Die Kunst, alleine zu frühstücken
Text: Joachim Zischke
Frühstück — das bedeutet für nahezu 50 % der Deutschen ein, zwei Tassen Kaffee zwischen Tür und Angel zu trinken. Es gibt aber auch jene Menschen, die sich alle Zeit der Welt nehmen und das Frühstücken als Ritual begreifen.
Heute morgen stehe ich auf und die Sonne scheint. Gestern abend, die schönsten Quellwolken standen am Himmel, sagte der Wetterbericht ein Sturmtief voraus. Vielleicht kommt es ja noch. Die Meteorologen sind wie Propheten: Die Zeichen sehen sie wohl, sie zu deuten, fällt ihnen schwerer als sie zugeben wollen. Ich habe Kaffee gebrüht, Guatemala Grande, eine aromatische, herzhafte und doch milde Komposition, so steht es auf der Packung. Kann ich den Aussagen der Verpackung vertrauen? Wie funktioniert das: herzhaft und mild zugleich? Wer legt mein Geschmacksempfinden fest? Die Kaffeefirma, der Werbetexter? —
Eigentlich trinke ich morgens Tee. Ich bereite mir immer gleich eine ganze Kanne Tee zu, aus der ich mich dann den Vormittag über bediene. Säße jetzt ein Teepurist am Tisch, rümpfte dieser sicherlich seine Nase: Tee aus der Thermoskanne — was für ein Banause. Ich könnte mich durch diese Einordnung sogar geschmeichelt fühlen: war doch im antiken Griechenland ein Banause ein Handwerker der praktischen Künste. Und der bin ich ja wohl, als schreibender Denker.
Zwei Sorten Tee halte ich immer vor: einen Darjeeling und einen Grünen Tee. Zu besonderen Anlässen trinke ich am Nachmittag einen duftigen Jasmintee: wenn ich mich im Flow befinde, eine gute Idee entwickelt oder einen perfekten Artikel geschrieben habe. Den Tee bewahre ich in quadratischen Blechdosen mit einem runden, gefalzten Deckel auf. Vor Jahren hatte ich die verrückte Idee, den Tee in Dosen aus chinesischem Porzellan aufzubewahren. Doppelte Freude oder Prinzessin im Garten nannten sich die Formen, und wohl nur deshalb kaufte ich sie — doch bestimmt auch wegen des typischen Blaus im Dekor. Es seien antike Stücke aus dem Privatbesitz seiner Familie, sagte mir der freundliche, vertrauensvoll blickende ältere Herr, er verkaufe nur wegen einer unabwendbaren Notlage. Vielleicht stammen die Teedosen tatsächlich aus der Ming-Zeit, ein Made in China fand ich jedenfalls nicht. Später schenkten mir Freunde Teedosen aus Delft, im rostroten, kobaltblauen und mit Gold versetzten Pijnacker-Stil. Was immer noch fehlt, und mir niemand schenken will, ist eine Weiße Rose mit Purpurkern aus Meissen …
Regnete es heute, würde das meinen Plan etwas durcheinander bringen. Doch auch im Regen könnte ich gehen. Es gibt ja kein wirklich schlechtes Wetter. Seltsam, dass alle Menschen, gleich wo sie auf der Welt leben, schlechtes Wetter hassen. Fallen in der Sahara Regentropfen, schauen die Menschen beglückt zum Himmel empor, gleichzeitig ziehen sie sich ein Tuch über den Kopf. Auf Dominica regnet es mehrmals täglich, manchmal sogar stündlich. Bei den ersten Tropfen stülpen sich viele Leute eine Art Pudelmütze über. Welche urgeschichtliche Eigenart kommt hier immer wieder zum Vorschein? Wurde das jemals wissenschaftlich untersucht? Gibt es eine Prioritätenliste darüber, was wir noch nicht wissen und dringend erforschen sollten? —
Zwei knusprige, goldbraune Croissants liegen im Brotkorb. 90 Cent verlangte der Bäcker für ein einzelnes Croissant. Ein Rundstück kostet 28, mit ein wenig darauf verteiltem Mohnsamen schon 45 Cent. In welchem Verhältnis steht ein Mohnbrötchen zu einem Croissant? Im handwerklich-ökonomischem Sinne, meine ich: Ist es teurer, den Mohnsamen auf den Teigkloß zu streuen oder dem Croissant seine Halbmondform zu geben? — Der Nachteil von knusprigen Croissants ist zugleich ihr Vorteil: Croissants krümmeln. Ein Vorteil, weil das schichtenweise Krümmeln ein Zeichen von perfekter Backkunst ist, außen knusprig, innen luftig zart. Ein Nachteil ist eben das Krümmeln. Wohin mit den Krümmeln? Seit S. nicht mehr hier wohnt, ist das Krümmelproblem für mich gelöst. Während sie die Krümmel achtlos auf dem Teller liegen ließ und der Tischräumdienst, also ich, sich darum kümmern musste, habe ich ein entsprechendes Entsorgungsverfahren entwickelt: Mit dem kleinen Finger der rechten Hand schiebe ich die Krümmel auf dem Teller zu einem kleinen Krümmelberg zusammen. Den Teller führe ich dann zum Mund und sauge die Krümmel restlos, wie einer jener mobilen Straßenstaubsauger, weg. Ich könnte natürlich auch einen Löffel benutzen, jedoch finde ich mein Verfahren origineller.
