Leben

Talking ’bout my Generation –
Hope I’m old before I die

Text: Jörn Müller-Neuhaus

Wie ist das, wenn man die 50 erreicht? Blickt man dann wehmütig zurück? Woran erinnert man sich? Ein Musik-Fan sinniert und lässt die alten Stars und grossen Songs von gestern an sich vorüberziehen. Ein ganz persönliches Stück musikalischer Erinnerung im Wandel der Lebenszeit.

Da sitze ich nun vor dem Computer, genieße abwechselnd Ouzo und Riegele Commerzienrat, klaue das eine oder andere Musikstück bei Kazaa, stöbere im iTunes-Musikshop und kaufe, was mir gefällt. Musik, die ich eigentlich vor 10, 15 und 20 Jahren hätte hören, genießen und – genügend Guthaben vorausgesetzt – kaufen sollen. Dabei habe ich früher, bevor ich anfing, ein produktives Mitglied dieser Gesellschaft (also alt) zu werden, von Musik fast gelebt, Musik gebraucht wie die Luft.

»GOTTWARDASAUFREGEND!!!«

“Rolling Stones”, 2. Oktober 1973, 16 Uhr in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg, mein erstes Konzert, ich war 14 und ein bisschen. Das Ticket habe ich heute noch. GOTTWARDASAUFREGEND!!! Wir standen alle vor der Halle. 30 Minuten vor Konzertbeginn rückte berittene Polizei an. Nicht, weil es Randale gegeben hatte, sondern einfach prophylaktisch. Wir wussten nun, die Erwachsenen fürchten uns – ein tolles Gefühl! Dann das Konzert. Damals waren die Stones noch jung, Satisfaction und Sympathy for the Devil klangen nach Rebellion und nicht nach den Erzählungen alter Männer aus dem Krieg. Es war heiß, Mick war heiß, wir waren heiß. Die Stones spielten Angie (ohne zu ahnen, dass dieser Song später von einer deutschen Politikerin gekapert werden würde) und Mick schüttete einen Eimer Wasser mit Rosenblättern ins Publikum. Wir waren nass, aber glücklich – so musste das Leben aussehen, das war sicher.

Genauso sicher wie das Wissen, dass MAN NIE IM LEBEN kurze Haare tragen würde und NIE EINEN SCHLIPS. Ach Gott, ist man dumm, wenn man jung ist! Herrlich!!! Kurz danach “T. Rex” und “Creedence Clearwater Revival”, meine ersten Konzerte. Damals war ich 14 und 15 und ich merkte, wie lebenswichtig Musik für mich ist. Das war die Zeit, da ich mit dem Mikro die Hitparade aus dem Radio auf dem Philips-Kassettenrecorder mitschnitt und wehe, die Eltern oder der kleine Bruder kamen währenddessen ins Wohnzimmer!

April 1974 Umzug nach München, Udo Lindenberg – von Andrea Dorau bis Gene Galaxo, fünf Mal live erlebt in der Olympiahalle. “Deep Purple” im August 1974 in München. Für dieses Konzert ließ ich mich vom Internat schmeißen. Das Konzert war am ersten Schultag nach den Sommerferien. Ich fuhr nicht hin, erlebte Ian und Ritchie und natürlich Child in Time. Mein Vater musste anschließend sehr kreativ werden, um aus dem Rausschmiss einen ehrenvollen Abgang zu machen. Danke, Dad: Du bist viel zu früh gestorben und ich habe Dir nie gezeigt, wie wichtig Du für mich warst.

“Queen” gleich nach “Bohemian Rhapsody” im Theater an der Brienner-Straße. Platz für ein paar hundert Leute, Freddy auf der Bühne, hässlich wie später auch, aber sooo viel jünger – keiner hat damals darüber nachgedacht, ob Freddy schwul ist oder nicht – und noch gar nicht berühmt und wichtig, und wir mit einem selbstgemalten God-save-the-Queen-Plakat. Aber schon damals hatte er das Micro so unnachahmlich an einem kurzen Microständer in der Hand, soviel Charisma hatten er und Brian May nie wieder. You know: No Synthesizers!

»Dafür gibt’s heute gerade mal eine Kinokarte.«

“Genesis”, “Gentle Giant”, “The Who”, “Emerson Lake & Palmer”, “Jethro Tull”, – you name them, I saw them. Die Tickets für die Rolling Stones 1973 kosteten übrigens 16 Mark. “ELP” in der Olympiahalle wollten 15 Mark Eintritt haben, dafür gibt’s heute gerade mal eine Kinokarte. Wenn ich nicht im Konzert, in der Disco oder auf Arbeit war, saß ich in meiner ersten Wohnung, verbrachte Stunden, Tage, Abende damit, Musik zu hören, Platten zu sammeln, Cover zu betrachten, Texte zu lesen, “Live Aids” komplett auf VHS mitzuschneiden. Die Bänder habe ich heute noch.

