Paul sagt. Oder: Das neuro-erratische Komplexitätsphänomen
Text: Joachim Zischke
Wenn infolge eines Fehlers eine Sache schief geht, gehen meist alle Versuche, den Fehler zu korrigieren, auch schief. Liegt dieser mehrfach bewiesenen Tatsache eine Gesetzmäßigkeit zu Grunde? Könnten wir dieses Gesetz vielleicht zu unserem Vorteil nutzen? Mein Freund Paul hat diese Frage untersucht.

Alles begann vor einigen Jahren, als mein Freund Paul den Brockhaus in fünfundzwanzig Bänden bestellte. Vereinbart wurde eine monatliche Lieferung und Zahlung. Der fünfte Band wurde beschädigt geliefert. Paul reklamierte und setzte seine Zahlung aus. Der Ersatzband kam. Kurz darauf flatterte eine Gutschrift für die Gesamtausgabe in den Briefkasten. Noch ein wenig später klingelte die Gesamtsumme auf seinem Konto. Etwa zur gleichen Zeit hatte Paul Waren bei einem Versandhaus bestellt, ein oder zwei Teile wegen falscher Farbe zurückgesandt. Auch hier erfolgten ein komplettes Storno seiner Bestellung und eine entsprechende Gutschrift. Mein Freund ahnte ein Prinzip, das vielleicht Finagles Gesetz von John W. Campbell jr. gleicht: »Whatever can go wrong, will go wrong.«
Über diese Erlebnisse stutzig geworden, beobachtete Paul künftig alle Verwaltungsvorgänge genauer. Bald löste er Bestellungen und Reklamationen gezielt aus, um herauszufinden, welchen Verlauf diese im elektronischen Datengewirr nahmen und welche Vor- oder Nachteile sich daraus ergeben könnten.
Neulich ist Paul umgezogen. Im Vertrag seiner Kfz-Versicherung tauchten wiederholt Ungereimtheiten auf, die er natürlich beanstandete. Schließlich erhielt er einen Versicherungsschein, der alle Merkmale korrekt aufführte, zu Pauls großer Überraschung (und Freude) jedoch einen Versicherungsbetrag von 0,00 auswies. Das Finanzamt war für Paul nicht so erfolgreich: es zog die Kfz-Steuer für das schon fast abgelaufene Jahr gleich noch einmal ein. Und auch die große Telefongesellschaft verharrte unbeeinflussbar in Routine: Obwohl der Anschluss abgemeldet und die Leitung wirklich tot war, wurden die Anschlussgebühren pünktlich abgebucht.
Sabotageakte des Gehirns
Paul meint ein Prinzip erkennen zu können. Es sind natürlich immer Menschen dafür verantwortlich, dass etwas schief läuft, auch wenn bestimmte Faktoren den Schluss nahelegen, die Geschehnisse stünden außerhalb der Macht des Einzelnen und eher im Einflussbereich gewisser Systeme. Er vermutet in der Verkettung der unglücklichen Umstände unbewusste Sabotageakte unseres Gehirns, die aufgrund der nicht hirngerechten Anwendungsformen der eingesetzten elektronischen Systeme und Verfahren ausgelöst werden.
Kein Mensch könne behaupten, sagt Paul, die heutigen Computersysteme und -anwendungen wären intuitiv bedienbar und der menschlichen Arbeits-, Denk- und Bewegungsweise angepasst. Schon allein die mit allerlei Schnickschnack aufgepäppelte Tastatur oder die Fünf-Tasten-Rollrad-Maus seien eine Zumutung, und das nicht nur aufgrund der gelenkschädigenden Zwangshaltung unserer Hände. Wir denken und sprechen schneller als unsere Finger tippen und zeigen können. Schließlich verfüge auch nicht jeder Mensch über die gleichen idealen motorischen Fähigkeiten, mit einer in 800 dpi bemessenen Zielgenauigkeit einen Menüpunkt zu treffen.
Paul sagt, er fühle sich von den Herren Bill Gates, Steve Jobs und Andy Grove betrogen. So genial diese Leute ihre Ideen zwar umsetzten und kommerziell nutzbar machten, so sehr haben sie die Vision und das Versprechen vom wirklich einfachen, leicht zu handhabenden Maschinensystem verraten. Durch die Computerisierung wurde unser Leben nicht angenehmer, sondern lediglich bunter, lauter, schneller, unmittelbarer. Und zwanghafter. So müssen wir uns beispielsweise eine buchstäbliche Un-Zahl von Kennwörtern merken, deren meist nummerische Basis sie für Fehler geradezu prädestinieren.
Komplexität des modernen Lebens
Aber nicht nur in den elektronischen Systemen sieht Paul die Ursache der auf den ersten Blick unerklärlichen Fehlfunktionen des Menschen. Eine zunehmende Komplexität erschwere unser modernes Leben. Paul versteht Komplexität als die Eigenschaft eines Systems, dessen Verhalten, obwohl alle Informationen vollständig verfügbar sind, nicht beschrieben oder bestimmt werden kann. Nun habe ein Wissenschaftler erklärt, sagt Paul, die Komplexität unseres täglichen Lebens sei das Resultat eines evolutionären Komplexitätszuwachses unseres Gehirns, das heißt, unser menschliches Verhalten werde zunehmend komplexer, weil das Gehirn immer mehr Neuronen und Synapsen ausbildet, die immer mehr Verästelungen erzeugen und somit eine höhere Komplexität entstehen lassen.
Alles Quatsch, sagt Paul. Das menschliche Gehirn sei ein in sich konsistentes System, das eine unendliche Anzahl von neuronalen Verbindungen herstellen kann, ohne dass es aufgrund dieser zu einer Komplexität kommen würde. Die Komplexität sei vom Menschen hausgemacht. Als Beispiel nennt er gerne die mehr als 80 000 Seiten umfassenden deutschen Steuergesetze, Verordnungen, Erlasse, Verfügungen und Anweisungen. Die Komplexität eines Sachverhaltes wird widergespiegelt, sagt Paul, durch die Menge der Details, die sich von allen anderen Details des Sachverhalts so unterscheiden, dass es keine vereinfachende Abstraktion gibt, die den Detaillierungsgrad verkleinert. Es ist, als ergösse sich ein Wasserfall monatlich, täglich, stündlich, ja sogar minütlich auf den am Schreibtisch kauernden Steuerbeamten. Und wer konnte je unter einem Wasserfall trocken bleiben?
Treffen die beschriebenen Welten, ein nicht adäquates Maschinensystem und die Komplexität eines Regelwerkes zusammen, entsteht in unserem Gehirn nicht etwa eine förderliche Fusion, sondern eine gefährliche Konfusion. Verwundert es dann, wenn das Imperium der Milliarden von Neuronen irgendwann spontan zurückschlägt?
Bevor ich es vergesse: Paul nennt das von ihm erforschte Prinzip gern scherzhaft das neuro-erratische Komplexitätsphänomen. Ein hübscher Name, wie ich finde. 
Veröffentlicht am 01. Januar 2009