Leute machen Kleider – auch umgekehrt?
Text: Joachim Zischke
Kleidung — das ist nicht einfach ein Schutz gegen die Widrigkeiten der Natur. Mit dem, was und wie wir es tragen, wollen wir zeigen, wer und was wir sind, meist noch bevor wir das erste Wort gesprochen haben. Kleidung ist nicht selten der Ausdruck eines Wunschbildes, das trügerisch sein kann. Und mit der Beachtung von Kleiderordnungen signalisieren wir unseren Stand und Status in der Gesellschaft.
In Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute aus dem Jahre 1866 wird ein arbeitsloser Schneider wegen seines gepflegten Äußeren durch den Jux eines Kutschers für den Grafen Strapinski gehalten und kommt dadurch derart zu hohem Ansehen, dass sogar die Ehe mit der Tochter des Amtsrats bevorsteht.
Ein moderner Wenzel Strapinski könnte heute wie Steve Jobs, der Mitgründer von Apple-Computer, zu einer Keynote auftreten: Auf der Website Steve’s Outfit fände er dessen Shirt aus Kaschmir und Seide, die Levi’s 501 und die passenden Sneakers New Balance, alles zusammen für knapp 400 Dollar. Aber wäre er dadurch ähnlich genial, erfolgreich und charismatisch? —
»Eva hat den Apfel nur deshalb gegessen, weil sie endlich Kleider haben wollte.« Douglas Jerrold
Zu allen Zeiten regelten geschriebene oder ungeschriebene Kleiderordnungen das Erscheinungsbild der Menschen. So spiegelte die Kleidung den Platz der gekleideten Person innerhalb der mittelalterlichen Ständeordnung wider. Auch Stoffe und Farben signalisierten die Stellung des Trägers. Dies hatte oft mit den Herstellungskosten zu tun. Je teurer eine Farbe, desto höhergestellt die Person, die sie tragen durfte oder konnte. Rot, beispielsweise, war eine Farbe des höchsten gesellschaftlichen Rangs. Während der Adel gern farbenfrohe Kleidung trug, waren dunkle Farben, wie Braun und Grau die Zeichen für Armut und eines sozial niedrigen Standes.
Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Schwarz nur von Bürgern getragen. Phillip der Gute, Herzog von Burgund, benutzte diese Farbe dann aber, um sich von der zunehmenden Farbfröhlichkeit, vor allem des reichen, aufstrebenden Bürgertums, abzugrenzen. Farbe als Demonstration der Andersartigkeit — kommt uns das nicht bekannt vor?
Wer glaubt, in unserer modernen Welt gäbe es keine Kleiderordnung mehr, täuscht sich. Während wir über die meist für Frauen geltenden Kleiderordnungen in islamischen Ländern den Kopf schütteln, beschäftigen wir uns unter der Rubrik business behaviour mit ähnlichen Anforderungen: Smart Casual, Business Casual oder White Tie? Wann trage ich Sportsakko, Abendanzug oder Smoking — Twinset, Kleines Schwarzes oder Blazer mit Hose? Wir nennen unser Spiel um Aussehen und Ansehen nicht mehr mittelalterlich Kleiderordnung, wir nennen es, ganz smart, Dresscode.
Auch politische Kleiderordnungen unterliegen dem Wandel. Vielleicht erinnern wir uns noch an die Vereidigung eines Joschka Fischer zum hessischen Umweltminister. 1985 war das, und Herr Fischer erschien sportlich in Turnschuhen. Das waren auch die Zeiten, als Pullover tragende, grüne Abgeordnete strickend in den Parlamenten saßen. Im April dieses Jahres wurde der Abgeordnete Tino Müller »wegen gröblicher Verletzung der Ordnung« von einer Landtagssitzung ausgeschlossen. Müller trug einen gestreiften Pullover und gehört der NPD an. —
Kleiderordnung Golf Club St.Leon-Rot
Kopfbedeckung
Schirmmützen (Caps) müssen mit der Spitze nach vorne getragen werden. Alle sonstigen golfüblichen Kopfbedeckungen werden akzeptiert.
