Apps und Appis: Die irre reale Welt, die keiner wirklich braucht

Schon mal als Nicht-Appi im AppStore gewesen? Da trifft eine irre reale Welt auf einen zu. Hunger und Durst erleiden, seinen erklärten Willen und die sauer verdiente Pekunia verlieren, und das alles wegen zehntausenden von Apps. Hier ist alles möglich.

SleepingSeit einiger Zeit beschäftige ich mich fachlich mit iPhone® Apps. Das sind Software-Lösungen, also Applikationen (daher Apps), die auf einem internetfähigen Telefon der Computerfirma Apple (daher iPhone) ablaufen.

Die erste Anlaufstelle, wenn man erfahren will, was es alles an Apps gibt, ist natürlich der AppStore, Apples digitales Einkaufsparadies. Und wer hier eintritt, kann nicht nur seinen erklärten Willen oder sein sauer verdientes Geld verlieren, sondern auch lebensbedrohend Hunger und Durst erleiden, wenn er nicht mehr aus dem Angebot der gut einhunderttausend Apps herausfindet. Im Gegensatz zu Media-Markt-Eröffnungen, vollzieht sich das tragische Ende fern von jeglicher Öffentlichkeit, absolut unbemerkt. Körperliche oder pekuniäre Zusammenbrüche aufgrund einer anhaltenden Appnie finden sich daher in keiner Statistik.

Während ich also den AppStore durchwandere, fühle ich mich an ein Casino in Las Vegas erinnert: Hunderte, ach was, zehntausende von einarmigen Banditen, bunte blinkende, klingelnde oder heulende Spielautomaten, Quizterminals und seltsame Geräusche von sich gebende digitale Helferlein. Die Spiele-Apps sind da eindeutig in der Mehrzahl. Alles, im wahrsten Sinne des Wortes, geniale Zeitvernichter. Aber das stört den echten Appi überhaupt nicht: Weg mit der lausigen Zeit. Wir haben Besseres zu tun. —

Da die meisten Apps nicht mal einen Dollar respektive Euro kosten, liegt die Hemmschwelle, mal eben schnell auf mein iPhone downzuloaden, nicht gerade hoch. Was kann ich mir für 79 Cent sonst noch im Leben leisten? Dafür gibt’s ja nicht mal mehr ein belegtes Brötchen. Also rauf auf das Phone — Wozu ich habe 32 Gigabytes Platz? — und flip, flip, flip in mein AppDirectory einsortiert. Dass der Ladeninhaber des AppStores, der ja freundlicherweise Technik und Theke bereitstellt, bei jedem unkörperlichen Verkauf als stiller Teilhaber regelmäßig und automatisch ein Drittel der Erlöse auf sein eigenes Konto bucht, fällt keinem Appi mehr auf. Er will Spaß. —

Vor einigen Tagen erschient die App SleepCycle. Die App wurde sofort ein Renner. Sie soll den biologischen Rhythmus eines Schlafenden erkennen, um ihn zum richtigen Zeitpunkt mit sanften Tönen aus dem Reich der Träume zu holen. Ob das Programm tatsächlich in der Lage ist, die Bewegungen des Körpers mittels Sensor aufzunehmen und die einzelnen Schlafphasen korrekt zu erkennen, will ich hier dahingestellt lassen. Viel interessanter für mich sind die Reaktionen der Appis:

• »Die zweite Nacht hintereinander mit circa vier Stunden Schlaf und ich fühl mich wieder fit wie Turnschuh direkt nach dem Aufstehen.«
Anm.:Wow! Placebo-Effekt?
• »Leider wurde ich in einigen dieser Nächte unsanft geweckt, weil mein iPhone mit lautem Krach auf den Boden geknallt ist.«
Anm.: Wäre ein separates Kopfkissen für das liebe iPhone vielleicht eine Lösung?
• »Ich finde es total interessant, am nächsten Morgen die Schlafphasen nachzusehen. Fast ein wenig unheimlich.«
Anm.: Und was ist, wennn die Kurven mal nicht so optimal aussehen? Liefert die App mir dann einen schlechten Tag?
• »Mein kopf scheint nicht auszureichen, um das ding zu aktivieren, wenn ich es mehr in die mitte der matratze lege funktioniert das schon besser … allerdings ist das programm bei mir, glaube ich, eh ziemlich witzlos, weil ich den normalen wecker auch auf eine beliebige zeit stellen kann und dann in 9 von 10 fällen 1-5 minuten vor dem klingeln aufwache.«
Anm.: Es muss eben auch Appis geben, bei denen die Technik absolut nicht funktioniert.
• »Hatte das iPhone heute Nacht eingesteckt unter dem Kissen liegen. Wurde schon recht warm …«
Anm.: Vielleicht findet sich im Accessoire-Shop auch ein Kopfkühler? Oder einfach einen zeitgesteuerten Ventilator dazu stellen …
• »Meine Freundin und ich verwenden es beide auf unserem iPhone im selben Bett! Jeden Morgen gilt es dann Statistiken zu vergleichen. Und es zeigt sich, was ich schon seit Anfang unserer Beziehung sage, sie schläft sehr unruhig und ich wie ein Stein.«
Anm.: Ist das nicht schön? Gemeinsam beim Frühstück die nächtlichen Erregungs Bewegungskurven vergleichen. Was für ein Gefühl! Das ihr das noch erleben dürft!
• »Leute, verkauft euer iPhone und kauft euch vernünftige Matratzen samt Lattenrost! Denkt daran, auch ihr werdet älter!«
Anm.: Das war bestimmt die Reaktion eines anderen Ladenbesitzers. Gemach, lieber Freund. In der Ruhe liegt die Kraft. Jede App wird dem Appi irgendwann zu langweilig. Und dann wird er schlecht schlafen und sich entweder eine neue App oder eine neue Matratze kaufen. Wobei das Downloaden Letzterer vielleicht nicht ganz so gut und schnell funktionieren dürfte.

fini

11. Februar 2010 | |