Kreatives Schreiben —
Was ist das?

Versuch einer Annäherung

Kreatives Schreiben ist ein Weg zum Glück. Auch wenn er voller Irrungen und Wirrungen verläuft. Schreiben ist ein Abenteuer, zu dem auch das Abenteuer des Vorlesens gehört. — Petra Urban beschreibt das Erlebnis Schreibwerkstatt.

typefacesSchreiben heißt, das Glück suchen«, sagt Georges Bataille. Demnach könnte ich meine Kreativen Schreibkurse, die ich als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin seit nunmehr zehn Jahren leite, auch Glückskurse oder Suchkurse nennen. Denn suchen tun wir bei jedem unserer Treffen, finden leider nicht immer. Suchen nach Worten, nach Sätzen, nach guten Geschichten. Manchmal sind wir dabei auch glücklich, weil die Suche erfolgreich war und wir auf Gelungenes schauen. Manchmal allerdings sind wir auch unglücklich, weil wir uns verlassen fühlen, nicht nur von allen guten Worten, sondern auch von allen guten Geistern. Denn der Weg vom gut Gemeinten zum gut Gesagten ist oft ein steiniger, ein Weg voller Irrungen und Wirrungen. Immer wieder lauert Ungelungenes zwischen Gelungenem. Sätze wie diese zum Beispiel: »Der Winter erbrach den Frühling.« Oder: »Albert war ohne Bewusstsein, als er wieder zu sich kam.«

Eine literarische Arena

Da sich in meinen Seminaren alles ums richtige und niemals nur ums beinah richtige Wort dreht, müssen Sie sich meine Schreibkurse wie eine Art literarische Arena vorstellen, in der bis zur Erschöpfung semantisch gerauft und gerangelt wird.
Wer da so alles kämpft?
Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Eines allerdings haben sie alle gemeinsam. Sie sind keine unbeschriebenen Blätter. Jeder, der kommt, trägt Leben im Gepäck, Geschichten eben, die er ohne Stift geschrieben hat. Und diese Geschichten fließen ins Geschriebene ein. Ob wir das wollen oder nicht.

Nun verstehe ich meine Seminare als Schreib-Orte, an denen auch diese Geschichten zu Wort kommen dürfen. Und so gebe ich mitunter Titel vor, die den Blick zurück lenken, die es möglich machen, den autobiografischen Wortfaden aufzunehmen und weiterzuspinnen, schreibend sich sozusagen den Gerüchen der Kindheit anzunähern, den Straßen und Stimmen jener vergangenen, aber nicht verlorenen Tage. Gleichzeitig aber versuche ich, die Fantasie, diese unerschöpfliche Kraft in uns allen, zu Wort kommen zu lassen. Damit sie entdeckt und entfaltet werden kann, gebe ich Worte, Wortneuschöpfungen, Anfangssätze, manchmal auch Gedichte vor. Beim kreativen Verfassen von Texten spielen spontane Gedanken, Erinnerungen, Assoziationen und – wie gesagt – vor allem die Fantasie eine wesentliche Rolle.

Ein berühmter Mann hat einmal gesagt: »Was wir im Leben am allermeisten brauchen, ist ein Mensch, der uns dazu bringt, das zu tun, was wir können.« Mit Verlaub, in meinen Seminaren bemühe ich mich redlich, ein ebensolcher Mensch zu sein und die Anwesenden zu dem zu motivieren, was sie genaugenommen können. Schreiben. Und dabei sehr sorgsam auf ihren Umgang mit Sprache zu achten. Diesen widerspenstigen Stoff, der uns beim täglichen Gebrauch zwar flott über die Lippen huscht, sich aber dort, auf dem weißen Papier, mitunter ziert und sträubt und wehrt und widersetzt.

Das Abenteuer Schreiben

Zum Abenteuer Schreiben gehört in meinen Seminaren immer auch das Abenteuer Lesen. Vorlesen. Und so werden alle still, lauschen dem Vortragenden und versuchen im anschließenden Gespräch den Geist des Textes zu erspüren. Gemeinsam wird gelobt und getadelt und jedes noch so tief gründelnde Geheimnis zwischen den Zeilen gelüftet. Nur selten entpuppt sich eine Neugeburt als Totgeburt. Und doch, es kommt vor. Und da Leichen bekanntermaßen beerdigt gehören, landen unsere Verstorbenen schließlich und endlich in unserem Wortmülleimer.

Natürlich verwandelt sich die Lust zu schreiben auch ab und zu in Frust. Dann vor allem, wenn der Wortfluss, diese unversiegbar geglaubte Quelle, plötzlich versickert, der Schreibende von jetzt auf gleich in Sprachlosigkeit versinkt und aufs leere Papier starrt, bis Schwermut eintritt. Blockade nennt man diesen vertrockneten Zustand auch. Nun gibt es für die Betroffenen (und irgendwann ist jeder dran!) zwei Möglichkeiten, sich zu dieser seltsamen Wortleere im Kopf zu verhalten. Entweder geduldig auf die unerwartete Wendung warten, auch Inspiration genannt. Jenen köstlichen Augenblick, in dem die Muse endlich küsst, Fantasie und Geist verschmelzen und ein neues entsteht. Oder aber Stift und Papier aus dem Fenster werfen. Was in meinen Schreibseminaren allerdings niemand zulassen würde. Schließlich streiten wir alle für die gleiche gute Sache. Das Wort.

Sie merken hoffentlich, was ich Ihnen die ganze Zeit sagen will: Wir müssen uns die kreativ Schreibenden als glückliche Menschen vorstellen. fini