Über Conversationsspiele und das Benehmen bei einem Gastmahl

gamesWer Baldassare Castigliones Buch Der Hofmann liest, findet darin eine Vielzahl von Salonspielen aus der Zeit der Renaissance. Das Buch ist eine Sammlung von Conversationsspielen, die im Hause der Herzogin Elisabetta Gonzaga in Urbino stattfanden.

Ein Spiel, das Castiglione dem Gast Gaspar Pallavicino zuschreibt, hatte folgende Regel: Ein jeder möge »die Tugenden angeben, deren Schmuck er am liebsten am geliebten Wesen sähe, und weil denn jeder Mensch seine Fehler haben muss, auch die Fehler nennen, die ihm am wenigsten missfielen.« Auf diese Weise konnten alle Anwesenden erfahren, welches die Vorzüge und die noch tolerierbaren Fehler (oder Laster) waren. Die abendliche Gesprächsrunde ermittelte auf diese Weise eine Art psychologisches Charakterprofil, das uns heute, wenn auch stark idealisiert, einen guten Blick auf die Menschen zur Zeit der Renaissance liefert.

»Männer verstehen unter Konversation die Kunst, andere zum Reden zu bringen. Frauen verstehen darunter die Kunst, andere zum Schweigen zu bringen.«
Henry de Montherlant

Im französischen Barock-Salon der Madame de Rambouillet war das Spiel Gazettes du plusieurs endroits beliebt: Es verlangte von den Salongästen in einer literarischen Travestie in die Rolle eines Helden der aktuell bewunderten Romane zu schlüpfen und dessen vermeintliche Erlebnisse zu erzählen. Hier wurde das Erzählen nebst dem Fabulieren geübt, wobei sich der Erzähler an gewissen Vorgaben halten musste, was die Phantasie zwar eingrenzte, jedoch zur Spannung beitrug.

Im Salon der Anne-Louise du Maine spielte man Loteries poétiques: Aus einem Pompadour wurde ein Buchstabe des Alphabets gezogen. So bedeutete beispielsweise »A« Arie oder Apotheose, »O« Ode oder Oper, »S« Sonett. Wer einen Anfangsbuchstaben zog, musste ein kleines Werk über dieses Stichwort verfassen. Beim nächsten Zusammentreffen musste der Autor es den Salongästen vorstellen. Nebenbei bemerkt: Geschummelt wurde auch damals schon. Wer es sich leisten konnte, ließ schreiben.

Das Schiffchenspiel war um 1766 sehr in Mode. Das Sujet legte fest, man sei mit zwei Personen, die man besonders liebte oder lieben sollte, in einem Boot unterwegs und just dieses Boot im Begriffe unterzugehen. Aufgrund der besonderen Situation könne man nicht mehr als eine Person retten. Der Spieler musste entscheiden und bekanntgeben, welche Person er retten würde.
Überliefert ist hierzu die folgende Anekdote: Die junge, hübsche Schwiegertochter der Madame du Boufflers, eine Salonnière, musste sich die Szene vorstellen, mit ihrer Schwiegermutter und ihrer Mutter, die sie kaum kannte, im gleichen Boot zu sitzen. Sie antwortete auf die Frage, wen sie retten würde: »Meine Mutter würde ich retten und mich mit meiner Schwiegermutter ertränken.«

point

gastmahlBei Tische sitze man möglich gerade, jedoch nicht steif wie eine Säule, sondern in natürlicher Ungezwungenheit. Beim Herumreichen der Speisen lasse man sich nicht lange nöthigen, auch nehme man das erste beste Stück, welches vor einem liegt. Es verbietet ferner der Anstand, heiße Getränke zu ihrer Abkühlung in die Untertasse zu gießen; ebenso das Ausschlürfen des Getränks bis auf den letzten Tropfen.
Um jedes Schlürfen zu vermeiden, führt man den Löffel mit der Spitze zum Munde, außerdem macht man dann den Mund, denselben rundlich formend, viel weniger auf, was auch bedeutend appetitlicher aussieht. Die Sauce genießt man stets nur in Gemeinschaft der Speisen, dieselbe allein speciell aufzutunken ist nicht fein.

»Gutes Benehmen besteht darin, dass man verbirgt, wieviel man von sich selber hält und wie wenig von den anderen.«
Jean Cocteau

Obst, Brot und Confect nimmt man stets mit der Hand, niemals mit der Gabel. Nie wische man den Teller mit Brot ab. Knochen und Geflügel vermeide eine junge Dame unter allen Umständen mit den Händen zu berühren, nicht nur, weil dies sehr schlecht aussieht, sondern auch der thatsächlichen Unreinlichkeit wegen.
Die Unterhaltung bei Tisch muß heiter und ungezwungen sein und ein gut angebrachter Humor würzt den Appetit. Betrübende oder aufregende Gegenstände vermeidet man.« fini