Hemden
Golfhemden müssen einen Kragen, bzw. einen Rollkragen und ärmel aufweisen. Die Hemden müssen in der Hose getragen werden. Kragenlose Hemden, selbst die, die von bekannten Golf-Herstellern gefertigt wurden, sowie T-Shirts aller Art sind nicht gestattet.
Lange Hosen
Blue Jeans sind untersagt, Hosen aus Jeansstoff und anderer Farbe als Blau entsprechen der Kleiderordnung.
Kurze Hosen
Bermudashorts und andere Hosen müssen bis zum Knie reichen.
Schuhe
Es sind nur Golfschuhe mit Softspikes oder Noppen erlaubt.
Damen
Bitte beachten Sie, dass einerseits kragenlose Hemden und Tops über ärmel verfügen müssen und das andererseits ärmellose Hemden und Tops Kragen aufweisen müssen. Der Ausschnitt muss maßvoll sein. Rückenfreie Oberteile sind nicht erwünscht. Hosen und Bermudashorts sowie Golfröcke sind erlaubt.
Die Kleiderordnung wird zu jeder Zeit überwacht und umgesetzt. Alle Mitarbeiter des Golf Club sind angehalten, Personen, die sich nicht an die Vorschriften halten, des Golfplatzes zu verweisen. Bitte vermeiden Sie deshalb im beiderseitigen Interesse unangenehme Situationen.
Quelle: Golf Club St.Leon-Rot
»Man muss die Menschen durch ihre Kleider durchschauen und dieselben ignorieren lernen.« Thomas Carlyle
Durch unsere Kleidung zeigen wir, wie wir wirken, was wir anderen signalisieren. Oder sollten wir nicht eher von einem Wunsch sprechen, unserer Identität ein bestimmtes Erscheinungsbild zu geben? Ein Karriereberater empfiehlt seinen männlichen Klienten: »Wer hoch hinaus will, sollte am besten schon den Anzug tragen, der für die nächste Karrierestufe passt.« Prima! Und was passiert, wenn der Anzugträger leider gar nicht über die Qualifikationen und Qualitäten für die nächste Stufe verfügt? Wird der Aspirant dann zurück-gekleidet?
Kleidung ist geborgtes Ansehen. Zieht ein Mensch eine Uniform an, ändert sich sein Verhalten. Das Auftreten wird selbstbewusster, die Körperhaltung aufrechter. Doch durch die Uniform verändert sich nicht nur das Verhalten des Trägers: Eine uniformierte Person erregt Aufmerksamkeit, zwingt zu korrektem, disziplinierten Verhalten – denken wir nur an das veränderte Verhalten der Fußgänger an einer Ampel, wenn ein Polizist in der Nähe steht. Ebenso erwarten wir von einer uniformierten Person entschlossenes Handeln: ein Arzt, der im Notfall nicht hilft, ein Feuerwehrmann, der untätig zusieht wie ein Haus brennt, ein Zugschaffner, der Randalierer gewähren lässt, erfüllt nicht seine ihm zugedachten Aufgaben. Wer eine Uniform anzieht, wird zuständig, darf sich nicht abwenden, sondern muss handeln.
Kleidung spiegelt unsere Identität. Mit der Kleidung versuchen wir, uns auszudrücken, unsere Persönlichkeit darzustellen, unser Wesen in ein möglichst günstiges Licht zu stellen. Kleidung zeigt auch Meinung. Mit diesem Thema beschäftigte sich Friedrich Nietzsche, der in seinem Werk Menschliches, Allzumenschliches von Gottfried Kellers Kleider machen Leute als der Schneider-Philosophie sprach: »Die meisten Menschen sind nichts und gelten nichts, bis sie sich in allgemeine Überzeugungen und öffentliche Meinungen eingekleidet haben …« Es ist schwierig und nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, ob die Meinungskleider eines Menschen nicht vom Flohmarkt seiner Eitelkeiten stammen oder tatsächlich selbstschneiderisch durch Individualität, Bildung und Erfahrungswissen konfektioniert wurden.
»Wir stehen auf der Bühne und machen das Theater mit. Wir setzen uns in Szene und spielen unsere Rollen. Wir tragen viele Masken und eine Menge Kleider. Nackt treten wir ab, aber im Sarg sind wir wieder verkleidet: todchic.« Petrus Ceelen
Veröffentlicht am 03. Juli 2008