Tagebuch: Beobachtet

10. Oktober, Freitag

boulevardSeit einigen Tagen begegne ich ihm häufiger. Der Mann, um die Fünfzig, trägt einen weit geschnittenen Kamelhaarmantel und, wie ich herausfand, original hellbraune Budapester. Ein blendend weißer Seidenschal umhüllt seinen Hals. Sein Gesicht, gesund und leicht gebräunt, ist glatt rasiert. Dennoch wollen drei Dinge nicht zu seinem Auftritt passen: Der speckig-fleckige Traveller auf seinem Kopf, die dunkelrote Brille, deren Brücke mit Pflasterband geflickt ist und die abgewetzte lederne Aktentasche, immer in seiner linken Hand.

14. Oktober, Dienstag

Ich komme von den Colonnaden. Der Mann schlendert auf dem Jungfernstieg. Doch ein Schlendern ist das eigentlich nicht. Er geht mit federndem Schritt, wiegt sich leicht nach vorn, als reite er auf einem Pferd, dabei setzt er die Absätze nicht knallend aufs Trottoir, gleitet beinahe geräuschlos durch die Menge. Er weicht nicht aus, geht seinen Weg strikt geradeaus, ohne Schlenker und doch kollidiert er mit keinem Menschen. Ich überlege: Ein Clochard kann er nicht sein, dafür ist sein Äusseres zu sauber, zu elegant, sein Benehmen geradlinig, geradezu autoritativ. Eine seltsame Figur.

16. Oktober, Donnerstag

boulevardIch sehe ihn heute erneut. Diesmal steht er im warmen Luftstrom eines Eingangs zum Hanseviertel. Er steht da, als warte er auf jemand. Sein Blick weilt ziellos in einer unbekannten Ferne. Sieht er etwas, was ich nicht sehe, sehen kann? Seine Ausstattung ist wie bisher, exakt gleich. Heute gebe ich ihm einen Namen. Ich nenne ihn Das Kamel, weil sein Gehen mich an das Wüstentier erinnert, seine stillen, unauffälligen Bewegungen ähnlich sind, und natürlich wegen seinem Mantel. Ich würde gerne wissen, woher er herkommt, wohin er geht, wo er wohnt. Doch ich will nicht spionieren. Es scheint, als bewege er sich nur zwischen Gänsemarkt und Rathausmarkt. Einen Grund muss es geben, warum er umhergeht, gerade hier. Ist das Kamel ein Millionär? Bei dieser Frage muss ich laut lachen. Oder ist er ein Lebenskünstler? Vielleicht birgt er ein Geheimnis. Ob ich es ihm entlocken kann?

22. Oktober, Mittwoch

Fast eine Woche ist vergangen, seit ich das Kamel sah. Heute entdecke ich es am Neuen Wall, als es in die Schaufenster eines Geschäfts mit Orientteppichen blickt. Ich gehe langsam an ihm vorbei. Doch es sieht nicht auf die Auslagen. Es beobachtet im Spiegel der Scheiben eine andere Welt. Ich vermute, er ist ein Schriftsteller. Er beobachtet die Menschen in ihren Straßen, studiert ihre Mimik, analysiert ihr Verhalten, versucht ihre Ziele und vielleicht auch ihre Gedanken in ihrem Gehen durch sein Mit-Gehen zu entschlüsseln. Er geht nicht allein, er geht mit ihnen. Ja, so muss es sein. Er arbeitet an einem großen Werk. Deshalb sah ich ihn auch die letzten Tage nicht. Ich spüre, wie sich meine Achtung vor ihm verändert, wie meine Hochachtung wächst. Ich muss auch seinen Namen ändern, ihm gerecht werden. Kamel! Was für eine Verhöhnung seiner Arbeit, seiner literarischen Leistung. Ich gebe ihm einen passenderen Namen: Der Flaneur.

23. Oktober, Donnerstag

boulevardMeine Mittagspause verlege ich heute weit in den Vormittag. Morgen werde ich sie am späten Nachmittag nehmen. Ich will herausfinden, zu welchen Tageszeiten der Flaneur unterwegs ist. Und ich treffe ihn dann auch, unmittelbar vor meinem Büro in der Alten Post, auf dem kleinen Vorplatz gegenüber. Er schaut mich geradewegs an, als hätte er mich erwartet, nickt freundlich, so als würden wir uns schon seit langem kennen. Ich weiß nicht warum, ich überquere die Straße, gehe einfach auf ihn zu. »Hallo«, sage ich, und dann gar nichts weiter. »Wir kennen uns doch schon«, spricht der Flaneur in die Pause und reicht mir seine Hand zur Begrüßung. Ich nehme sie entgegen, spüre einen festen, herzlichen Druck. Er sagt: »Wir beobachten uns gegenseitig, stimmt’s?« und zwinkert mit einem Auge. »Ja«, sage ich, »seit ein paar Tagen. Wie kommen Sie eigentlich darauf?« — »Das ist eine etwas längere Geschichte«, antwortet er. »Wenn Sie mögen, erzähle ich sie Ihnen. Vielleicht in einem Café?« — »Ja, gern. Meinen Sie jetzt gleich?« frage ich. — »Ich denke eher an nächsten Dienstag oder Mittwoch«, sagt er. »Am Montag halte ich eine Vorlesung. Aber die anderen beiden Tage sind frei, wie Sie vielleicht erahnen können.« fini