Leben

Das Weinportrait

Text: Joachim Zischke

winelabelFliegende Händler kennen Sie sicherlich. Kennen Sie auch fliegende Künstler? Damit meine ich jene Künstler, die Sie in München am Marienplatz auf dem Boden knieend, Pastellkreiden in den Händen, übergroße Bilder auf die Bodenplatten zaubern sehen. Oder jene Scherenschnitt- und Portrait-Künstler am Hauptportal des Straßburger Müsters. — Einmal begegnete ich einer anderen Art von Künstler, nicht sehr weit weg von Straßburg, am Freiburger Müster: Es war ein Geschichtenkünstler. Und dieser bot minutiös, spontan, per Hand angefertigte Stegreifgeschichten an.

Ich zeige Interesse an seiner Arbeit, wir kommen ins Gespräch, worauf er mich auf ein Viertele zu Oberkirchs Weinstuben einlädt. Wir plaudern angenehm, er berichtet von seinen spontanen Erfolgen, nur zehn Cent die Zeile bei einem ganz einfachen Spielverfahren: Sie kennen doch Stadt, Land, Fluß, fragt er mich. Klar, sage ich, das haben wir unter der Schulbank gespielt. Also, sagen Sie mir den ersten Buchstaben, mit dem ich die Geschichte beginnen soll, und ich schreibe, bis Sie Stop sagen. Einverstanden? Ja und Nein, sage ich. So?, fragt er und bestellt noch einen Gutedel. Ja, sage ich, eine Geschichte hätte ich schon gerne, aber mit welchem Inhalt? Bleibt das deiner Phantasie überlassen oder könnte ich da Einfluß nehmen? Er denkt nach, schluckt kräftig an seinem Wein und sagt schließlich: Ich habe da eine brandneue Idee auf Lager, noch nie ausprobiert, völlig geistesfrisch, sozusagen, und lächelt geheimnisvoll und verschmitzt. Wie wäre es mit einem Weinportrait für dich? Ich frage, wie meinst du das? Na, ganz einfach, sagt er, ich schreibe dir eine wein-werbische Aussage zu deiner Person, gib mir doch gleich ein paar Details. Mittlerweile steht das vierte Viertele bereit, ich nenne ihm ein paar Eck- und Rundpunkte meines Lebens, er speichert sie temporär in seinem Gehirn, das kann ich buchstäblich sehen, dann sage ich J, weil so mein Vorname beginnt, und der Geschichtenkünstler schreibt los:

Ja, der Jahrgang 1953 — welch ein geniales Weltereignis! Und dann dieser absolute Volltreffer: 60% Ideenberater und 40% Visuelldenker prägen eine der charaktervollsten Figuren der Szene, einen extravaganten Kultstoff, die Inkarnation von Authentizität, Witz und Ideeologie. In seiner subtilen, hochkomplexen und extrem lebendigen Stilistik eher an grosse Dichter und Denker erinnernd, denn an einen vergnüglichen Schreiberling aus der kult-historischen Lüneburger Heide. Im ersten Augenblick ernster und puristischer als die Gestaltung seiner Spielereien vermuten lässt. Dabei ebenso von einer seltsamen Harmonie, einer animierenden Geistesfrische und perfekter Balance gekennzeichnet, wie auch mit einer Begeisterung zu würzig-orientalischen Ideen ausgestattet.

»Limettenansätze, Holunderfragen und immergrüner Humor.«

Was für eine großartige Mineralität der Gedanken und was für ein subtiler Witz, welch feinste Ideenfrüchte, welch ungemein komplexe, verspielte Symbolik: Geistbirnen, Kreativpfirsiche, Limettenansätze, Holunderfragen und immergrüner Humor. Eine fein-herbe Erinnerung im Auftakt, begleitet von einer tiefgründigen Urwürzigkeit, die ihresgleichen sucht. Spaßige Noten in gekonnter Ausstrahlung dominieren auch den langen Nachhall, neben feinen contre idée fixe Noten, durchströmen feinkörnige, ja aromatische Denkpartikel, Empathie und Sympathie.

Das maskuline Wesen tritt eher in den Hintergrund, was bleibt, ist eine feine und anregende, pikante, tolle Struktur, infolge der kitzelnden, rassigen, frischen Wortakrobatik, eine traumhafte, reife Textur, eine wunderschöne Dichte und großartige Konzentration. Ein sich immer wieder begeisternder Autor, der sich verwoben, dicht und komplex präsentiert, dabei von nobler und edler Natürlichkeit, welche die Kraft des Lebens und die Kühle der Sachlichkeit zum Vernügen zu erheben vermag. Charakterstärke vermählt sich mit großer Reife und Nachhaltigkeit!

»… fruchtig-frische, lebensgereifte, pralle Sentenzen, schwarze Humorisken …«

Eine unergründliche philosophische Tiefe ist bei jedem Wort, bei jedem Ausdruck zu spüren, dabei tauchen Auge und Ohr in eine Orgie von Gedankenströme ein: vor allem fruchtig-frische, lebensgereifte, pralle Sentenzen, schwarze Humorisken sowie Noten von edler Gesinnung, Humanität – und von einer überbordenden Opulenz an Perspektiven und Visionen.

Ein nobler Kern intensiver Beobachtungsgabe und kühle, rassige Imagination verwöhnen, ja entführen und verführen. Die Finesse, Eleganz und Subtilität dieses ganzen Menschen sind einzigartig und verleihen ihm einen absolut singulären Charakter. Jeder Gedanke setzt neue künstlerische Reflexe frei, jedes Wort erbringt neue Facetten, als connaisseur des mots mit ausgeprägter Vorliebe für faszinierenden Genuss und Sternstunden erfrischender Gespräche.«

Weinzettel

Kategorie: Im Auge behalten!
Benotung: 95 Writer’s Points
Höhepunkt: Ab jetzt bis nach 2012.
Aktion: Sofort zu kontakten.
Genuss: Mehrstündiges Disputieren empfohlen.

Nachwort

Ich weiß nicht mehr, wie viele Viertele wir bis zum Abend geschafft hatten, auch nicht, wie ich in mein Hotel fand. Der späte Nachmittag war jedenfalls grandios, einfach außerbadisch und derart weinrauschig, dass ich noch heute fasziniert an jenen geistig hochfliegenden Künstler denke. fini

Veröffentlicht am 05. Juni 2008

Nach oben

Kommentare: 1

Nach oben