Über Notizen und ihre Bücher
Was und wer wären wir ohne unsere Notizbücher? Wo blieben unsere vielen Gedanken, Ideen und Lösungsansätze, wenn sie nur flüchtig gedacht, aber nicht niedergeschrieben wären? In einem selbst verfassten Notizbuch zu blättern und zu lesen ist wie ein Gang in die Erinnerung, zurück zu unseren gedanklichen Wurzeln, zu Entdeckungen und manchmal auch Verirrungen. Aber nicht nur das: In einem Notizbuch schlummern mitunter Ideen, die die Welt verändern.
Notizen sind die Brücken unserer Gedanken.
Unser Gehirn besitzt zwei schöne Eigenschaften, die situationsbedingt von Vorteil sein können: Erstens, es speichert Unmengen von Informationen, und das ein Leben lang. Zweitens, es vergisst viele dieser Informationen genau so schnell, wie sie auftauchten. Was können wir tun, damit uns die vielen Anregungen, Dialoge, Fragen, Einfälle, Gedankenblitze, Entscheidungen, Ursachen, Lösungen, Probleme, Skizzen und Wortpassagen länger als einen flüchtigen Moment erhalten bleiben? Wir schaffen uns ein Notizbuch an. Das ist ein Buch mit unbeschriebenen Seiten. Und eine Notiz ist eine in schriftlicher Form festgehaltene kurze Information. So weit, so klar.
Der schweizer Autor Ludwig Hohl erhob dieses unscheinbare, meist flüchtig verfasste aide memoire zu einer eigenen Gattung der Literatur. Sein philosophisch-literarisches, nicht immer gerühmtes Werk Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung umfasst viele hundert notizenhafte Einträge, die immer wieder dieselben Themen umkreisen. Aphorismen, Traktate, Kurzprosa, Gedichte, Zitate — das alles fügte Hohl zu einem System mit inhaltlich und formal aufeinander abgestimmten Texten zusammen.
Ludwig Hohl orientierte sich anscheinend an Georg Christoph Lichtenbergs berühmter Sammlung von Notizbüchern. Der Göttinger Professor für Experimentalphysik begann schon als Student 1765 mit dem regelmäßigen Aufzeichnen seiner Gedanken. Er führte diese Tätigkeit über fast dreieinhalb Jahrzehnte bis an sein Lebensende 1799 fort. Die so entstandenen Sudelbücher umfassen eine Reihe von Schreibheften, die er selbst fortlaufend mit den Buchstaben von A bis L kennzeichnete. Davon sind die Hefte G und H verschollen, von K sind nur wenige Seiten enthalten und von L fehlen einige Seiten. In aphoristischer Form notierte Lichtenberg unzählige Gedankensplitter — spontane Einfälle, Lesefrüchte und naturwissenschaftliche Feststellungen —, die postum veröffentlicht wurden. Sie belegen in besonderer Weise Lichtenbergs Fähigkeit zur skeptischen Beobachtung und ironischen Formulierung.
In der Allgemeinheit nicht ganz so bekannt wie Lichtenbergs Sudelbücher, dennoch mit entscheidend stärkerer Strahlkraft ausgestattet, ist das als Züricher Notizbuch benannte Manuskript des Physikers Albert Einstein. In diesem, ursprünglich 96 Seiten starken Notizbuch, dessen Deckblatt mit dem Titel Relativität versehen wurde, notierte Einstein fast ausschließlich Berechnungen, Stichworte und kurze Bemerkungen zu Problemen aus den Gebieten der Physik, vor allem zur Gravitationstheorie. Die Identifizierung ihrer zeitlichen Abfolge stützt sich auf die Analyse der von Einstein verwendeten mathematischen Notation sowie auf eine genaue inhaltliche Rekonstruktion. Erschwert wurde die Rekonstruktion durch die Tatsache, dass Einstein das Buch sowohl von der Vorderseite als auch von der Rückseite benutzte, so dass sich die Notizen gegeneinander auf dem Kopf stehend an einer Stelle des Notizbuchs treffen. Eine Anekdote berichtet, dass Einstein auf die Frage, ob er Zettel oder ein Notizbuch verwende, antwortete: »Ich brauche gar keins — Ideen sind etwas sehr Seltenes.«
Im Hauptwerk der Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, Das goldene Notizbuch, führt die Ich-Erzählerin mehrere Notizbücher, die sie inhaltlich strikt voneinander abgrenzt: »Ich führe vier Notizbücher, ein schwarzes Notizbuch, das von Anna Wulf« (der Protagonistin des Werkes) »der Schriftstellerin handelt; ein rotes Notizbuch, das Politik betrifft; ein gelbes Notizbuch, in dem ich aus dem, was ich erlebt habe, Geschichten mache; und ein blaues Notizbuch, das den Versuch eines Tagebuchs vorstellt.« Eine fast schon politisch eingefärbte Notizbuchsammlung, könnte man meinen, wenn nicht ein grünes Notizbuch fehlen würde.
