Leben

Unplan und Tod

Text: Joachim Zischke

In seinem 1975 veröffentlichten Theaterstück Death (Tod) zeigt Woody Allen in einer Schlüsselszene die Absurdität des Menschen, durch das Planen, seinem oder dem Leben überhaupt eine gewünschte Richtung zu geben. Der Unplan, das Ungewisse und Unergründliche, führt schließlich zum Tod.

deathWoody Allen, amerikanischer Drehbuchautor, Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur, beschäftigt sich Zeit seines Leben mit den großen Inhalten: die letzten Fragen, Sexualität, Tod, Gott, der Sinn des Lebens. Besonders dem Thema Tod widmet er sich ausführlich, vielleicht auch, weil ihn die Angst vor dem nicht wieder rückgängig zu machenden Ende nicht loslässt.

»Alle Bücher über Tod und Sterben gehören Dir« erklärt Annie Hall im Film Der Stadtneurotiker, als sie Alvy verlässt. Dieser bekennt: »Der Tod ist die große Obsession hinter allem, was ich gemacht habe«.

Angesichts dieser Bewusstwerdung der Sterblichkeit rücken auch die Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Planen im Leben in den Vordergrund.

In seinem 1975 veröffentlichten Theaterstück Death (Tod), eine Kriminal-Groteske, zeigt Woody Allen in einer Schlüsselszene die Absurdität des Menschen, durch das Planen, seinem oder dem Leben überhaupt, eine gewünschte Richtung zu geben. Der Unplan, das Ungewisse, Unergründliche, das nicht Greifbare greift in das Leben ein, führt geradewegs zum Tod.

Die Geschichte: Eines Nachts holen wildfremde Leute Kleinman aus dem Schlaf. Sie fordern ihn auf, sich der Bürgerwehr anzuschließen, um endlich den unheimlichen Mörder zu stellen, der seit einiger Zeit sein Unwesen in der Stadt treibt. Kleinman entschließt sich, Wohl oder Übel, mitzugehen. Man weist ihm eine Straßenecke zu, wo er sich aufhalten soll. Keiner kann Kleinman allerdings sagen, was er dort zu tun hat.

Die Schlüsselszene:

KLEINMAN: [...] Ich geh’ wieder nach Haus.
AL: Nein! Nehmen Sie sich in Acht! Ein Fehler in diesem Augenblick kann uns alle in Lebensgefahr bringen. Glauben Sie vielleicht, ich möchte als Leiche enden?
KLEINMAN: Dann nennen Sie mir endlich den Plan.
AL: Das kann ich nicht.
KLEINMAN: Warum denn nicht?
AL: Weil ich ihn selbst nicht kenne.
KLEINMAN: Hör’n Sie, es ist kalt heut’ nacht —
AL: Jeder von uns kennt nur einen winzigen Bruchteil des Gesamtplans — seine eigene Aufgabe im jeweiligen Augenblick. Und keiner darf seine Funktion einem anderen mitteilen. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, damit der Wahnsinnige nicht dahinter kommt. Wenn jeder von uns seine eigene Aufgabe korrekt erfüllt, dann kann die ganze Operation mit Erfolg abgeschlossen werden. Vorläufig aber darf der Plan nicht in falsche Hände geraten und weder unter Nötigung noch bei Lebensgefahr aufgegeben werden. Jeder von uns kann nur seinen bescheidenen Beitrag dazu leisten — aber der hätte für den Wahnsinnigen, selbst wenn er sich Zugang dazu verschaffen würde, keinerlei erkennbare Bedeutung. Raffiniert, nicht?
KLEINMAN: Fabelhaft. Keine Ahnung, worum’s geht, und jetzt geh’ ich nach Hause.
AL: Mehr kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. [...]

Kleinman geht nicht nach Hause. Er harrt aus, in kalter Nacht, in der Ungewissheit, hofft, dass ihm irgendwann, irgendjemand den Plan enthüllen wird.

Gibt es überhaupt einen Plan, einen großen Weltenplan? Wer hält ihn in den Händen? Wer koordiniert ihn? Wer sorgt für seine Durchsetzung und Einhaltung? Verfügen wir nicht einfach nur über winzige Bruckstücke dieses Gesamtplans, ohne seine umfassende Dimension zu kennen? —

In den letzten Monaten folgten viele Anleger einem Plan zu mehr Reichtum und mehr Vermögen. Viele Regierungen folgten einem Plan, durch ein immer weiter fortschreitendes Liberalisieren der Wirtschaft das Allgemeinwohl zu vergrößern. Wie sich heute zeigt, diese Pläne waren nichts als Unpläne, aufgebaut auf der blinden Annahme, es würde alles so kommmen, wie der Plan es vorsieht. Schließlich ist es die vortrefflichste Eigenschaft eines Plans, zu funktionieren. —

Nein, Kleinman geht nicht nach Hause. Er vertraut einem imaginären Plan, der ihm die Möglichkeit bieten soll, seinen bescheidenden Beitrag zu einem Universalplan zu leisten. Und trifft auf den Wahnsinnigen. Der kümmert sich nicht im Geringsten um irgendeinen Plan. Und so führt der Unplan Kleinman geradewegs in den Tod.

Wohin führt uns unser Unplan? fini

Woody Allen, Tod (Death), Komödie in einem Akt. Deutsch von Peter Stephan Jungk

Veröffentlicht am 05. Februar 2009

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