Monolog für einen Gast
Text: Joachim Zischke
Ich freue mich riesig, dass Sie gekommen sind. Regnet es noch?
Bitte nehmen Sie doch Platz. Ja, gern hier an unserem coffee table, den wir gleich zum tea table umfunktionieren werden.
Minni, bitte bringe uns sogleich den Tee und die Scones.
Wissen Sie, ich liebe ja diese Scones. Seit ich mit Arthur, meinem Mann, das erste Mal in London war, und das ist sicherlich schon vierzig Jahre her, komme ich nicht mehr los davon.
Ich erinnere mich noch genau an den damaligen Tag: Arthur konferierte bei Professor Fearnotting mit einem Rudel Wissenschaftler. Ich saß mit Lady Sarah im Salon und parlierte über englische Gartenanlagen und Rosen, als diese luftig-lockeren, noch warmen Teigstückchen serviert wurden.
Natürlich stand das obligate Schälchen clotted cream auf dem Tisch, eine derart feste Sahne, wie ich Sie nicht einmal in Frankreich gefunden habe.
Ich meine zu erinnern, dass dazu keine Erdbeermarmelade gereicht wurde, sondern eine Seville Orange Marmalade. Köstlich, sage ich Ihnen. So frisch und fruchtig, als wären die Orangen kurz zuvor vom Baum gepflückt worden.
Die Gentlemen mussten sich mit einem Ploughman’s Lunch zufrieden gebe, dass ein naher Pub anlieferte. Das passte wohl auch besser, um die leidenschaftlichen Diskutanten wieder zur Raison zu bringen. —
Wissen Sie: Bei Bockles & Knockles in der Tippy Lane finden Sie die besten Jams von ganz England. Das behauptet zumindest Clara Simpson vom John Sutherfield Conservatory. Eine wirklich begnadete Pianistin. Sie geht jetzt schon auf die Siebzig zu, spielt aber immer noch eifrig bei den country festivals in Devon und Cornwall. Und sie ist eine richtige Jam-Besessene. Einmal ließ sie sich aus Marokko eine ganz spezielle Orangensorte liefern, fein herb, etwas bitter wohl, aber doch mit typischer Orangennote. Und stand dann drei Tage in der Küche, die ausgetüftelten Kochprozeduren abzuwickeln. Ich hätte nie den Nerv dazu, sagte ich ihr. Sie aber lächelte nur feinschmeckerisch still in sich hinein. – Immer, wenn ich sie besuche, steckt sie mir ein Glas ihrer neuesten Creation in die Tasche. Wie skurril sich doch manche Engländer benehmen, nicht wahr?
Leider vergaß ich damals, unsere Freunde um ein Rezept für die Scones zu bitten. Unser hiesiger Konditormeister Wagenseil – ich nenne ihn scherzhaft Monsieur Confiture, wegen seiner leidenschaftlichen Liebe zur französischen Confiserie – wollte sich nicht trauen. Vermutlich wären eher Windbeutel, denn Scones dabei heraus gekommen. —
Ah, hier kommen Sie, unsere hanseatischen Scones. Danke Minni.
Mögen Sie Zitrone in den Tee? Ich wählte heute einen first flush Darjeeling von der Plantage Risheehat. Ich hoffe, er gefällt Ihnen.
Arthur hatte vor Jahren einmal für das Hygroskopische Institut dort gearbeitet. Und ich sagte beim Abschied in Fuhlsbüttel: Arthur, sagte ich, bringe mir bitte einen schönen Nachmittagstee mit. Und das hat er ganz und gar nicht vergessen, was doch erstaunlich ist, bei unseren Männern, nicht wahr?
Meine Freundin Esther meinte neulich, Scones gäben ein prächtiges Wurfgeschoss ab. Vierundzwanzig Stunden liegen lassen und Sie können damit Fensterscheiben zertrümmern oder den Bobbys die Helme vom Kopf schießen. Ist das nicht lustig?
Just fällt mir ein Spruch ein, den ich in Edinburgh während einem whisky tasting aufschnappte und der ein gutes Lebensmotto abgeben könnte:
»Who owns and moans, gets stones but scones.«
Arthur und ich, zusammen mit ein paar guten alten Freunden, verbrachten vor vielen Jahren die Weihnachtsfeiertage in Gstaad. Wir hatten uns alle zusammen in ein Chalet eingemietet, mit einer originalen Berner Bauernstube und einem urgemütlichen Kachelofen. Wenn ein Bett rhythmisch knarrte, hörte das jeder durch die Holzwände. Ach ja, was waren wir damals noch jung…
Zum Essen gingen wir ins Palace. Und dort trafen wir auf einen jungen englischen Koch – ich erinnere mich sogar an seinen Namen –, Richard Hasseltime, hieß er. Das Erstaunliche und Unglaubliche: Dieser junge Mann servierte ambitioniert im Palace dünn ausgerollte Scones, die mit Apfelscheiben und Käsewürfeln oder mit Bündner Bauernspeck und frischen Kräutern gefüllt, zu einer Teigtasche gerollt waren. Für die Männer unserer Runde natürlich ein herrlich deftiger Imbiss am Nachmittag.
Wir Frauen hielten uns lieber an die süßen Varianten, die auch nicht zu verachten waren: Scones mit Cranberries und Walnüssen. Oder mit getrockneten, fein gewürfelten Aprikosen und weißer Schokolade dekoriert. Oder geröstete, leicht karamellisierte Pistazien mit in Cognac mazerierten Dattelwürfeln. Und draußen fielen die Schneeflocken und die Schlittenglöckchen klingelten. Ein Paradies auf Erden! Davon träume ich heute noch. —
Nein, über die Pfunde musste ich mir damals (noch) keine Gedanken machen. Weihnachten war kaum vorbei, da trafen wir uns im Fitness-Club an der Mundsburg. Zum Glück gab es dort keinen Nachmittagstee und keine Scones.
Nun, wie schmecken Ihnen die Scones? Minni, unsere gute Seele, experimentiert immer ein wenig an der »Komposition und Konsistenz« der Cream. Ich glaube, in der aktuellen Version nimmt sie Mascarpone als Grundlage. Aber mit Oberallgäuer und Schwarzwälder Rahm haben wir auch schon gute geschmackliche Erfahrungen gemacht. —
Morgen besuche ich Doktor Hummelflug und seine Frau Hilde. Es kommt auch Hermine Soubayari, die Frau des ehemaligen Botschafters von Ceylon, unsere Koryphäe. Wir werden wohl wieder eine Runde Solo-Whist spielen, bevor wir uns dem englischen Teekuchen widmen dürfen. Na ja, auch so etwas muss sein.
Die Genussfreuden sind doch die schönsten Freuden, meinen Sie nicht auch? 
Veröffentlicht am 06. November 2008