Ich lese keine Bücher (mehr)

In Wien gibt es eine Bibliothek der ungelesenen Bücher. Unsinn, meinen Sie? Aber nein, diese Bibliothek kann uns in Zeiten einer überbordenden Bücherflut als das Nützlichste auf der Welt dienen. Wir müssen nicht zwingend lesen, denn das Lesen von Büchern ist (noch) keine Bürgerpflicht.

meteora Bibliotheksleiter

Das letzte Buch, das auf einem der fünf Stapel meiner gelesenen Büchern liegt, ist das Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, von einem gewissen Pierre Bayard, Professor für Literatur und Psycho-Analytiker. Die Rezensionen hatten so viel Lorbeer um das Buch wachsen lassen, dass das Buch nahezu unsichtbar wurde. Dennoch: Dieses Buch lieferte mir nur wenige Seiten nützliche Informationen, nämlich die hübsche Klassifizierung von ungelesenen Büchern. Warum sollte ich Bücher kaufen und lesen, die mir so wenig Informationen geben?

Wiebke Hüster rezensierte in dradioKultur, das Buch »[...] animiert zuvörderst zur Lektüre berühmter Bücher, die man – vielleicht – auch noch nicht gelesen hat; unter ihnen Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, [...]«.

»Lesen heißt, mit einem fremden Kopf statt dem eigenen zu denken.«
Arthur Schopenhauer

Nun wissen vielleicht diejenigen, die sich mit Literatur beschäftigen, dass seit dem Jahr 2000 in Wien die Bibliothek ungelesener Bücher existiert. Der Gründer und Bibliothekar dieser Bibliothek, Julius Deutschbauer — wir wissen nicht, ob das ein Künstlername ist; die Vermutung liegt indes nahe, dass es sich um einen realen Namen handelt, da andernorts von ihm als von einem bildenden Künstler gesprochen wird —, nimmt seit 1997 Bücher auf, die Menschen als ungelesene und geliebte oder abgelehnte Bücher bezeichnen. Bücher, die nicht mehr gelesen oder weil ihre Besitzer nicht mehr an sie erinnert werden wollen, können in der Bibliothek auch abgegeben werden.

Der Bibliothekar Deutschbauer führt mit den Einlieferern ein Interview durch und erteilt ihnen eine Art Absolution, die sie von der Pflicht befreit, diese ungelesenen Bücher überhaupt lesen zu müssen. Die Bücher und Interviews — jeweils mit der Beschriftung Dieses Buch hat … noch nicht gelesen — sind in der Bibliothek ungelesener Bücher einsehbar und über Medien anhörbar.

Interessant ist für uns, dass viele der ungelesenen Bücher in der Wiener Bibliothek jenen entsprechen, welche Wiebke Hüster ebenfalls als ungelesene Bücher erwähnte. Der Bibliothekar führt noch Titel wie Zettels Traum, Das Kapital und Der Zauberberg an. Es erstaunt uns, dass gerade die in der Literatur als bekannt und schon klassisch geltenden Bücher zu den ungelesenen gehören sollen. Lesen wir das falsche Buch?

Fundsachen

  • »Notiz an mich selbst: Keine Bücher mehr lesen, die die Bild-Zeitung im Klappentext zitieren.«
  • »Mein Freund nimmt sich das Buch, blättert bis auf die letzte Seite und fängt an zu lesen. Er versteht gar nicht, warum ich das so schlimm finde. Ich sage, dass es doch nicht nur auf das Ende ankommt, sondern auf das ganze Buch. Gerade bei Krimis will man doch nicht schon vorher wissen, wie alles endet. Ich habe genau einmal zuerst das Ende gelesen. Danach war ich so ernüchtert, dass ich das Buch nicht mehr gelesen habe. Seitdem mache ich das nicht mehr.«
  • »Sie wollen Ihre emotionale Intelligenz verbessern? Dann lesen Sie besser kein Buch dazu. Warum? Weil Sie dadurch nicht emotional intelligenter werden.«
  • »Schließt das Lesen auch das Lesen von Zeitungen oder Sachbüchern ein oder geht es nur um Literatur? Falls es nur um Letzteres geht, muss ich mich wohl beinahe als Analphabet outen. Dafür bleibt mir dann wirklich keine Zeit. Nach 40 bis 50 Stunden pro Woche am PC muss ich meinem Körper auch etwas gönnen. Den Sonntag verbringe ich im Wald, gesunde Ernährung steht auch weit oben auf der Agenda und das ist nun mal zeitaufwendig. Am Ende muss ich noch für ausreichend Schlaf sorgen, so dass ich keine Zeit und auch keine große Motivation aufbringen kann, Bücher zu lesen.«
  • »Ich weiß gar nicht, wie es andere schaffen, so viel zu lesen. Vor allem der harte Kern, der laut einem Artikel einen Durchsatz von über 50 Büchern pro Jahr schafft. Was das wohl für Bücher sind? Machen diejenigen sich überhaupt eigene Gedanken darüber, was sie da gelesen haben?«

»Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.«
Friedrich Nietzsche

Wir könnten nun darüber diskutieren, was der eigentliche Sinn des Büchermachens ist oder sein sollte: Broterwerb oder Gedankenmühle. Es ist so müßig wie das Büchermachen selbst. Neulich las ich eine Empfehlung von Heide Elkenreich, der ehemaligen ZDF-Pendantin zu MRR, über das Buch Die Wand von Marlen Haushofer. »Ein unglaubliches Buch. Ein Monolith. Das müssen Sie lesen. Es verändert Ihr Leben.« Ich habe gelesen. Das einzige, was sich in meinem Leben veränderte war der Münz- und Scheinspiegel meines Geldbeutels. Vielleicht, weil ich kein Psycho-Analytiker bin? Die genannte Literatur-Talkerin a.D. sagte in einem Interview über ihre Bücher: »Früher habe ich sie gesammelt wie ein Hamster die Nüsschen. Jetzt gebe ich jeden Monat Hunderte weg.« Aha, und wir fragen sogleich: Liest EH nicht mehr? Ist sie nun auch eine Aspirantin für die Bibliothek der ungelesenen Bücher?

»Vieles Lesen macht stolz und pedantisch; viel sehen macht weise, vernünftig und nützlich.«
Georg Christoph Lichtenberg

Beachten wir: Lichtenberg kannte den Fernseh-Apparat nicht, insofern dürfen wir seine Aussage über das Sehen nicht in dieser Richtung interpretieren. Doch fragen dürfen wir schon: Erfahren wir wirklich mehr, für unser Leben, für unsere Gesellschaft, für unsere Zukunft, wenn wir immerzu Bücher lesen? Vermehren wir unser Wissen durch das Lesen von Büchern? Wie wäre es, einmal nach draußen, in die Natur zu gehen, um dort vielleicht in uns zu lesen? Das Lesen von Büchern ist gottlob (noch) keine Bürgerpflicht.

Ein schönes Paradoxon liefert uns Wilhem Raabe zum Abschluss: »Erst durch das Lesen lernt man, wie viel man ungelesen lassen kann.« fini

Links:
Bibliothek ungelesener Bücher
Interview Julius Deutschbauer von Hannes Luxbacher

1. Januar 2009 | | , ,