VVor einigen Jahren legte ich mir wieder einmal einen Stapel Notizbücher zu. Bei dieser Sorte im Format A6 gefiel mir die Ausstattung besonders gut: der Umschlag in dezentem, geheimnisvollem Schwarz, die eingeklebte Tasche für Belege, Fahrscheine, Visitenkarten, etc. und das umlaufende Gummiband, das alles fest zusammenhält, falls einmal eine voluminöse Information nicht verloren gehen darf. Das Lösen und erneute Verspannen des Gummibandes wurde für mich im Laufe der Zeit zu einer Art bewusstem Ritual, immer dann, wenn ich einen frischen Gedanken, einen schönen Text, einen unbekannten Begriff oder eine schnelle Zeichnung dem Notizbuch hinzufügte. Es war, als legte ich einen Teil meines Ichs vertrauensvoll in einen Tresor, wohl wissend, das Gedachte jederzeit wieder auffinden und zu geistiger Frische beleben zu können.
Eigentlich benutze ich schon seit meinen frühen Schultagen jede Art und Größe von Notizbüchern. Zuerst, um Liebesgedichte an nichts ahnende Schulkameradinnen und um mir pubertäre Erfahrungen und Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Ich entwickelte sogar eine Geheimschrift, damit niemand meine Notizen lesen konnte. Die Bücher habe ich alle noch, doch leider ist mir der Code verloren gegangen.
Später startete ich für jede Idee und jedes Projekt, das ich für wichtig hielt, ein eigenes Notizbuch. So baute sich im Laufe der Zeit eine kleine Bibliothek am Rande meines Schreibtisches auf. Aber die Eintragungen endeten meist schon nach wenigen Seiten, wenn sich bald eine neue Idee breit machte und nach einem neuen Notizbuch verlangte. Bei den Reisenotizen sah es besser aus: Hier endeten die Notizen erst, wenn ich tatsächlich zuhause angekommen und ein Lebensabschnitt erfolgreich abgeschlossen war. Ich vermerkte auf den Seiten akribisch viele Details, wie An- und Abfahrtszeiten von Überlandbussen, Flügen und Zügen, Traveller-Cheque-Nummern, Namen von Personen, Orten und Gegenständen und schließlich die fortlaufenden Bildnummern der belichteten Diafilme. Meine Reisenotizen tragen keine Titel, meist nur den Namen des bereisten Landes und eine Jahreszahl. Vielleicht sollte ich sie doch einmal aussagekräftiger benennen: Die Erkundungen der Kleinen Antillen im Jahre 1970 in acht Bänden, Beim Tea Manager in Nuwara Eliya, Mit der Seilbahn auf den Pico Bolivar, Wilder Karneval auf Trinidad, Die Geheimnisse der Oase Gabès oder In den Blauen Bergen.
Wenn ich heute durch meine Notizbücher blättere, gehe ich auf längst vergessene Gedankenstreifzüge: Ich erinnere mich an Das Modell der Welt, sehe spontan Die Insel des vorigen Tages und Der Spion und der Schauspieler vor mir, finde Skizzen zu meinem Planspiel Die Reise nach Taganamà, vertiefe mich erneut in die Gliederung des noch immer nicht begonnenen Romans Das Notizbuch des Signor C., lese begeistert Lydéric Bocquets kurze Abhandlung, warum und wie Steine übers Wasser flitzen und komme einfach nicht dahinter, warum ich einst »Suppiluliuma II.« und »amor fati« notierte.
Zwischen den Notizbuchdeckeln entstand eine chronologische Abfolge meiner gedanklichen Entdeckungen, Abzweigungen und Irrungen — es sind Wissenslandkarten, auf die ich immer wieder gerne zurückgreife, um mich immer wieder selbst neu zu entdecken. Diese Notizeinträge stellen für mich auch so etwas wie eine Historie meiner vita bibliophilia dar. So werden meine Notizbücher für mich zur Bestätigung der erlebten Vergangenheit, aber auch eine Herausforderung an die Gestaltung meiner Zukunft.

Kommentare: 2
1. Ruth Pink | 05. November 2009 21:19
Sehr schöner Beitrag. Ich musste schmunzeln an der Stelle:
“Ich entwickelte sogar eine Geheimschrift, damit niemand meine Notizen lesen konnte. Die Bücher habe ich alle noch, doch leider ist mir der Code verloren gegangen”…
Auch ich habe alte Notizen aus der Schulzeit kürzlich entdeckt und kann meinen Geheimcode nicht mehr knacken. Meine Güte, war ich kreativ – so kreativ, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann
Gruß. R. Pink
2. Joachim Zischke | 06. November 2009 08:46
… und wenn ich daran denke, wieviel Zeit ich, zum einen für das Formulieren, zum anderen für das Chiffrieren, aufwendete —
Ich meine mich zu erinnern, dass mein Code mathematisch-logisch aufgebaut war. Vielleicht sollte ich mich in einer stillen Stunde hinsetzen und ihn entschlüsseln. Interessieren würde mich heute schon, was ich damals so alles verzapfte.
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