Homo ludens. Oder: Das Leben ist Spielen
Das Spiel(en) ist in unserem Leben allgegenwärtig. Spielen erleichtert uns nicht nur das Erlernen von Fähigkeiten, es trägt zu unserem seelischen Gleichgewicht bei. Spielen bedeutet auch Kunst und Kultur und nimmt damit eine zentrale Position innerhalb unserer Lebensform ein. Spielen belebt und bewegt.
Spielen ist Balance
Spielen gehört zu den elementaren Erfahrungen des Lebens. Im Spiel erfährt das Kind die Simulation der Realität. Es entwickelt motorische Fähigkeiten, schult seine kognitiven Anlagen und erwirbt soziale Kompetenz. Erst durch das Spielen erlernt der kleine Mensch die Fähigkeit des Denkens. Spielen ist aber nicht an das Kindesalter gebunden. Erwachsene nutzen das Spiel als Strategie, das Leben zu meistern. So ist das gedankliche Durchspielen von Was-wäre-wenn-Situationen ein Teil des menschlichen Verhaltens. Ebenso wie Kinderspiele, sind die erwachsenen Spielarten für das seelische Gleichgewicht wichtig.
Der österreichische Philosoph Rudolf Eisler schrieb:
»Spiel ist, im Unterschiede von der Arbeit, jede Tätigkeit, die um ihrer selbst willen, ohne außer ihr liegenden Zweck, rein um der mit ihr verbundenen Lust willen, und meist in Nachahmung einer ernsten Arbeit oder Tätigkeit ausgeübt wird.«
Spielerisch bedeutet nicht verspielt oder oberflächlich. Es steht für eine Haltung, an Dinge ohne Zwang heranzugehen. Die Musikpädagogik nutzt immer häufiger Elemente des spielerischen Lernens. Ohne Leistungsdruck und ohne eine Bewertung der Klänge in schön und nicht schön, improvisieren Kinder gemeinsam mit den Therapeuten. Sie werden dabei in ihrer jeweiligen Stimmung begleitet und in ihrem Ausdruck unterstützt. So lernen sie sich und ihre Umwelt besser wahrzunehmen, ihre Gefühle auszudrücken, sie zu verstehen und eine innere Balance zu finden.
Spielen ist Kunst
Einen bemerkenswerten Ansatz bietet das Netzwerk Playing Arts: eine Verbindung von Kunst und Leben durch Spiel. Playing Arts ist eine Spielbewegung, die sich als ästhetische Selbstbildung versteht. Hier gibt es keine direktiven Anleitungen, sondern jeder Teilnehmer agiert selbstbestimmt, bildet seine eigenen Spuren und Kreuzungspunkte mit anderen: ob malen, schreiben, tanzen, fotografieren, filmen, Skulpturen schaffen, Theater spielen, singen und musizieren, denken und sprechen, kochen und feiern, beten – gemäß dem Satz von Claude Debussy Ein Kunstwerk schafft Regeln, aber Regeln schaffen noch kein Kunstwerk, dient das Konzept dazu, mithilfe von Spielprozessen zu Kunstimpulsen und einer eigenen Gestaltung zu kommen. Es erzeugt soziale Frei-Räume, in denen selbstbestimmte Gestaltungserfahrungen möglich werden, ohne dass diese fremdbestimmt, angeleitet oder bewertet würden. Playing Arts bedeutet einerseits persönliches Handeln, andererseits auch ein Netzwerk von Beteiligten, die sich mit ihren ganz eigenen Spielen und Projekten aufeinander beziehen.
Spielen ist Kultur
Johan Huizinga, der holländische Historiker und Kulturphilosoph, hat in seinem Buch Homo ludens eine Theorie der Kultur entworfen, in der er dem Denker (homo sapiens) und dem Tätigen (homo faber) den Menschen als Spieler (homo ludens) an die Seite stellt. Im Spiel entsteht Kultur, so seine Überzeugung: »Das Spiel steht außerhalb des Prozesses der unmittelbaren Befriedigung von Notwendigkeiten und Begierden« und ist damit losgelöst von den Lebenszwängen des Menschen. Das Spiel ist eine »freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben.«
Was das Spielen von allen anderen menschlichen Handlungen unterscheidet, ist der innere Anreiz. Nur aus dieser Motivation heraus ist die tiefe Konzentration und Versunkenheit beim Spielen erklärbar. Auch die Kommunikation während des Spielens ist ein wertvolles Training der Bewusstseinsebene.
Spielen ist Ausruhen
In Zeiten hohen Leistungsdrucks besteht die Gefahr, sich in Ziele zu verbeißen. Manches liefe leichter und unverkrampfter, ginge man spielerisch vor. Im Berufsalltag können Teamspiele die Zusammenarbeit und die Fähigkeit der Kommunikation von Mitarbeitern fördern (z.B. durch Outdoor-Trainings) oder Planspiele für einem regen Austausch von Informationen und Wissen sorgen. Denn Spielen setzt Gedanken frei, die durch den Verstand und das Gefühl blockiert sein können. Spielen belebt und bewegt.
»Spielen bedeutet ein Ausruhen, und des Ausruhens bedarf man, weil man nicht imstande ist, sich unausgesetzt zu mühen. Also nicht der letzte Zweck ist die Erholung; vielmehr wird sie vorgenommen, damit man nachher in seiner Tätigkeit umso besser fortfahren könne.«
Aristoteles, Nikomachische Ethik
Im Spiel sehen wir auch einen Zeitvertreib. Wir spielen aus Lust am Spiel, aus Tradition und natürlich auch aus Gründen der Gemeinschaft und Geselligkeit. Und wir finden beim Spielen die Muße, zu genießen, die im Alltag so oft fehlt – einen Ausgleichssport für die Seele. 
Literatur, Linkverweise:
Oeter, Rolf: Psychologie des Spiels; Weinheim, 1997.
Samuelsson, Ingrid Pramling: Learning to learn; New York, 1990.
Oeter, Rolf: Zur Psychologie des Spiels.
Eisler, Rudolf: Kant-Lexikon.
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe.
Playing Arts.
Huizinga, Johan: Homo ludens.
