Atsu
Text: Joachim Zischke
Wir leben in einer Zeit der Abschiede: Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten; von der Art und Weise, wie wir Arbeit bewerten und organisieren; von unserem modernen Leben, das uns an existenzielle Grenzen bringt; vom Konsumieren als dem Inbegriff des Lebensinhalts; von der Vorstellung, der Wert eines Mensch bemesse sich nur durch seine Leistung. Welche Perspektiven bieten sich uns?
Wenn der Tag sich neigt, begleite deine Gäste zum Tor. Sinne darüber nach, was du von ihnen lernen konntest.« Diesem Ritual des Verabschiedens gab ich den Namen Atsu. Atsu verbindet — ähnlich wie das Adieu oder Ade — das Auseinandergehen in der Hoffnung auf ein freudiges Wiedersehen. Es beinhaltet zugleich das Reflektieren bedeutender Erfahrungen und Erlebnisse des gerade beendeten Zusammenseins. Atsu betont das Gemeinsame auf unseren Lebenswegen: das Erinnern, die geistige Verbundenheit, die Wünsche und Ziele.

Wir leben in einer Zeit von Abschieden — das Abschied nehmen von liebgewonnenen Gewohnheiten, wie wir unser Leben führen, von Ansichten, wie wir unsere Umwelt formen, von der Art und Weise, wie wir Arbeit und Arbeitskraft definieren, bewerten und organisieren. Es ist eine Paradoxie, dass wir verschwenden müssen, um arbeiten zu dürfen: unsere Wirtschaft ist darauf ausgelegt, Arbeit, Rohstoffe und Energie in Abfälle zu verwandeln. Das Konsumieren ist zum Inbegriff des Lebensinhalts geworden. Und doch: Das Gut Arbeit wird immer knapper, obwohl Arbeit als Erwerbsquelle des Konsums erforderlich ist. Woran liegt das? Wird die Forderung der Arbeiterbewegung endlich Wirklichkeit, den Menschen von der Arbeit zu befreien?

Arbeit wurde seit Jahrhunderten mit Können und Könnerschaft verbunden. Im Mittelalter ermöglichte das in unzähligen Berufen gespeicherte Wissen und Können eine Renaissance handwerklicher und literarischer Künste, deren Erzeugnisse wir heute in Museen ergriffen bestaunen. Das Mittelalter war keineswegs dunkel und finster, wie es meist dargestellt wird. Es erblühte dank der Vielfalt von handwerklichen Fähigkeiten und Fertigkeiten seiner Menschen zu einem echten Reichtum in Musik, Kunst, Architektur und Lebensart. Vergleichen wir das einmal mit unseren heutigen Produktionsmethoden und unserer Warenwelt. Erkennen wir unseren Zustand der sinnlichen und kulturellen Verarmung?

In ihrem Buch Die Könnensgesellschaft lenkt die Politologin und Ökonomin Christine Ax das Augenmerk auf eine Kategorie, die in unserer so genannten Wissensgesellschaft nicht die Aufmerksamkeit und die Wertschätzung erhält, die ihr gebührt: das Können. »Es kann heute nicht mehr darum gehen, Arbeit überflüssig zu machen und zu rationalisieren. Wir brauchen einen Übergang in eine Wirtschaft, die es möglichst vielen Menschen erlaubt, Arbeit unter den Bedingungen der Freiheit zu leben.« Eine Gesellschaft, die sich Freiheit und Demokratie auf die Fahnen schreibt, muss jedes seiner Mitglieder dabei unterstützten, alle Potenziale und Fähigkeiten zu entfalten und leben zu können. Unsere Gesellschaft macht jedoch Menschen unzufrieden und unglücklich, weil sie Information und Wissen überbewertet, alles auf die ökonomische Verwertbarkeit von Kompetenzen reduziert und dabei die Bildung der Persönlichkeit und den Erwerb von echter Könnerschaft ignoriert.

Arbeit stellt anscheinend keinen Wert mehr dar. In unserer taylorisierten Welt zählt nur noch Effizienz und Leistung als das höchste Gut. Der Mensch besitzt nur dann einen Wert, wenn er Leistung erbringt. Und diese Leistung muss messbar, mathematisch in Formeln abbildbar sein. Die sieben Kardinaltugenden, worunter die Weisheit (oder Klugheit), die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, die Mäßigung, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe versammelt sind und einst von antiken Philosophen und Kirchenlehrern formuliert wurden, bergen heute nur noch den Charakter einer Reminiszenz an eine idealisierte Vorstellung des Menschenbildes.
Wir beklagen einen Verlust an Werten. Doch ist es nicht eher der Verlust der Tugenden, der uns zu schaffen macht? Die Werte-Debatte scheint nutz- und sinnlos zu sein, weil die Tugend nicht mehr als verkörperter Wert begriffen wird und weil es an der für die Wertevermittlung nötigen, prägenden Kraft der Vorbilder fehlt. Dabei geht es vor allem um die Umsetzung der Werte in Tugenden, wie der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski sagte: Werte, die gewusst werden, sollen in jene umgewandelt werden, die gelebt werden.
Der Abschied von den alles beherrschenden Fetischen Leistung und Wissen, die Rückkehr zur Könnerschaft und zu Tugenden — ja, das ist ein dringliches Ziel, über das es sich lohnt, nachzudenken und daran zu arbeiten. Atsu.
Links:
Atsu – Tao des Gemeinsamen
Die Könnensgesellschaft
Veröffentlicht am 03. Dezember 2009