Der Rezensent — ein Hund?

Der Rezensent übernimmt die Funktion eines Vor-Lesers, er liest, bevor anderen Lesern das Werk zum Lesen verfügbar ist. Das bedeutet ein Privileg einerseits, eine Position der Macht andererseits. Der Rezensent sollte in seiner Bewertung sowohl seine Empfindungen als auch die Vernunft berücksichtigen und — im besten Fall — ein sinnlich-intellektuelles Urteil abliefern.

backspaceIch weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend und mühsam es sein kann, ein Buch zu schreiben. Hat man erst einmal das Exposé zum hundertsten Mal überarbeitet und seinen Literaturagenten endlich von der Notwendigkeit des Buches überzeugt, löst die Zusage eines Verlags einen wahren Glücksrausch aus. Doch damit beginnt erst die Arbeit. Lange Wochen des intensiven Eintauchens in den Stoff. Schreibblockaden. Die Einsamkeit des klösterlich Schreibenden. Das Ringen um den passenden Ausdruck. Das alles nur, um das Buch unter die Leute zu bringen, jene unbekannten Leser.

Und dann nimmt ein iudex litteratus, ein gebildeter Richter, das Buch in die Hand. Vielleicht kennt er den Autor, vielleicht auch nicht. Er kennt meist nicht dessen Mühen und Ängste, die Hoffnungen, die dieser mit seinem Buch verbindet. Nun soll der Rezensent das Buch lesen, kritisch prüfen, würdigen und einen Beitrag über das Ergebnis verfassen. Sein Urteil mag über die Annahme oder Ablehnung des Werkes im Publikum von Bedeutung sein.

Wir fragen: In Anbetracht der Mühen des Autors und der Kosten des Verlages, wie darf das Urteil eines Rezensenten ausfallen? Ist eine negative Kritik überhaupt erlaubt? Was für ein Mensch kann, muss, darf der Rezensent sein? Und der Leser: Kann er sich einer Rezension anvertrauen, sicher sein, einen ausgewogenen und ehrlichen Bericht vor sich zu haben?

»In Wahrheit wieder einmal ein Product, was unseren Zeiten – Schande macht! Mit welcher Stirn kann ein Mensch doch solchen Unsinn schreiben und drucken lassen und wie muss es in dessen Kopf und Herz aussehen, der solche Geburten des Geistes mit Wohlgefallen betrachten kann! … «

Diese Rezension erschien am 21. Juli 1784 in der Königlich privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung, Berlin, über das Stück Kabale und Liebe von einem gewissen Johann Christoph Friedrich Schiller. Der Rezensent war Karl Philipp Moritz, Hutmacherlehrling, Schauspieler und ein viel gelesener Schriftsteller des Sturm und Drang.

Die Kritik mag aus zeitgenössischer Sicht verständlich sein, heute gehört dieses Werk Schillers zu den revolutionärsten Dramen unserer klassischen Literatur. Das konnte der Rezensent nicht erahnen. Doch der Rezensent hieb nicht nur auf Autor und Verleger ein, was, wenn ein begründeter Sachverhalt vorliegt, akzeptabel wäre, sondern verurteilte den Leser gleich mit, egal, ob dieser das Werk gelesen oder das Drama gesehen hatte. Leserbeschimpfung ist nicht erlaubt, Moritz. Setzen Sechs.

Keine Schneeflocke gleicht der anderen. Bücher sind wie Schneeflocken: Jedes Buch unterscheidet sich in Aussehen, Form und Inhalt von allen anderen Büchern. Wer würde Schneeflocken kritisieren?

Wer sich mit einem Buch auf die Weltbühne wagt, und das macht ein Autor ja — freiwillig! —, muss damit rechnen, dass seine Gedanken und Ideale von Anderen anders interpretiert und verstanden werden. Man könnte sagen, der Autor fordert mit seinem Werk die Leserschaft geradezu heraus, sich mit ihm intensiv zu beschäftigen und Stellung zu beziehen. Sonst könnte er seine Ideen gleich im stillen Kämmerchen lassen.

Kritik an einem Buch ist durchaus erlaubt und sinnvoll. Es sollte das Auseinandersetzen mit dem Werk fördern, den öffentlichen Diskurs beflügeln.

Der Kritiker, eine Erfin­dung des Bürgertums, ist beauf­tragt, öffentlich ein Werk zu sichten und sein Denken und Be­denken zur Diskussi­on zu stellen. Doch genau dieser Diskurs über veröffentlichte Kri­tiken findet nicht (mehr) statt — sieht man von marginalen Reaktionen der Leserschaft ab. Auch der Autor meldet sich nicht (mehr) zu Wort. Einspruch oder Widerspruch erachtet er wohl als wirkungslos und womöglich erfolgsgefährdend. Solcherart Auseinandersetzung mit Kritik kann nicht zum Nachdenken und Neudenken anregen.

Der Rezensent übernimmt die Funktion eines Vor-Lesers, er liest, bevor anderen Lesern das Werk zum Lesen verfügbar ist. Das bedeutet ein Privileg einerseits, eine Position der Macht andererseits. Der Rezensent sollte beim Begutachten sowohl seine Empfindungen als auch die Vernunft berücksichtigen und — im besten Fall — ein sinnlich-intellektuelles Urteil abliefern.

