Leben

Zum Denkmal werde das Ich

Text: Joachim Zischke

Eine Kunst-im-Raum-Betrachtung

Wollten Sie schon immer einmal erleben, dass Sie unübersehbar im Mittelpunkt stehen, sich frech oder frivol in Pose stellen, und alle müssen Ihnen zusehen? In Frankfurt am Main können Sie sich selbst, Ihrem Ich, ein Denkmal setzen.

Ich-DenkmalWenn Sie in Frankfurt am Main unterhalb des Deutschherrenufers entlang gehen, zwischen Rudererdorf und Gerbermühle im Stadtteil Oberrad, kommen Sie an einem Objekt der Komischen Kunst vorbei: dem Ich-Denkmal.

Der Zeichner und Cartoonist Hans Traxler entwarf dieses Kunstobjekt, das im Jahre 2005 installiert wurde. Traxler, der seit 1951 in Frankfurt lebt und arbeitet, zählt zur Gruppe der Neuen Frankfurter Schule, zu der auch der Satiriker, Zeichner, Karikaturist und Comiczeichner Chlodwig Poth und der Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, Kinderbuch- und Theater-Autor F. K. Waechter gehören.

Das Ich-Denkmal ist 106 cm hoch, 170 cm lang und 65 cm breit, aus rotem Mainsandstein der Miltenberger Region behauen, vorderseitig mit den drei goldenen Buchstaben I-C-H und rückseitig mit drei Stufen versehen, die auf eine Plattform führen. Der Stein steht frei zugänglich im öffentlichen Raum, wurde also bewusst dafür ausgelegt, von jedermann, der es wagt und wünscht, bestiegen zu werden.

Was ist nun das Besondere an diesem Objekt? Zunächst: Steht kein Mensch auf dem Sockel, ist die Funktion des Denkmals quasi außer Kraft gesetzt. Der Stein ist nichts anderes als ein Stein, zwar mit sauber behauenen Ecken und Kanten und somit durchaus ansehenswert, dennoch bleibt er ein stiller, ausdrucksloser Fels. Auch die Beschriftung ICH hilft nicht weiter, denn das Ich wird für den Betrachter nicht erklärt und findet keine Relevanz. Ein Denkmal ist dazu bestimmt, so haben es die Gebrüder Grimm schon im Deutsches Wörterbuch von 1854 festgehalten, »das Andenken an eine Person oder eine Sache zu erhalten, an ein großes Ereignis, zum Beispiel an eine gewonnene Schlacht«. Erst wenn also eine Person (oder ein Tier) den Steinblock in Besitz nimmt, sich auf ihm bewegt und ihn so in eine mögliche Bewegungshandlung einbezieht, erwacht der Fels zum Leben. Und doch ist noch eine weitere Voraussetzung zu erfüllen, bevor der Sockel in seine ihm zugedachte Funktion als Denkmal versetzt wird: Mindestens ein Betrachter muss zugegen sein, um die Szene denkmalerisch würdigen und einordnen zu können.

Stehen Sie erst einmal auf dem Sockel, steht es Ihnen frei, jede erdenkliche Pose einzunehmen oder Figur darzustellen, die Aufsehen erregt. Doch Vorsicht!, werden Sie nicht übermütig, fallen Sie nicht herunter. Denn wie im wirklichen Leben, gibt es auch hier keine Geländer. Sie spielen Ihre Rolle auf eigenes Risiko. Hier ein paar Anregungen:

  • Verlagern Sie Ihr Gewicht auf das rechte Bein, während Sie das linke, wie der Götterbote Hermes, weit nach hinten strecken. Halten Sie mit den ausgebreiteten Armen eine waagerechte Balance. So symbolisieren Sie die atemberaubende Geschwindigkeit im Denken und die Sicherheit im Handeln, mit der Sie Ihre letzte Gehaltserhöhung erzielten.
  • Stellen Sie sich mittig auf das Podest. Verharren Sie mit himmelwärts gestreckten Armen und geöffneten Händen für eine ganze Minute. Blicken Sie am Tage zur Sonne, in einer sternklaren Nacht auf den Mond. Sie spüren eine kosmische Verbundenheit und nehmen Energie auf, um Ihr Wissen für die Zukunft zu bereichern. Dieser Augenblick ist es wert, auf dem Ich-Denkmal zu verewigen.
  • Eine recht profane Position nehmen Sie ein, wenn Sie sich auf den Sockel stellen, den linken Arm locker an der Seite hängen lassen und die rechte Hand auf Ihren Bauch legen. Diese Haltung zeigt, dass Sie das, was Ihnen im Magen lag, nämlich ungelöste Aufgaben oder Probleme, jetzt überwunden und besiegt haben. Setzen Sie sich ein Denkmal für Ihre Entschlossenheit.

Die Situation, die Sie dem Betrachter vorspielen, wird sinnhaltig: dramatisch, komisch, grotesk oder frivol, vielleicht auch traurig. Es liegt allein an Ihnen, wie Sie sich der Welt gegenüber präsentieren, Ihr Denkmal gestalten.

Wie wir nun erfahren haben, können Sie sich selbst, Ihr Ich, fortdauernd durch ein fotografisches Festhalten oder für einen vergänglichen Augenblick lang, in der Form eines Denkmals in Szene setzen. Auch wenn der erste Anschein das Kunstobjekt komisch erscheinen lässt, als sei es mit einem Augenzwinkern erschaffen worden, so ist der tiefere Sinn nicht zu übersehen: Das Ich-Denkmal ermöglicht es jedem von uns, sich einmal so darzustellen, wie es seiner inneren Einstellung, Neigung und Überzeugung entspricht. Auf diesem Sockel können wir endlich sein, wie und wen wir sein wollen, und Alle müssen uns zusehen. Indem wir das tun, verwirklichen wir die Intension des Künstlers, der das Besondere des Ich-Denkmals in der Aussage formulierte:

Jeder Mensch ist einzigartig.

Wenn Sie mögen, fahren Sie einmal nach Frankfurt und setzen Sie Ihrem Ich ein Denkmal. fini

Anreise:
Frankfurt am Main, Straßenbahnlinien 15 oder 16, Haltestelle Buchrainstraße

Veröffentlicht am 04. Dezember 2008

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