Leben

Vom Gehen

Text: Petra Urban

Leichtfüßige Gedanken zu einem bewegenden Thema

Gehen, Denken und Schreiben bilden eine symbiotische Wechselwirkung: So wie wir gehen, so denken wir. Und so schreiben wir auch. Das Gehen, das Dichter und Denker intuitiv praktizierten, kann uns heute helfen, unsere menschlich-allzumenschlichen Probleme mit Gelassenheit und Leichtigkeit anzugehen.

gehen

»Ich ging im Walde
so für mich hin,
und nichts zu suchen
das war mein Sinn …«

Was Goethe hier in genauso schlichten wie berühmten Worten beschreibt, ist schönstes kreatives Tun. Gehen und dabei offen sein für alles, was einem begegnet. Nicht festgelegt sein. Nichts finden müssen. Sich treiben lassen. Innerlich und äußerlich fortschreitend. Ein Müßiggänger mit Gedankengang.

Ob der ausgesuchte Weg nun durch den Wald führt oder ganz woanders herum, ist relativ gleichgültig. Denn nicht der Weg, das Gehen selbst ist das Ziel. Jenes lebendige, ganz und gar ursprüngliche Tun, zu dem wir – auch in Zeiten aufgeregt klappernder Teleskopstöcke – tatsächlich nichts anderes brauchen, als passendes Schuhwerk.

Ich selber gehe gern so für mich hin. Und ich mache es oft. Ich gehe, wenn es mir gut geht, und ich gehe, wenn es mir schlecht geht. Und wenn an meinem Schreibtisch so gar nichts geht, dann gehe ich auch. Genaugenommen gehe ich immer.

»Ich schreibe, also gehe ich.«

Ich gehe, also schreibe ich, könnte ich sagen. Oder umgekehrt. Ich schreibe, also gehe ich.
Ich bin eine Art bewegte Schriftstellerin. Denn die Ideen für meine Geschichten kommen mir nicht im Sitzen. Die kommen mir beim Gehen, draußen, in frischer Luft, unter dem weiten, freien Himmel, wo ich Schritt für Schritt und Aug in Aug mit der Natur laufe.
Und während ich den Blick und auch die Gedanken schweifen lasse, fallen mir Ideen und gute Worte förmlich zu. Ein Zufall, der wohl kein Zufall ist.

Schon Friedrich Nietzsche, dieser dionysische Geher und Denker, dem das Sitzfleisch die Sünde wider den heiligen Geist war, wusste zu berichten, dass ihm beim Gehen die besten Gedanken kommen. So wenig als möglich sitzen, warnt er in seinem Ecce homo, keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden.
Selbst den Fußfaulsten unter uns würde er wohl anraten, so oft wie möglich hinaus ins Freie zu gehen und Körper und Geist zu bewegen. Und auf dem langen Weg zu uns selbst ruhig einmal darauf zu achten, wie wir eigentlich gehen. Denn, so schreibt er: Das Tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältnis zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füße des Geistes …

»Die Kunst des richtigen Gehens üben.«

Mit anderen Worten, so wie wir gehen, so denken wir auch. (Eine Analogie übrigens, die bereits die Antike kannte.)
Gehen wir beschwingt und belebt, fröhlichen Schrittes also und hoch erhobenen Hauptes, so tanzen auch unsere Gedanken leicht und lustvoll dahin. Gehen wir aber schleppend und gebeugt wie längst erschöpfte Lastenträger, so kommen auch unsere Gedanken nur schwerfällig in Gang und kaum von der Stelle.
Ergo – warum nicht einmal die Kunst des richtigen Gehens üben. Ganz bewusst einen leichtfüßigen Schritt an den Tag legen. Seelischen Ballast abwerfen. Frei werden. Leer werden. Durchatmen. Mit allen Sinnen auf dem Weg sein. Ausdauernd und hartnäckig. Dabei nichts suchen. Dennoch neugierig sein und offen für die Geschenke des Augenblicks.

