Der Salon

Eine kleine kultur-historische Betrachtung

Der Salon als ein Ort der Zusammenkunft ohne Rang und Klassenstand, des geistigen Austausches, der Freiheit im Denken, der zwang freien Geselligkeit. Im Zentrum die Salonnière, eine Persönlichkeit, welche die Themenregie führt, Wogen aufwirft, sie wieder glättet und mit Charme und Esprit eine Abendgesellschaft zum einzigartigen Erlebnis werden lässt.

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Der Salon ist eines der faszinierendsten Phänomene der europäischen Kulturgeschichte. Seine Existenz lässt sich weder an einer historischen Periode festmachen, noch ist eine kultur-geografische Einordnung möglich. Was wir sagen können, ist, dass seine Wurzeln wohl im Italien der Renaissance liegen.

Als eine der ersten Zeugnisse der Salonkultur gilt das Buch Il cortegiano (Das Buch vom Hofmann), des lombardischen Humanisten Baldassare Castiglione. In diesem Werk berichtet der Ich-Erzähler von vier, vom 8. bis 11. März 1507 stattfindenden Gesprächsabenden, einer etwa zwanzig Personen umfassenden Gesellschaft im Herzogspalast von Urbino. Der illustre Kreis diskutiert darüber, wie ein idealer Hofmann beschaffen sein müsste, über welche Kenntnisse und Fähigkeiten er zu verfügen, wie er sich auszudrücken und sich den Frauen sowie seinem Fürsten gegenüber zu verhalten habe.

Zweierlei erscheint uns beim Lesen dieser Aufzeichnungen beachtenswert: Als Gastgeberin und Vorsitzende der Abendgesellschaft fungiert die Herzogin Elisabetta Gonzaga und nicht ihr Mann, der Herzog Guidobaldo da Montefeltro. Elisabetta wird in dieser Funktion zum Prototyp einer weiblichen, zwar zurückhaltend agierenden, aber dennoch gesellschaftlich meinungsbildenden und dadurch Einfluss nehmenden, kulturell prägenden Figur, die sich als Salonnière in den literarischen Salons im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts wiederfindet.
Zum Anderen fällt uns die sokratisch-platonische Dialogführung der Gesprächsteilnehmer auf: Es herrscht ein demokratisch anmutender, prinzipiell anti-hierarchischer und paritätisch ausgerichteter Umgang zwischen den Gästen. Mit Witz und Humor setzen sie sich über unterschiedliche Meinungen hinweg und praktizieren jene seinerzeit hoch angesehene kommunikative Eigenschaft einer lockeren Unterhaltsamkeit.

Zur Blütezeit der Salonkultur um 1800 sorgte die bereits erwähnte Salonnière für die Räumlichkeiten und das gestaltete Programm. Sie war das Zentrum, um das sich die Gäste versammelten: Ihr Charme, ihre Klugheit und ihre Wandlungsfähigkeit in der Auswahl und Regie der Themen, bestimmten die kultivierte Atmosphäre des Salons. Erst mit der Persönlichkeit der Salonnière wurde ein Salon zur gesellschaftlichen Institution in einer Stadt.
Die Gäste waren nähere Bekannte der Salonnière, doch auch durchreisende Gelehrte oder Künstler, Berühmtheiten oder ganz und gar unbekannte Personen. Den regelmäßigen Gästen, den Habitués, stand es zu, neue Gäste zu empfehlen und sie in den Salon einzuführen.
Ob das Treffen in einem Palast, im Gesellschaftszimmer eines herrschaftlichen Hauses oder in der Dachstube stattfand, war nicht bedeutend. Entscheidend für eine gelingende Abendgesellschaft war ein freundschaftlicher, fast schon familiärer Umgang der Gäste untereinander, eine zwang freie Geselligkeit sowie eine gebildete Konversation über literarische oder zwischenmenschliche Themen. Bildung und Politik fanden wenig Erörterung, da diese Gesprächsthemen das Privileg der männlichen Gesellschaft blieben.

Der Salon, ein Ort zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, schuf in gewisser Weise eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Er ließ eine Frau, sonst am Rande der Gesellschaft stehend, aus sich und der ihr zugewiesenen Rolle heraustreten und das Tor zur gelehrten Welt und Öffentlichkeit durchschreiten. Der Salon entwickelte sich zu einem Raum, der frei von Statuten und Satzungen, tolerant und liberal, eine veränderte soziale Gesellschaftsform ankündigte und einen emanzipatorischen Gegenentwurf zu der von Männern dominierten Adelsgesellschaft darstellte. Der Salon als ein Hort der Freiheit.

Berühmtheit erlangte der Salon von Cathérine de Vivonne, Marquise de Rambouillet (1588-1665). Hier trafen sich die Crème de la Crème von Paris und politische Persönlichkeiten: der Kardinal Richelieu, Corneille, Malherbe, Lieselotte von der Pfalz und der Herzog von Buckingham. Dichter lasen aus ihren Werken vor, um sich quasi die Exequatur zum Druck einzuholen. Die französische Sprache wurde zum Kult erhoben, man redete nicht mehr gebildet, sondern gekünstelt, was Molière in seiner Komödie Précieuses ridicules (Die lächerlichen Preziösen) aufgriff und die Salonnière der Verachtung preisgab.

