Flanieren: Literarische Szenen
Text: Joachim Zischke
Nach dem Abenteuer in Troppau treffen wir Herrn v. Schnapphahnski zunächst in Berlin. Eine interessante Blässe lagert auf seinem Gesicht, und es versteht sich von selbst, daß der schöne schwarze Bart des Ritters dadurch nur um so vorteilhafter ans Licht tritt. In Schlesien war unser Ritter ein verliebter Husar, in Troppau erscheint er als renommierender Duellant – in Berlin ist er Flaneur.
Salamankas Damen glühen,
Wenn er durch die Straßen schreitet,
Sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd,
Und von Hunden stets begleitet.
Gibt es etwas Schöneres als Flanieren? Der Hauptreiz des süßen Nichtstuns besteht übrigens nicht darin, daß man überhaupt sporenklingend und schnurrbartkräuselnd durch die Straßen schreitet, sondern daß man gerade dann flaniert, wenn alle andern Leute wie die lieben Zugstiere arbeiten müssen.«
Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber. Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren, führten einander, lachten grüßten und verbeugten sich hin und wieder, und eine lustige Musik schallte aus dem bunten, fröhlichen Schwalle.«
Eichendorff: Ahnung und Gegenwart

Nach alter Gewohnheit ging er den gewöhnlichen Weg seiner früheren Wanderungen zum Heumarkt. Kurz vor dem Heumarkte stand auf dem Straßenpflaster vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Leierkastenmann und leierte ein rührendes Lied. Er begleitete ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, das auf dem Trottoir stand und wie ein vornehmes Fräulein mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer feuerroten Feder bekleidet war; alle diese Sachen waren alt und abgetragen. Mit einer zittrigen, aber recht angenehmen und starken Stimme sang sie ihr Lied in Erwartung eines Zweikopekenstücks aus dem Laden. Raskolnikow blieb neben zwei oder drei anderen Zuhörern stehen, hörte eine Weile zu, holte ein Fünfkopekenstück aus der Tasche und legte es dem jungen Mädchen in die Hand. Jenes brach den Gesang bei der empfindsamsten und höchsten Note ab, rief dem Leierkastenmann scharf zu: ‘Genug!’ und beide gingen weiter, zu dem nächsten Laden.
‘Lieben Sie Straßengesang?’ wandte sich Raskolnikow an einen nicht mehr jungen Passanten, der neben ihm vor dem Leierkasten stand und wie ein Flaneur aussah. Jener blickte ihn bestürzt und erstaunt an. – ‘Ich liebe ihn’, fuhr Raskolnikow fort, doch mit einer Miene, als rede er gar nicht vom Straßengesang. ‘Ich liebe es, wenn an einem kalten, dunklen und feuchten Herbstabend zum Leierkasten gesungen wird, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Leute auf der Straße blaßgrüne und kranke Gesichter haben; oder noch besser, wenn nasser Schnee ganz gerade, ohne Wind herabfällt, wissen Sie, und die Flammen der Gaslaternen hindurchleuchten …’
‘Ich weiß nicht … Entschuldigen Sie …’ murmelte der Herr, wie durch die Frage, so auch durch das sonderbare Aussehen Raskolnikows erschreckt, und ging auf die andere Straßenseite hinüber.
Raskolnikow ging geradeswegs weiter und gelangte zu der Ecke des Heumarktes, wo der Kleinbürger und seine Frau, die damals mit Lisaweta sprachen, ihre Verkaufsstände hatten; jetzt waren sie aber nicht da.
Dostoevskij: Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

Calin ist ein nach Landschaften gierender Tourist. Er schluckt und schluckt und schluckt. Es gefällt ihm, spazierenzugehen, zu betrachten, zu berühren. Obschon dick, massiv (manchmal möchte ich ihn mit Ignatius aus der Verschwörung der Idioten vergleichen), ermüdet er nie, und kaum, dass er ins Schwitzen gerät. Es war mir schwer gefallen, Schritt zu halten mit ihm. Ich führte ihn (oder er mich?) zur Alten Donau und auf die Donauinsel. Wir sind herumgeschlendert und haben zwischen den Betonblocks Fotos gemacht. Neben dem Fernsehturm A1, wo man Bungee Jumping praktizierte, haben wir eine Pause gemacht.
Wir kehrten am Donauufer zur U-Bahn zurück und wurden von etwas tatsächlich Ungewöhnlichem überrascht (falls es denn nicht eine Wiener Tradition ist
Ovidiu Nimigean: Flanieren

