Meine Jahreserkenntnis
Text: Oliver Selaff
Ungefähr in der Mitte des Jahres stellte sich eine bleibende Erinnerung bei mir ein. Ich traf einen Freund auf einen Espresso und keine Zigarette und sprach mit ihm über Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit in Firmen, Nachhaltigkeit und Klima, Nachhaltigkeit und kommende Generationen, Nachhaltigkeit und Freundschaft. Dieser Freund hat mehrere Hintergründe. Einer davon ist ein theologischer und deshalb nenne ich diesen Freund in Gesprächen mit anderen meist meinen Theologen. Ich kenne auch einen meinen Soziologen, einige Pädagogen und auch Psychologen. Von den beiden letztgenannten Gruppen erreichte keiner das Prädikat mein. Bisher jedenfalls nicht — vielleicht auch, weil diese Vertreter, die ich kennen darf, nicht so arttypisch sind.
»Ist Nachhaltigkeit vielleicht ein neues oder modernes Wort für Brüderlichkeit?« lautet die Frage in meiner bleibenden Erinnerung. Immer wieder in den letzten sechs Monaten sinnierte ich über diese Frage, habe sie mit vielen Menschen besprochen und von ganz vielen Seiten aus betrachtet. Besonders in den letzten Wochen mit ihren dramatischen wirtschaftlichen Ereignissen, sah ich diese Brüderlichkeit häufig vor meinem inneren Auge. Gibt es Brüderlichkeit in unserer Gesellschaft überhaupt noch? Denkt irgendwer noch daran in dieser egozentrischen, erfolgsorientierten und kampfbetonten Welt? Wie denken Sie darüber?
Ist Theologie eigentlich spirituell, frage ich mich gerade? Wenn ja, ist das per se so oder ist das eine individuelle Sache? Etwas früher im Jahr lernte ich auch meinen Schamanen kennen. Er heißt Phil. Er sollte nicht der einzige Schamane bleiben, Cloud Eagle und Tokowha kamen noch hinzu. Die Schamanen-Welt ist irgendwie anders als das, was ich vorher kannte. Allerdings ist mir auch klar geworden, dass ich einige Dinge früher einfach nicht beim richtigen Namen genannt habe. Das Bauchgefühl ist beispielsweise so eine Sache, die auch etwas mit weißem Licht und Sehen zu tun hat, das weiß ich jetzt.
Ich erzähle von Schamanen und Spiritualität, weil ich bemerkt habe, dass in den Zeiten der Globalisierung und der Entfremdung in der Gesellschaft eine neue Suche nach Sinn und Werten entstanden ist. Bei all den austauschbaren Produkten ohne Identität, der alleinigen Konzentration auf den Preis oder auf das Schnäppchentum, ist etwas auf der Strecke geblieben: Es hat mit den Werten in uns zu tun.
Der Sozialismus ist durch die Hintertür zurück gekehrt und heißt jetzt IKEA und nicht DDR. Alle kaufen bei Aldi, Lidl und IKEA mit dem Ergebnis, dass jeder das Identische isst und sich mit den gleichen Einrichtungsgegenständen umgibt. Auch deshalb liegt Spiritualität heute im Trend und hat auch mir dieses Jahr die Augen geöffnet. Ich möchte in Zukunft viel mehr als Abenteurer, denn als Krieger unterwegs sein. Und in diesem Bild des Abenteurers möchte ich mit vielen Menschen sprechen, versuchen, ihre Einstellung zu verstehen und noch mehr als bisher Synergien zwischen Menschen zu stiften. Auch das Vertrauen in mich und meine Familie ist durch den Blick nach innen deutlich größer geworden. Ethisch, oder spirituell gesehen, bedeutet Nachhaltigkeit für mich tatsächlich auch Brüderlichkeit. 
Um jetzt auch ein wenig mehr in den wirtschaftlichen Bereich zu gelangen, möchte ich von zwei Büchern erzählen, die mich 2008 positiv geprägt haben: Die Kunst loszulassen – Enterprise 2.0 von Sören Stamer und Willms Buhse und Grown up digital – how the net generation is changing your world von Don Tapscott. Bevor ich etwas über Enterprise 2.0 wusste, hatte ich nur eine leise Ahnung wie Neues Denken funktionieren könnte, war mir dennoch sicher, dass der Wandel geschieht. Nachdem ich das Buch gelesen habe, verfüge ich jetzt über einen Plan und ein klares Ziel. Los zu lassen ermöglicht es erst ansatzweise, neu zu denken. Es fällt schwer, macht aber frei. In dieser neu gewonnenen Freiheit fällt mir auf, dass Kontrolle immer auch Risiko bedeutet, dass Andere sich tief in ihrem Inneren nach freiem Denken sehnen und dass dieser Freiraum nach dem Loslassen viel, viel Platz für Kreativität bietet — und zwar natürliche, authentische Kreativität. Andere benennen das vielleicht mit innovativ sein. Open Space ist zum Beispiel ein Vorgehen, das mit Freiräumen arbeitet, dass diese Kraft in sich birgt.
Die nachkommende Generation, die sogenannte Generation Internet, der zwischen 1977 und 1997 Geborenen, lebt einfach das, was meine Generation noch mühsam zu erklären versucht und hat einige diese Freiräume quasi in ihrer DNA. Digital aufzuwachsen und das Internet zusammen mit Mobiltelefonen als Leitmedium zu haben (und nicht TV), bedeutet eine radikale Veränderungen in der Art wie wir leben, arbeiten und lieben. Die Generation Internet macht uns das vor, und wenn wir wissen wollen, wie wir auch in Zukunft Geschäfte machen können, wie unsere Wirtschaft beschaffen sein sollte, dann empfehle ich einen sehr intensiven Blick auf diese Menschen, die digital aufgewachsen sind. 
Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland und der Welt neues brüderliches Denken und Handeln dringend brauchen. Die kommenden Generationen, die Ergebnisse unseres rücksichtslosen Handelns in der Vergangenheit und die wachsende Ressourcenknappheit weisen uns eindeutig den Weg in diese Richtung. Natürlich gelingt das nicht über Nacht. Umso wichtiger ist es, gleich heute das neue Werk zu beginnen, heute und nicht morgen
Tokowha, der dritte Schamane dieses Jahres, sagt zu dieser Situation: »Du solltest ein Boot in voller Fahrt nie um 180° herumreißen, es würde sofort kentern. Fahre erst mal weiter, aber merke Dir die neue Richtung und kehre zu gegebener Zeit dorthin zurück.« Vielleicht gelingt es ja Menschen in diesem Bild, allen anfänglichen Zweifeln zum Trotz, neues Denken und Handeln in ihr Drehbuch zu übernehmen. Auch wenn es nur wenig ist, dann haben unsere Gesellschaft und unsere Welt wieder ein Fünkchen mehr Hoffnung auf eine gute Zukunft gewonnen. 
Das hier ist keine Bilanz, eher meine persönliche Jahreserkenntnis. Es ist eine positive Prognose für die Zukunft, die uns viel Neues bringen wird, auf der Basis von Erkenntnissen und Erfahrungen dieses Jahres. So ist sie mehr pragmatisch als theoretisch und damit auch mehr als nur eine bloße Vermutung. Wenn wir uns an gleicher Stelle in einem Jahr wieder treffen werden, dann wird es uns in 2009 gelungen sein, einige dieser Gedanken real werden zu lassen, obwohl diese sehr fortschrittlich und weit entfernt vom Hier und Jetzt waren. Ich freue mich darauf. 
Veröffentlicht am 04. Dezember 2008