Eine anderer Salon, der von Mary de Vichy-Champrond, Marquise du Deffand (1697-1780), wurde gut einhundert Jahre später ebenfalls zum Inbegriff der Salonkultur. Die Gäste verließen den Salon kaum vor dem Morgengrauen. Bei der Marquise verkehrten die Enzyklopädisten, die Vertreter der philosophischen Richtung der Aufklärung um Diderot – die Avantgarde der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

bluestockingsIn England machten die »schöngeistigen Parties« der Lady Elizabeth Montagu (1720-1800) von sich reden. Lady Elizabeth legte bei ihren Parties allergrößten Wert auf eine niveauvolle und geistreiche Konversation sowie bestes Benehmen. Reine Äußerlichkeiten berührten sie dagegen nicht allzu sehr. So kam es, dass der Schriftsteller und Naturwissenschaftler Benjamin Stillingfleet zu seinen Kniebundhosen einmal in blauen Wollstrümpfen erschien, da er keine passenden schwarzen Seidenstrümpfe zur Hand hatte. Natürlich sprach sich dieses skandalöse modische Vergehen schnell herum; es dauerte nicht lange, so wurden Lady Elizabeth und andere Damen, die ähnliche Feste gaben, als blue stockings (Blaustrümpfe) bezeichnet. War diese Bezeichnung zunächst respektvoll gemeint, wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Begriff zum Spottwort für »gelehrte Weiber«. [Abbildung: Elizabeth Montagu, in der Mitte sitzend, mit anderen »Blaustrümpfen«]

Eng mit der Stadt Weimar verbunden ist die »Kulturszene« der Herzogin Anna Amalia (1713-1780). Sie förderte Musik, Theater und Malerei und stiftete die durch den spektakulären Brand von 2004 bekannt gewordene Büchersammlung. In der von Anna Amalia gegründeten Freitagsgesellschaft trafen sich Gelehrte und Wissenschaftler, um über philosophische, theologische, politische und naturwissenschaftliche Themen Vorträge zu halten und zu diskutieren. Beachtenswert: Kein Vortrag dauerte unter drei Stunden; es gab kein Souper, es wurde lediglich Teegebäck gereicht.

»Die kühnsten Ideen, die schärfsten Gedanken, der sinnreichste Witz, die launigsten Spiele der Einbildungskraft wurden hier an dem einfachen Faden zufälliger und gewöhnlicher Anlässe aufgereiht. Denn die äußere Gestalt der Unterhaltung war, wie in jeder anderen Gesellschaft, ohne Zwang und Absicht, alles knüpfte sich natürlich an das Interesse des Augenblicks, der Person, des Namens, deren gerade gedacht wurde.«
Aus den Papieren des Grafen von Salm

Nicht zu vergessen sind die Gesellschaften von Johanna Schopenhauer, einer bürgerlichen Kaufmannswitwe in Weimar. Goethe, der über Jahre keinen ihrer Tees versäumte, war der eigentliche Anziehungspunkt des Salons.

Die berühmtesten literarischen Salons wurden in Berlin von Jüdinnen abgehalten: Henriette Herz (1764-1847) und Rahel Levin (1771-1833), später Varhagen von Ense, stehen als Persönlichkeiten hervor. Der Salon der Henriette Herz hatte in Deutschland sogar Pioniercharakter, denn bei ihr versammelten sich erstmals Männer und Frauen aus den verschiedensten Kreisen Berlins ohne Rücksicht auf Stand, Rang oder Religion. Rahel Levins Salon stellte eine Novität dar: Die Salonnière war ledig und die Treffen fanden in einer sehr beengten und bescheidenen Dachstube in der Jägerstraße statt.

Die Ära der Salonkultur neigte sich mit den politischen Ereignissen des Jahres 1848 dem Ende zu. Erwähnt werden sollten noch die Salons der Berta Zuckerkandl in Wien und die Bloomsbury Group um die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihre Geschwister Vanessa, Thoby und Adrian Stephen. fini

Kommentare: 1

  • 1. Kerstin Hack  |  20. November 2008 20:57

    Die Dachstube in der Jägerstraße war der Privatraum von Rahel Levin, in den sie zwar gelegentlich auch zur intimeren Konversation einlud, ihr Haus besaß jedoch – wenn man ihrer Biographin glauben kann – einen ganz normalen Salon.

    Ich empfehle die Biographie von Carola Stern über Rahel Levin / Varhanagen: “Der Text meines Herzens” sowie von der gleichen Autorin “Ich möchte mir Flügel wünschen. Das Leben der Dorothea Schlegel” – eine weitere interessante Figur aus dem Kreis der Berliner Salondamen (Tochter von Mendelson, befreundet mit Henriette Herz und Rahel Levin, spätere Frau des Philosophen Schlegel).

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