Lesen führt in die Irre und andere Wahrheiten

Das Lesen ist von Natur aus nicht vorgesehen. Wir Menschen haben es als Kulturtechnik erfunden, indem wir irgendwann die Sprachlaute in Begriffe verbildlichten und damit zu einer visuellen Repräsentation der Sprache kamen. Und da Alphabetschriften und Piktogrammschriften unterschiedliche Hirnareale ansprechen, stellt sich die Frage: Können Wörter in die Irre führen?

Buch der Beispiele Ausschnitt aus Buch der Beispiele: Anastres Taßri und Berosias von Antonius von Pforr, um 1475/1482 | © Universitätsbibliothek Heidelberg: HeidICON

Wir wissen nicht, wie schwer Mose an den Zehn Geboten trug, als er vom Berg Sinai hinabstieg. Hatte er einen Rucksack dabei? Oder trug er die Tafeln aus Stein unterm Arm? Wir wissen auch nicht, wie schwer die Tragetaschen der Bibliophilister wogen, die sich ihren Weg durch die 61. Frankfurter Buchmesse bahnten. Was wir in Erfahrung bringen konnten, ist dies: Die geschätzte Anzahl der neuen Bücher auf dieser Buchmesse lag bei einhunderttausend. Und die im September 2009 zehn meistgelesenen Romane der Deutschen brachten es zusammen auf 4281 Seiten Umfang und 5743 Gramm Gewicht.
p Wir könnten mit diesen Zahlen ein kleines Rechenspiel versuchen: Wollten wir nur jeweils ein Exemplar aller Neuerscheinungen besitzen, benötigten wir eine Flotte von zwanzig Lieferwagen, um die Bücher wegzuschaffen und gut zwei Kilometer Regallänge, um sie zuhause unterzubringen. Über die Kosten des Erwerbs oder die Zeit, die wir zum Lesen bräuchten, wollen wir erst gar nicht nachdenken.
p Und während wir noch der Unmöglichkeit nachhängen, einen Bruchteil des Bücherbergs für uns auszuwählen, hören wir eine Stimme sagen: »Wörter führen in die Irre. Lesen ist für unser Gehirn eine der unnatürlichsten Tätigkeiten überhaupt.« Der das sagt, ist der Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel. In einem spannenden Aufsatz, erschienen in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, behandelt Pöppel die Frage Was geschieht beim Lesen? Seine These lautet: Das Lesen ist von Natur aus nicht vorgesehen. Wir Menschen haben es als Kulturtechnik erfunden, indem wir irgendwann die Sprachlaute in Begriffe verbildlichten und damit zu einer visuellen Repräsentation der Sprache kamen.

Durch das Lesen lösen wir uns von der unmittelbaren gesprochenen Kommunikation. Wir fassen das Gesprochene in Wörter und dokumentieren es. Dieser Text entwickelt dann in einem Archiv, ganz gleich, ob alphabetisiert in einem Buch oder digitalisiert in einer Datenbank, ein Eigenleben. Die wesentlichen Merkmale der unmittelbaren Kommunikation — das Erzählerische, das Fühlen und Mitfühlen, das Schildern der Erfahrung, die spontane Aktion des Redenden und Reaktion des Zuhörenden —, all das geht in einem archivierten und konservierten Text verloren. Vergessen wir nicht, dass auch durch die Melodie einer Sprache Gefühle zum Ausdruck kommen. Ein Text berücksichtigt diese Wirkungen nicht; es bleibt den Dichtern und Schriftstellern überlassen, das Gefühl für uns Leser mittels Wörtern zu simulieren. Hier schon sei die Frage gestellt: Inwieweit entspricht die Simulation der Wirklichkeit?

»Eine wesentliche Konsequenz der Erfindung des Lesens ist somit nach meiner Einschätzung, dass wir in unserem Kulturkreis die Vorstellung entwickelt haben, als gebe es nur das explizite Wissen, das sich in Worten festhalten lässt, das in Büchern und Enzyklopädien und jetzt auch im Internet dokumentiert ist. [...]
Neben dem expliziten Wortwissen gibt es das bildliche Wissen, das in den Piktogrammschriften stärker repräsentiert ist, und es gibt vor allem das implizite, intuitive und emotional aufgeladene Handlungswissen.«[1]

p Pöppel spricht vom »sinnentnehmenden« Lesen, wenn wir einen wissenschaftlichen Text verarbeiten. Und vom »bildgenerierenden« oder »geschichtengenerierenden« Lesen, wie wir es in Romanen oder in einem Gedicht anwenden. Während es bei Ersterem darum geht, Wissen zu erzeugen, entfalten wir beim bildgenerierenden Lesen eine (Bild)Geschichte, die wir in uns selbst generieren. Wir identifizieren uns mit der Handlung, und die Bildsequenz der Handlung ist unsere eigene.

Machen Sie den Geschichten-Test

1. Erfinden Sie eine Geschichte aus dem, was Sie in der Bildersequenz sehen.
2. Bitten Sie andere Personen, das Gleiche zu tun.
3. Vergleichen Sie die Geschichten. Worin unterscheiden sie sich? Wie enden sie?

Comic

p Wissenschaftler fanden heraus, dass beim Lesen von Alphabetschriften, wie unsere lateinische Schrift, und Piktogrammschriften, wie früher die Hieroglyphen oder heute das Kanji im Japanischen, unterschiedliche Hirnareale angesprochen werden. Der Verzicht auf die Gleichberechtigung der erwähnten Wissensformen — des bildlichen, des impliziten Wissens und des Handlungswissens —, kann zu unterschiedlichen Assoziationsfeldern und möglicherweise auch zu Missverständnissen in der interkulturellen Kommunikation führen. Das bringt uns zur Frage: Wenn zwei Wissenschaftler — der eine in einer alphabetisierten, der andere in einer piktografierten Schrift — denselben Text eines Fachartikels lesen, gelangen dann beide zum gleichen Schluss, zum gleichen Verständnis? Können Wörter in die Irre führen?
p Und noch eine Sache beschäftigt uns. Angenommen, wir würden uns dazu entschließen, unsere schriftliche Ausdrucksform visuell anzureichern, also mehr mit Bildinformationen zu arbeiten — wie würden wir dann eine so ausdrucksstarke Wörterkombination wie Bernhard Schlinks »Fischgrätenknickerbockeranzug« darstellen?

Jetzt sitzen wir schon minutenlang lesend vor diesem Artikel — die durchschnittliche Lesedauer eines DIALOGUS Artikels liegt bei 2:03 Minuten, wobei viele Artikel auch Lesezeiten zwischen 6:27 und 15:34 Minuten erreichen —, wir verharren still und angestrengt nach vorne geneigt, wir dürfen uns ja nicht wegbewegen, weil wir sonst die Wörter nicht mehr erkennen; wir drehen das Mausrad oder fahren stufenweise mit dem Abwärtspfeil die Seite entlang; wir konzentrieren uns auf die wenigen Fixpunkte, die uns die Zeilenbreite für das Auge liefert, und während wir noch darüber nachdenken, ob das Lesen tatsächlich in die Irre führen kann und unsere Atmung immer flacher wird, verspüren wir bald ein muskuläres Ziehen und Reißen im Genick und in den Schultern. Oh, diese Kulturtechnik des Lesens am Monitor! Lesen ist definitiv ungesund. Was bleibt uns da zu tun? Lesen wir nicht mehr, sondern reden wir einmal wieder darüber. fini

Quellen:
[1] Pöppel, Ernst: Was geschieht beim Lesen? in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 42-43/2009), Zukunft des Buches, Bundeszentrale für politische Bildung