Das klingt einfacher, als es ist.
Denn beim Gehen, das wusste schon Jean-Jaques Rousseau, der wohl einsamste Spaziergänger in der Literatur, nehmen wir eines immer mit: Uns selbst. Und das heißt auch und vor allem unsere menschlich-allzumenschlichen Probleme. Und so laufen wir gerade beim Gehen größte Gefahr, uns in Grübelschleifen zu verlieren. Weil wir mit jedem Schritt die immer gleichen Ich-Geschichten quälend und zermürbend im Kopf herum schieben. Und über dieser Sisyphos-Anstrengung gar nicht merken wie und wo wir eigentlich gehen.
Solcherart geistigen Problemlauf dürfen wir getrost mit den Füßen zuleibe rücken. Gehend Einspruch erheben sozusagen.

Das aber heißt, bewusst werden. Wachsam sein. Das Mühlrad im Kopf zum Stillstand bringen, die Seele baumeln lassen. Schritt für Schritt genießen und mit allen Sinnen auf dem Weg sein. Gleichmäßig atmen und das Gefühl von wohliger Ruhe und Weite in der Brust genießen. Und was immer der Augenblick bereit hält, es erspüren. Und sich erfreuen an dem, was ist. Das sind Momente, in denen das Leben lächelnd an unserer Seite geht und uns reich und verblüffend kreativ beschenkt. fini

Veröffentlicht am 01. Mai 2008

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Kommentare: 5

  • 1. Brita Link  |  08. Mai 2008 08:24

    Ich schreibe, also gehe ich. Das ist der Punkt.
    Das Leben geht lächelnd an meiner Seite. Ein schönes Bild.

  • 2. Gerlinde  |  08. Mai 2008 11:39

    Wunderbare Gedanken.
    Ich gehe gleich los.

  • 3. Thomas Brandenburg  |  26. Januar 2009 15:09

    Guten Tag, Frau Urban,

    habe Ihre erbaulichen Worte mit Rührung aufgenommen, insbesondere jene über den Zusammenhang von Gehen und Denken. Ja, so scheint’s zu sein.
    Nun jedoch, weil man bei solchen Worten ja ins Denken kommt: “Jean-Jacques Rousseau, der wohl einsamste Spaziergänger in der Literatur” schreiben Sie. Worauf beziehen Sie sich? Gibt es Hinweise, um dazu nach- und weiter zulesen?
    Und “so wie wir gehen, denken wir auch”. (Eine Analogie übrigens, die bereits die Antike kannte)…
    Oh, die Antike! Welche denn übrigens? Verübeln Sie’s mir nicht, doch ein Name, eine zitierte Stelle könnte beim Leser vielleicht etwas zum Schwingen bringen, oder ihn wenigstens nachvollziehen lassen, was Sie da zum Ausdruck bringen wollen. Könnten Sie da eventuell noch etwas nachlegen?

    Mit freundlichem Gruße,
    Thomas Brandenburg, ein leidenschaftlicher Leser und Geher.

  • 4. Joachim Zischke  |  26. Januar 2009 15:21

    Hallo Herr Brandenburg,

    schönen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich, dass auch ein Beitrag aus dem Mai 2008 gefunden und mit Vergnügen gelesen wird.

    Ich habe Frau Urban einen Hinweis zu Ihrem Kommentar geschickt. Vielleicht hat sie Antworten zu Ihren Fragen parat.

    Beste Grüße

    Joachim Zischke
    Herausgeber

  • 5. Petra Urban  |  27. Januar 2009 12:22

    Lieber Herr Brandenburg,

    als aufmerksamer Leser meines Artikels “Vom Gehen” haben Sie bemerkt, dass ich einige Sachverhalte zwar angedeutet, nicht aber weiter ausgeführt habe. Sie alle sind in meinem Vortrag ausformulierter zu finden, der den Titel trägt:

    “Aber ich, losgerissen von…der ganzen Welt, was bin ich selbst?” – Leichtfüßige Gedanken zum Bild des einsamen Spaziergängers in der Literatur

    Dass ich Jean-Jaques Rousseau als “einsamen Spaziergänger” bezeichnet habe, liegt auch und vor allem am Titel seines Buches: “Die Träumereien des einsamen Spaziergängers.” Und zum Thema “Antike” und die Schule des Gehens würde ich das Stichwort “Peripatetiker” empfehlen.

    Einfach mal stöbern, wie die damals angehenden Philosophen diskutiert haben …

    Herzliche Grüße

    Petra Urban

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