Über Stein und Stein

Eine kleine Kulturgeschichte der Trittsteine

Trittsteine verbinden. Trittsteine bringen uns vorwärts, im buchstäblichen, wie im metaphorischen Sinne. Eine kleine Kulturgeschichte der Trittsteine zeigt Beispiele von Flussüberquerungen in England, deckt antike Zebrastreifen auf und schildert Hintergründe des japanischen Teewegs.

Eine der ältesten Aufgabenstellungen des Menschen dürfte das Überqueren von Flüssen und Gewässern sein: Wie komme ich auf kürzestem, sicherstem und einfachstem Weg von hier nach drüben. Es ist nicht überliefert, wer als erster Mensch Steine in einen Fluss warf, um halbwegs trockenen Fusses ans andere Ufer zu gelangen. Vielleicht bestand die Querung ja auch dadurch, die im Flussbett liegenden Steine geschickt als Trittsteine zu nutzen, so wie Kinder das gerne tun, wenn sie an einem Bach spielen. Gut möglich, dass aus der Anhäufung von Steinen und Felsblöcken dann die ersten Brücken entstanden sind.

River Wharfe
River Wharfe, Drebley, North Yorkshire | © Joe Regan

Im Trittsteineland

In England finden sich viele gut erhaltene (und noch immer unterhaltene) Beispiele dieser Querungskunst mittels Trittsteinen. Vielleicht aus deshalb, weil hier nicht überall rigoros Flussläufe reguliert wurden.

Fluss
Fluss mit Trittsteinen | © morguefile.com

Die ältesten in England bekannten Brückenkonstruktionen sind clapper bridges, genannt nach dem lateinischen Wort claperius für Steinhaufen. Man nimmt an, dass viele clapper bridges aus Ansammlungen von Trittsteinen oder anstelle von Furten entstanden; sie dienten Bauern und den Betreibern von Packpferde-Routen als Querung. Die Brücken bestehen aus relativ dünnen Steinplatten (ca. 3m Länge x 1m Breite bei 25 cm Dicke) mit bis zu fünf Tonnen Gewicht, die auf Steinblöcken aufgelegt wurden. Clapper bridges finden sich meist nur in Gegenden, die über geeignete Gesteinsarten verfügen; so sind Brücken in Devon, Cornwall und Yorkshire häufiger anzutreffen, als in anderen Gebieten.

Tarr steps
Clapper Bridge, Dartmeet, Devon | © Cathy Cox

Eine Variante der clapper bridge sind die tarr steps. Der Name tarr wird aus dem Keltischen stammenden Wort tochar vermutet, was erhöhter Fussweg bedeutet. Im Nationalpark Exmoor nahe der Ortschaft Liscombe liegt ein viel besuchtes Exemplar.

Tarr steps
Tarr Steps, Hawkridge, Somerset | © Richard Mascall

Vertikale Trittsteine

In südlichen Antiatlas Marokkos befindet sich nahe dem Dörfchen Tiguermine der Agadir Tasguent. Das arabische Wort Agadir bedeutet Speicherburg und steht für ein eindrucksvolles Bauwerk, das weltweit wohl einzigartig ist. Das aus Bruchsteinen völlig mörtellos errichtete, drei- bis viergeschossige Gebäude beherbergt ca. 200 fensterlose Kammern, die nur über in die Wände eingelassenen Trittsteine von den Gängen und Innenhöfen her erreichbar sind. Die Kammern dienten zur Aufbewahrung von Nahrungsmitteln, Hausrat und wertvollem Familienbesitz, während der Zeit, in der sich die männliche Bevölkerung auf Wanderschaft mit ihren Schaf- und Ziegenherden befand. Geschicktes und beherztes Trittsteinspringen dürfte erforderlich gewesen sein, um zu den obersten Kammern und wieder zurück zu gelangen.
Agadir
Agadir Itourhaine, Marokko| © Norbert Heyers

Verkehrsberuhigung und Zebrastreifen

»Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand’s entgegen, sie sich in den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige Getriebe, drin niemand auf den Andern achtete, sondern in eine kleinere Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu einem Begleiter sagte: Das ist Gradiva – ihren wirklichen Namen vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen – die Tochter des … sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt. [...] Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wiederausgegrabenen eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen hinübergesetzt, während der Andere im Begriff stand nachzufolgen, und bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf.«
Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück von Wilhelm Jensen, Verlag Carl Reissner 1903

