Von Masken, die wir tragen und Rollen, die wir spielen
Auf der Lebensbühne spielen wir sozial vorgeformte Rollen. In den Rollen, die wir spielen, erkennen wir einander und wir erkennen uns selbst. Unsere Masken sind der Ausdruck unserer Lebenseinstellung und unserer Stimmung. Wir sind immer Darsteller und Publikum zugleich. Als Akteure richten wir unser Verhalten ständig an anderen Akteuren aus und beeinflussen diese und werden gleichzeitig beeinflusst. So wird die Lebensbühne zu unserer Welt.
Die ganze Welt ist Bühne
und alle Frauen und Männer bloße Spieler;
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Shakespeare, Wie es euch gefällt/II, 7
Ist die Welt tatsächlich eine Bühne und diese Bühne die Welt? Natürlich ist nicht die ganze Welt eine Bühne. Hat Shakespeare dann unrecht? Spielen wir nicht alle Theater, wie der bekannte Soziologe Erving Goffmann sein Buch betitelte?
Ja, wir alle spielen Theater oder anders ausgedrückt: wir spielen eine Rolle auf einer Bühne, die wir als unsere Welt betrachten. Wir spielen sogar verschiedene Rollen: Mutter oder Vater, Ehefrau oder Ehemann, Geschäftsmann, Büroangestellter, Arbeiter, Lehrer, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Freund, Feind, Liebhaber. Wir geben uns gastfreundlich oder zurückgezogen, liebenswürdig oder ablehnend. Zu jeder Rolle tragen wir bestimmte Masken, mit denen wir unsere Stimmung, unsere Haltung, unsere Lebenseinstellung ausdrücken. In einem einzigen Augenblick wechseln wir die Masken: Wir lachen, grinsen, sind fröhlich oder schauen ernst, traurig, grimmig. Wir geben uns lässig, souverän oder neidisch, gierig, eifersüchtig. Wer aber sind wir wirklich – abgesehen von unserem momentanen Auftritt, losgelöst von der Rolle, die wir gerade spielen? Welches Image stellen wir nach außen dar?
»Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen.«
In den Rollen, die wir spielen, erkennen wir einander und wir erkennen uns selbst. In einem gewissen Sinne und insoweit diese Maske das Bild darstellt, das wir uns von uns selbst geschaffen haben, ist die Maske unser wahreres Selbst: das Selbst, das wir sein möchten. Wir versuchen, unsere Definition der Situation als “Wirklichkeit” anderen zu vermitteln. Schließlich wird die Vorstellung unserer Rolle zu unserer zweiten Natur und zu einem integralen Teil unserer Persönlichkeit. Wir kommen also als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden zu Personen, die eine Rolle spielen. — “Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine soziale Rolle, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft, weil wir ihr nicht entweichen können.” Ralf Dahrendorf
»Der Eindruck von Realität, den eine Darstellung erweckt, [ist] ein zartes, zerbrechliches Ding.«
In der dramatischen Gestaltung unserer Rolle achten wir darauf, besondere und unbemerkte Tatsachen zu betonen, während wir unangenehme Eigenschaften zu verbergen versuchen. Daraus können sich Probleme ergeben: Einerseits wollen wir uns an die Regeln der uns zugewiesenen Rolle anpassen, gleichzeitig wollen wir jedoch andererseits unsere Unabhängigkeit bewahren. Vorstellungsgespräche sind daher für den Rollenbeobachter eine wahre Fundgrube. Lassen sich doch hier sehr schnell und einfach Widersprüche zwischen dem Ausdruck (Maske) und der Handlung (Rolle) entdecken. So wie ein Darsteller auf der Theaterbühne darauf achten muss, den Ausdruck, den er macht, mit dem Eindruck, den er vorgibt zu vermitteln, deckungsgleich zu bringen, so muss ein Darsteller auf der Lebensbühne ähnlich umsichtig agieren: “Wir müssen bereit sein, zu sehen, dass der Eindruck von Realität, den eine Darstellung erweckt, ein zartes, zerbrechliches Ding ist, das durch das kleinste Missgeschick zerstört werden kann …” Irving Goffmann.
»Die Handlungen des Einzelnen beeinflussen die Deutung der Situation.«
Auf der Theaterbühne spielt der Darsteller immer eine bestimmte Rolle, die von der jeweiligen Situation klar definiert ist. Kellner verhalten sich in der Küche ganz anders als Sekunden später am Tisch des Gastes. Parfümverkäuferinnen tragen wie Ärzte einen weißen Kittel, um den Eindruck zu erwecken, sie leisteten klinisch saubere Arbeit.