Insert. Eben springt mein iTunes von einem Song der “Jazzkantine” (Habt Ihr Hunger – Live) zu Mockingbird mit “James Taylor & Carly Simon”. Das Verrückte ist: Beide Songs, fast 40 Jahre auseinander, sind einfach nur geil, nur gut, nur feeling und das liegt nicht am Ouzo und am Bier. Insert Ende.

Okay, back to my mood. Was wollte ich sagen? Außer dem Fakt, dass ich jetzt, mit 50 merke, dass mein Leben früher anders war? Das Leben an sich war bis jetzt zu mir nicht eklig – ich habe mich immer so durchgemogelt. Dabei vor 19 Jahren eine tolle Frau kennengelernt, mit der ich seit 18 Jahren glücklich verheiratet bin. Wie es halt dann so geht: Sommer 1989, irgendwie funkte es total, ein halbes Jahr später begann die Suche nach einer gemeinsamen Wohnung in München. Bis wir merkten, dass es fürs gleiche Geld im Augsburger Raum die doppelte Fläche gibt. Bevor wir gucken können, haben wir uns in eine große Wohnung bei Augsburg verliebt und gekauft.

»The Ballad of Lucy Jordan – At the age of 37 she realized, she’d never ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair.«

Dann wurden Dinge wichtig im Leben, die ich bisher nicht kannte: Hypothekenzahlungen, Abende vor dem Fernseher statt im “P1″. Allmählich rufen alte Freunde seltener an und trotzdem vermisse ich nichts – vorerst. Irgendwann merkst du, dass du ein anderes Leben führst. Nicht schlecht. Im Gegenteil. Aber anders – völlig anders. Und dann kommt noch die Selbstständigkeit: Die Bank will jeden Monat einen Batzen Geld und du weißt eigentlich nie, wie die Kohle zusammen kommen soll. Aber irgendwie überlebe ich auch das. Will sagen: ich gewöhne mich an die Unsicherheit und lebe mit ihr. Aber: Anders als Lucy Jordan fahren meine Frau und ich schon immer gerne mit dem MG Cabrio, wenn auch noch nie durch Paris. Und anders als Lucy habe ich nicht das Gefühl, mein Leben verpasst zu haben – überhaupt nicht!

Ten Years After. Ich habe mich mit dem Leben arrangiert. Ohne Selbstmitleid, ohne Vorwürfe. Es ist gut so, wie es ist. Und dennoch: Im Alltag schleichen sich Phasen ein, in denen ich an früher denke. Ich fange an, Musik zu hören. Keine Hitparade! Nein, die alte Mucke, schließlich warten da um die 400 LPs und 200 CDs in den Regalen auf ihre Stunde, auf die Wiederentdeckung! Und dank Internet und all den Music-Download-Sites stellt sich wieder dieses “Jäger-und-Sammler”-Gefühl ein, mit dem ich in der Jugend Stunden im Plattenladen verbrachte und LPs anspielte. So mischt sich neues zwischen die ollen Kamellen.

»Und freue mich auf die nächsten fünfzig Jahre.«

Deep Purple hier – “Nightwish” dort. Marianne Faithful gestern – Annett Louisan heute. Bitch von den Rolling Stones oder “Rammsteins” Engel. Alles geht. Vieles gefällt. Schön. Ich lebe noch – und wie! Und freue mich auf die nächsten fünfzig Jahre. Denn ich bin jung geblieben im Geiste, und mit der Lebenserfahrung der ersten fünfzig Jahre kann ich ganz anders, viel intensiver und bewusster genießen! Cheers!
fini

Veröffentlicht am 07. Februar 2008

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Kommentare: 1

  • 1. Peter Rauschenberger  |  09. Mai 2008 09:22

    mein Leben ü 50
    - 24 Stunden am Tag
    Zeit ist ein Geschenk der Natur.
    Jeder hat gleich viel davon.
    24 Stunden am Tag, von denen wir die schönsten Momente
    festhalten und die besten Aussichten genießen wollen.
    Das kann nur, wer die Gunst der Stunde zu nutzen versteht.

    Halt es einfach ! – Keep it simple !

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