Aber im Fußgänger, dem Schlenderer, dem Spaziergänger, dem Flaneur findet man den Inbegriff des Müßiggängers. Der Fußgänger ist die höchste und mächtigste aller Daseinsformen: Er geht aus Vergnügen zu Fuß, er beobachtet, aber mischt sich nicht ein, er ist ohne Eile, er ist glücklich in der Gesellschaft seines eigenen Verstandes, er schlendert distanziert, weise und fröhlich dahin, göttergleich. Er ist frei.«
Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang

Flaneure sind Künstler, auch wenn sie nicht schreiben. Sie sind zuständig für die Instandhaltung der Erinnerung, sie sind Registrierer des Verschwindens, sie sehen als erste das Unheil, ihnen entgeht nicht die kleinste Kleinigkeit, sie gehören zur Stadt, die ohne sie undenkbar ist, sie sind das Auge, das Protokoll, die Erinnerung, das Urteil und das Archiv, im Flaneur wird sich die Stadt ihrer selbst bewusst.«
Cees Nooteboom: Die Sohlen der Erinnerung

Er war oft so absichtslos durch die Stadt gegangen, häufig nachmittags mit Gerald, dann ebenso häufig mit Rainer oder auch allein, nur um herumzugehen, zu sehen, sich treiben zu lassen, und solche Gänge zwischendurch gehörten ebenso selbstverständlich dazu, hier in der Stadt zu sein, mittendrin, wie die Aufenthalte in dem Parkstück mit ihr, dem Kind. Das Herumgehen hatte für ihn dieselbe geringe Bedeutung, nämlich einfach dazusein wie alles andere und alle, offen nach allen Seiten und noch nicht bedrückt, mit Absichten belastet, etwas anderes finden zu müssen als Beweis, daß mit ihr und ihm nur noch wenig stimmte, gerade weil schembar sich zwischen ihnen alles wie gewöhnlich ergab. Er hatte sie, wie sie ihn. Sie konnten zueinander hingehen, sich nebeneinanderlegen, aufeinander, sich zusammen bewegen, sprechen, nicht mehr sprechen, stumm sein, jeder in seinem eigenen Zimmer. Sie konnte ihn in Ruhe lassen, er sie. Das Kind tappte unsicher schwankend aus dem hinteren Zimmer in den Flur. Und das war wie gewöhnlich und immer weiter wie gewöhnlich. Es blieb so, wenn er draußen in der Stadt herumging, wie bei so vielen, den meisten anderen Leuten auch, konnte er sich dann sagen und fragen, was denn, übertreib nicht, oder: mach das doch nicht schlimmer, als es ist. Es war gar nicht schlimm. «
Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr

Eines Tages, zehn Tage nach Hansens Austritt aus der Verbindung, nahm Erwin an einem Straßenbummel teil. Es war ein sonniger Wintervormittag mit hellblauem Himmel und frischer, trockener Luft. Auf den Gassen der alten, engen Stadt leuchteten die farbigen Mützen der bummelnden Studenten in fröhlicher Pracht, flotte Reiter im Wichs trabten mit hellem Getön über den harten, trockenen Winterboden.
Erwin war mit einem Dutzend Kameraden unterwegs, alle in prahlend ziegelroten Mützen. Sie flanierten langsam durch die paar Hauptstraßen, begrüßten andersfarbige Bekannte mit großer Beflissenheit und Würde, nahmen demütige Grüße von Dienern, Wirten und Geschäftsleuten nachlässig-stolz entgegen, betrachteten Schaufenster, hielten stehend an belebten Straßenecken Rast und unterhielten sich laut und ungezwungen über vorübergehende Frauen und Mädchen, Professoren, Reiter und Pferde.
Als sie eben vor einer Buchhandlung Stand gefaßt hatten und ausgehängte Bilder, Bücher und Plakate flüchtig betrachteten, ging die Ladentür auf, und Hans Calwer trat heraus. Alle zwölf oder fünfzehn Rotmützen wandten sich verächtlich ab oder bemühten sich, mit starren Gesichtern und überhoch gezogenen Brauen Nichterkennung, Abweisung, Verachtung, vollständige Ignorierung, ja Vernichtung auszudrücken.
Erwin, der beinahe mit Hans zusammengeprallt wäre, wurde dunkelrot und wandte sich scheu mit fliehender Gebärde dem Schaufenster zu. Hans ging mit unbewegtem Gesicht und ohne künstliche Eile vorüber; er hatte Erwin nicht bemerkt und fühlte sich vor den andern keineswegs befangen. Im Weitergehen freute er sich darüber, daß der Anblick der allzu bekannten Mützen und Gesichter ihn kaum erregt hatte, und dachte mit Erstaunen daran, daß er noch vor zwei Wochen zu diesen gehört habe.«
Hermann Hesse: Freunde

Veröffentlicht am 07. Mai 2009