Damit Darstellungen funktionieren und als authentisch wahrgenommen werden ist es für den Darsteller wichtig, Angemessenheit für Darstellung und Bühne zu entwickeln. Der Versuch ernsthaft über einen tagespolitischen Vorfall auf einer Karnevalsveranstaltung oder einer ausgelassenen Party zu diskutieren, wird vermutlich scheitern. Ob eine Darstellung funktioniert, hängt nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Situation ab.
Es ist für uns als Publikum nicht wichtig, ob ein Darsteller lügt. Wir fragen: “Hat er das Recht zu lügen?” Ein Landstreicher, der sich für einen Arzt ausgibt, entrüstet uns mehr, als umgekehrt. Ein falscher Eindruck kann den Status des Darstellers bedrohen, ihn demütigen, ja sogar den Verlust seiner Autorität und seines Ansehens bedeuten. Die Handlungen des Einzelnen beeinflussen die Deutung der Situation.
Zum “Rollenspiel” gehört auch die soziale Distanz. In der Soziologie, die zu diesem Thema noch keine einheitliche Theorie oder Terminologie vertritt, beschreibt die soziale Distanz das Verhältnis der Akteure zueinander. Distanz entsteht zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und ist eine Folge einseitiger oder wechselseitiger Beschränkung, auch Ablehnung von sozialen Beziehungen. Eine solche Distanz wird in der modernen Gesellschaft in vielen Lebensbereichen gebilligt. Für einen Sozialarbeiter bedeutet soziale Distanz, die eigene Person einzusetzen, sich also einerseits persönlich zu engagieren, andererseits aber auch eine innere Selbstdistanz zu bewahren. Dazu ist es notwendig, die jeweils erforderliche soziale Distanz gegenüber den Problembeteiligten aufrechtzuerhalten. Länder wie China oder Japan sind durch eine hohe soziale Distanz geprägt: hier respektieren die Akteure eine übergeordnete Stellung bedingungslos.
»Die menschliche Persönlichkeit ist etwas Heiliges, man verletzt sie nicht und übertritt ihre Grenzen nicht, obwohl gleichzeitig das höchste Gut die Gemeinschaft mit anderen ist …« Emile Durkheim
Jede Rolle ist identitätsstiftend, mit einer Außen- und einer Innenwirkung. Wie sehen andere mich – wie sehe ich mich? Verlieren wir beispielsweise unseren Arbeitsplatz, verlieren wir auch eine gesellschaftlich akzeptierte Rolle. Es kann für uns den Verlust von erkennbaren gesellschaftlichen Werten bedeuten. Dieser Rollenverlust verunsichert dann alle – Betroffene ebenso wie die Menschen in unserem Umfeld.
»Die gesellschaftliche Vergabe von Rollen schafft eine soziale Ordnung.«
Wir erwarten von einem Darsteller bei der Übernahme einer Rolle, dass er ein Repertoire an Rollendetails besitzt, und mit diesen bestimmte Regeln für Verhalten und Erscheinung einhält, die eine bestimmte soziale Gruppe mit dieser Rolle verbindet. Als Publikum, das sich aus einzelnen oder mehreren Individuen zusammensetzt, ist auch wieder jeder einzelne ein Darsteller: Individuen sind immer Darsteller und Publikum zugleich. Alle Akteure richten ihr Verhalten ständig an den anderen aus und beeinflussen diese und werden gleichzeitig beeinflusst.
Die gesellschaftliche Vergabe von Rollen schafft eine soziale Ordnung. Die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren erfahren eine Stabilisierung und Sicherung. Dadurch, dass die Rollen von der Gesellschaft bestimmt und verändert werden, erfährt der Einzelne eine “Entpersönlichung”. Diese sozialen Rollen sind ein Zwang, der auf den Einzelnen ausgeübt wird. So mag dieser sie als eine Fessel seiner privaten Wünsche oder als ein Halt, der ihm Sicherheit gibt, erleben.
So müssen wir erleben, dass wir, ob wir wollen oder nicht, stets eine Maske tragen und eine Rolle spielen. Aber bitte keinen falschen Stolz: Schauspieler sind wir deswegen noch nicht.
Literatur:
Dahrendorf, Ralf: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der
Kategorie der sozialen Rolle, Köln, 1964.
Goffmann, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München, 1976.
Park, Robert Ezra: Race and Culture, Glencoe (Ill.), 1950.

