sich zu Tode rasen, an und wurde schnell zum ungewollten Spitznamen des Unternehmens. Man änderte daraufhin den Namen in Benchi, was wiederum schnell fahren bedeutet, und, wie es aussieht, bisher zu keinen unerwünschten Nebenwirkungen führte. fini

Links:
Wikibooks – Chinesisch

Veröffentlicht am 03. Juli 2008

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