PompejiKaum zu glauben, aber wahr: Schon im sprichwörtlich alten Rom gab es Verkehrsprobleme. Der Verkehr mit Hand- und Ochsenkarren und Kutschen nahm damals dermaßen überhand, dass die Bürger Maßnahmen zur Eindämmung des Verkehrs forderten. Die bekamen sie auch. Allerdings können wir diese heute nicht mehr in Rom, sondern nur noch in Pompeji bewundern. Wer in den aus der Vulkanasche ausgegrabenen Strassen spaziert, begegnet dort hohen Schwellen und Trittsteinen in der Fahrbahn, die nur von Wagen einer bestimmten Spurenbreite und einer bestimmten Achsenhöhe überfahren werden konnten. Gleichzeitig waren diese Trittsteine die antiken Zebrastreifen, die es den Fussgängern ermöglichten, trockenen Fusses die Fahrbahnseiten zu wechseln, da anscheinend die Fahrbahnen auch als Regenwasserkanäle genutzt wurden.

Der Teeweg

»Vergiss niemals, dass der Weg des Tees nichts weiter ist als dies: Wasser aufbrühen, Tee machen und Tee trinken.«
Sen no Rikyu, japanischer Teemeister, 1521-1591

TeegartenDer Weg zu einem japanischen Teehaus führt meist durch einen Garten. Da die meisten Gärten mit sehr feinen Moosen bewachsen sind, legte man schon in früheren Zeiten die Wege vom Eingang bis zum Teehaus mit Steinen aus, damit das Moos nicht zertrampelt wurde. Diese Trittsteine nennt man tobi-ishi, was wörtlich fliegende Steine bedeutet. Sehr bald erkannten die Teemeister eine weitere Nutzanwendung: die Schritte der Gehenden mithilfe der Steine zu manipulieren. Durch geschicktes Setzen der Trittsteine manipulierten die Gestalter des Gartens die Geschwindigkeit des Gangs und beabsichtigten dadurch eine Veränderung der Geisteshaltung: Weg von der Unruhe des Alltags, hin zum Entschleunigen, zum eigenen menschlichen Bewusstsein. Trittsteine lenkten ferner die Körperausrichtung und damit die Blickrichtung. So lenkte die Anordnung der Trittsteine die Aufmerksamkeit der Teegäste auf Aspekte des Gartens, der sich ganz natürlich und ohne aufwändige Dekoration und Blumenschmuck dem Betrachter darbot. Das alles sollte dem Zweck dienen, dass der Gast sich vor allem seines eigenen Körpers bewusst wird. fini

6. März 2008 | |

Kommentare: 2

  • 1. Det Mueller  |  07. März 2008 14:41

    Schöne Geschichte durch die Geschichte. Gefällt mir gut, informiert und bringt gleichermaßen Ruhe ins Leben.

    Das ganze Magazin ist klasse, lieber Jo!

    Herzlichst Det

  • 2. Norbert Heyers  |  09. März 2008 09:15

    Hallo Joachim,

    es ist spannend, wie Du mit dem eher ungewöhnlichen Thema der Trittsteine umgehst.

    Ich sehe, Du hast Dich auch über den bekanntesten bzw. größten Agadir des Antiatlas, den Agadir Tasguent oder Agadir Tisguimt informiert. Der ist im Augenblick nicht zugänglich, weil, wie die Bewohner des Dorfes erzählten, der gardien vor zwei Jahren ermordet wurde und sich die Bewohner der beiden benachbarten Dörfer nicht einigen können, wer den Schlüssel verwaltet.

    An der ehemaligen Piste zwischen Igherm und Ait Abdallah liegen diverse Agadire wie Perlen aufgefädelt. Man muss der alten Piste folgen, um den Agadir Itourhaine, von dem das Foto stammt, zu finden. J. Gandini beschreibt ihn in dem zweiten Band seiner Pistes du Maroc. Dieser Agadir liegt auf einer Hochebene über dem gleichnamigen Dorf. Der dreistöckige Agadir zeichnet sich aus durch drei fingerartig angelegte Stichgassen, die zum Ende hin schmaler werden: weniger Personenaufkommen – weniger Bewegungsfläche notwendig, eine sehr moderne und pragmatische Lösung. Fotos in diesen Schluchten zu machen ist äußerst schwierig, weil eine Seite in der Sonne überblendet ist und die andere dadurch im Dunklen liegt.

    Gruss, Norbert

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