Die Zuflucht
Text: Joachim Zischke
Was haben ein Blinder, der achtzehn Jahre eine Nationalbibliothek leitete und ein ins Exil getriebener florentiner Politiker gemeinsam? Die Liebe zu Büchern und einer Bibliothek.
»Mein Büchersaal war Herzogtums genug.«
William Shakespeare, Der Sturm
Im Frühjahr 1513 zog Niccolà Macchiavelli aufs Land. Nicht freiwillig. Dem ehemals Gesandten und einflußreichen Sekretär der Republik Florenz, der mit Fürsten, Königen und dem Papst konferiert und verhandelt hatte, wurde die Vollbürgerschaft entzogen und er angewiesen, die Stadt zu verlassen.
Nun sammelte Macchiavelli Brennholz für den Kamin und half den Bauern und dem Metzger gelegentlich beim Schlachten eines Schweins. Mit seiner Frau und den sechs Kindern lebte er auf seinem kleinen Landgut Albergaccio bei San Casciano, völlig abgeschnitten von der pulsierenden Stadt und dem politischen Leben.
Was macht ein Mann wie Macchiavelli in einer solchen Lebenssituation? Wie verschafft er sich einen gesunden geistigen Ausgleich? Macchiavelli in einem Brief an seinen Freund Francesco Vettori:
»Ich gehe nach Hause, betrete mein Arbeitszimmer, werfe an der Schwelle das schmutzige Bauerngewand ab, lege eine prächtige Hoftracht an und begebe mich in die Säulenhalle der Großen des Altertums.«
In seiner Bibliothek flüchtete Macchiavelli in eine Welt, die seinem Denken und Leben entsprach. Hier traf er die großen Staatsmänner und Historiker der Antike:
»Von ihnen werde ich freundlich aufgenommen, hier nehmen ich die Nahrung zu mir, die mir angemessen ist und für die ich geboren bin. [...] Und für die Dauer von vier Stunden fühle ich nicht die Armut und ängstige ich micht nicht vor dem Tod: Ihnen gebe ich mich ganz hin.«
Jorge Luis Borges war Erzähler, Essayist und der wohl berühmteste Bibliothekar. Borges, der schon als junger Mann unter einer vererbten Augenerkrankung litt, leitete die Nationalbibliothek von Buenos Aires achtzehn Jahre lang, als Blinder. Er fühlte sich in den mit Büchern und Folianten gefüllten Räumen derart wohl, dass er fast jeden seiner Geburtstage dort feierte.
In seinen Geschichten und Essays bezieht er sich auf Bücher, die seiner Phantasie entsprangen und die nie von ihm geschrieben wurden. Er sagte einmal:
»Die Handlung eines Romans zu ersinnen ist eine wunderbare Aufgabe. Wer sie tatsächlich aufschreibt, übertreibt.«
In seiner Erzählung Die Bibliothek von Babel setzte er sich selbst ein Denkmal seines Einfallsreichtums, Humors und seines Lieblingsstilmittels: der Täuschung, das Spielen mit dem Leser, die Vermischung von Realität und Surrealtität.
»Die ideale Bibliothek sollte ein wenig sein wie der Stand eines bouquiniste, eines Straßenbuchhändlers: ein Ort für unverhoffte Entdeckungen.«
Umberto Eco, Nachschrift zum Namen der Rose

Links und Literatur:
Zweite Enzyklopädie von Tlön
Achenbach, Rüdiger: Die Inszenierung der Macht. In: Von Savonarola bis Robespierre. Düsseldorf, 2006.
Manguel, Alberto: Die Bibliothek bei Nacht. Frankfurt am Main, 2007.
Veröffentlicht am 02. Oktober 2008