Nun bin ich gar kein großer Brötchenesser. Ich bevorzuge eher ein gut gebackenes, kerniges, würzig schmeckendes Brot. Der junge Bäckermeister, den ich samstags auf dem Markt aufsuche, ist ein wahrer Geheimtip. Sein Dinkel-Amaranth-Brot, mit feiner dunkler Kruste, ist ein Gedicht: Ich esse es meist nur mit einem Hauch Butter darauf oder, wie letzte Woche, mit frischem Rettich. Und erst sein Holzluckenbrot: ein hoher Roggenanteil, eine leichte Sauerteignote, herrlich krustig. Er backt in einem Ofen, der mehr als 100 Jahre alt ist. So wird jedes Brot zum Unikat und zur geschmacklichen Überraschung.
Ich hatte einmal eine geschäftliche Verabredung mit der Repräsentatin eines Konzerns. Sie traf 40 Minuten verspätet in meinem Büro ein. Zur Begrüßung sagte sie: Verzeihung. Ich musste erst einmal in Ruhe frühstücken.
Ich verstehe Sie, sagte ich spontan. Frühstück – das ist der Beginn eines neuen Tages, die Wiedergeburt in das Leben, dafür muss man sich Zeit und Muße nehmen.
Ja, so empfinde ich das auch, sagte sie. Ich freue mich, Sie auf einer ähnlichen Gedankenlinie zu sehen.
Wie frühstücken Sie denn?, fragte ich neugierig.
Ich zünde mir zuerst eine Kerze an, sagte sie. Dann setze ich die Kaffeemaschine in Gang. Ich decke den Tisch, wähle dabei jeden Tag ein anderes Service aus. Sie müssen wissen, ich bin eine fanatische Service-Sammlerin. Für mich könnten die Manufakteure jedes Jahr eine neue Kollektion herausbringen.
Tun die das denn nicht schon?, fragte ich.
Ach nein, sagte sie, vielleicht hin und wieder ein neu designtes Dekor, aber keine wirklichen Neuigkeiten. Dann, also, stelle ich Butter, Konfitüre und Quark um das Geschirr herum. Ich schneide das Brot und lege es auf ein rot-weiß-kariertes Deckchen in einen geflochtenen Brotkorb. Dann setze ich mich.
Pardon, unterbrach ich sie, sprechen Sie ein Gebet?
Ich bete nicht, sagte sie, aber ich bleibe einen langen Moment ruhig sitzen, um mich zu sammeln. Manchmal denke ich über einen Traum nach, der mir in Erinnerung geblieben ist. Ich wundere mich über all das, was mein Gehirn nachts beschäftigt und wie es das mir mitteilt. Ich bin immer wieder verblüfft. Dann blicke ich auf die Speisen auf dem Tisch und überlege, was ich als erstes essen möchte. Ja, und dann beginne ich.
Sehr schön, sagte ich, ich bin zutiefst berührt, wie Sie das schildern. Setzen Sie sich denn gar kein Zeitlimit für das Frühstücken?
Ich denke nicht über die Zeit nach, sagte sie. Seit mein Freund nicht mehr bei mir wohnt, nehme ich mir viel, viel Zeit. Ich spüre einfach, wenn das Frühstück zu Ende ist. Es ist ein liebgewonnenes Ritual. Daher auch meine Verspätung heute, sagte sie und errötete leicht.
Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, sagte ich. Sie haben eine besondere Gabe.
Ja, sagte sie mit einem Lächeln, es ist eine Kunst, alleine zu frühstücken. 
KünstlerBaum an der Illmenau bei Grünhagen | © Joachim Zischke
Veröffentlicht am 05. Juni 2008
Kommentare: 2
1. Ruth Pink | 06. Juni 2008 06:23
Diese schöne Geschichte kann ich gerne noch ergänzen. In einem Kreativtraining wurde über die Thematik “Rituale und Routine” diskutiert und ein Teilnehmer schilderte seinen Frühstücksablauf etwa mit folgenden Worten:
“Zunächst trete ich ans Fenster und begrüße die Sonne, dann brühe ich mir eine einzige Tasse Kaffee auf, die ich ganz langsam trinke. Und erst dann überlege ich mir, ob und was ich essen möchte. Manchmal ist es Obst, manchmal ein Marmeladenbrot und manchmal genügt es mir einfach, mit meiner Tasse Kaffee ruhig da zu sitzen und aus dem Fenster zu gucken…”
2. Joachim Zischke | 07. Juni 2008 08:40
Vielen Dank, Ruth, für Deinen Erfahrungsbericht. Ich war mir gar nicht bewusst, dass Du in Deinen Kreativtrainings auch über das Frühstücken sprichst …
Ja, wir Menschen brauchen gewisse Rituale, um unsere innere Balance zu bewahren. Wenn wir mit einem Frühstück in Muße beginnen, können wir unser Tagewerk gelassener und stressfreier erfüllen.
Gruss, Joachim