Aus meiner Sicht gibt es drei typische Vertreter der Gattung iudex litteratus:

  • Der partizipierende Rezensent
  • Der präjudizierende Rezensent
  • Der essenzielle Rezensent

Der partizipierende Rezensent

Ja, auch manchem Rezensenten sitzt das Hemd näher als die Hose. Zu dieser Gruppe gehören all jene, die direkt oder indirekt am Erfolg eines Buches beteiligt sind. Das sind beispielsweise Rezensenten, die ganz ungeniert einen Online-Buchladen betreiben oder als Buchbesprecher mit einem solchen verbandelt sind. Diese Sorte Rezensenten neigen gerne dazu, ein Buch in besonders angenehmen Tönen zu loben und über Ungereimtheiten und Stolpersteine großzügig hinweg zu sehen. Insbesondere dann, wenn schon ein gutes Dutzend Bücher in den Regalen steht.

Zu den partizipierenden Rezensenten zähle ich auch jene Betreiber von Weblogs, die gleich neben ihrer Rezension einen Amazon-Button zum direkten Einkauf anbieten — mit Anschluss an das eigene Provisionskonto, versteht sich.

Der präjudizierende Rezensent

Jede Kritik ist selbstbezüglich und sagt manchmal mehr über den Kritiker als über das kritisierte Werk aus. Schon immer wurden Kritiken geschrieben, um einen wirklichen oder vermeintlichen Gegner zu bekämpfen, zu verunglimpfen, dem Autor oder Verleger oder beiden das Leben schwer zu machen. Neu in unserem Zeitalter des Internets sind Rezensionen, die auf Bestellung verfasst werden, um einem Buch auf die Sprünge und in die Ränge zu verhelfen.

So geistert bei dem Versandbuchhändler Amazon eine Harriet Klausner mit mehr als 17 000 Rezensionen durchs Netz. Recherchen ergaben, dass HK vier bis sechs Bücher pro Tag lesen müsste, um dieses Pensum zu erreichen. Amerikanische Journalisten vermuten schon seit einiger Zeit, dass HK gar nicht existiere, sondern nur die Erfindung von PR Strategen sein könnte. Durch geschickt inszenierte fake accounts könnten Klausners Rezensionen immer als besonders hilfreich bewertet werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung, dass die Verrisse bei Amazon gegen Null tendieren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

ERNESTINE. Von Herrn von Kiel? – ein Gedicht? Ich schwöre im Voraus, dass es nichts taugt.
ELISE. Siehst Du? auch wie ein Rezensent, der immer im Voraus weiß, ob ihm etwas gefallen soll, oder nicht.
ERNESTINE. So lassen Sie nur hören und der Höllenrichter verleihe mir Unparteilichkeit.
Devrient: Die Gunst des Augenblicks

Es wird auch berichtet, dass es für einen Verleger recht einfach und bequem sei, online Rezensionen für seine Bücher einzukaufen. Gegen Beträge zwischen zehn und 195 Euro sollen Rezensionen lieferbar sein, auf Wunsch auch ohne negatives Ergebnis und vorab zu lesen. Da verwundert es den Leser dann doch, wenn ein Buch erscheint und schon auf den Klappentexten die begeisterten, jubelnden Reaktionen der Rezensenten stehen.

Kein Wunder, dass schon der 24-jährige Goethe ein Gedicht mit dem Satz beginnt: »Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.« Und damals gab es das Internet noch gar nicht.

Der essenzielle Rezensent

Der kritische, mit Lese-Erfahrung ausgestattete und doch immer wieder unvoreingenommen lesende Rezensent: so bezeichne ich denjenigen, der sich an das Wagnis macht, über ein Buch zu urteilen. Er studiert es quasi, eruiert und vergleicht mit schon Gelesenem, wägt ab und bilanziert, um die Quintessenz, den Wert und das Wesen des Buches zu ergründen, den es für ihn hatte und für den Leser haben könnte. Das braucht seine Zeit, das geht nicht in einer Stunde und ein kurzes Überfliegen reicht schon gar nicht. Der essenzielle Rezensent ist der wahre Freund des Lesers.

Für den heutigen Rezensionsleser wird es leider immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Blick ins Umfeld des Rezensenten vermag oft Klarheit zu verschaffen: Wer schreibt? Für wen schreibt er, für eine renommierte Zeitung oder für ein Weblog? Ist er ein Fachmann auf dem Gebiet über das er schreibt? Wer sind die Adressaten? Welcher Verlag verlegte das Buch?

Und natürlich ist immer dann eine gesunde Portion Skepsis angebracht, wenn beispielsweise in einem Sachbuch von besonders leicht anwendbaren Methoden und Techniken berichtet wird. Bei der Lektüre eines Romans oder eines Lyrikbändchens wird niemand umhin kommen, zu berücksichtigen, dass eine Rezension eben auch der Ausdruck einer Geschmacksfrage sein kann. fini

NB: Dem Leser, der das Ganze von einer etwas mehr historischen und literarischen Seite aus betrachten möchte, sei das Buchkapitel Schicksal der Bücher aus dem Buch Vom Papst von Joseph de Maistre empfohlen.