Kultur

Zwischen Bibliophilie und Bibliomanie

Text: Joachim Zischke

Dem einen Buchliebhaber sind vierhundert Bände in einer Bibliothek schon genug, ein anderer kauft einen Landsitz für seine 30.000 Bücher und noch ein anderer lässt ein eigenes Bauwerk errichten, um darin fünf Regalkilometer Bücher unterzubringen. Wo verläuft die Grenze zwischen Bibliophilie und Bibliomanie? Wann wird die Bücherliebe pathologisch?

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Im Jahre 2000 erwarb Alberto Manguel, Autor von Bestsellern wie Die Bibliothek bei Nacht und Die Geschichte des Lesens, im französischen Dorf Modion, das in der Gegend von Poitou-Charentes liegt, ein Anwesen aus dem Mittelalter. Hier brachte er seine mehr als 30.000 Bände umfassende Bibliothek unter, für die er in Paris keine bezahlbare und präsentable Bleibe hatte finden können. In diesem hortus conclusus, einem Paradies des lesenden Geistes, sind die Wände ringsum vom Boden bis zur Decke mit exquisit gestalteten Regalen verkleidet. Manguel schreibt über diese Bibliothek:

»Tagsüber ist die Bibliothek ein geordnetes Reich. Ich bewege mich zielstrebig durch die senkrechten und waagrechten Buchstabenkorridore. Nachts aber verändert sich die Atmosphäre. Unversehens bekommen meine Bewegungen etwas Verstohlenes, Geheimnisvolles. Ich verwandle mich in eine Art Geist. Die Bücher sind jetzt die wahren Lebewesen, die mich, den Leser, durch die kabbalistischen Rituale halbverschwommener Buchstaben heraufbeschwören und zu einem bestimmten Band, einer bestimmten Seite locken. Ein Buch ruft überraschend nach einem anderen, schafft Bündnisse über Kulturgrenzen und Jahrhunderte hinweg.«
Alberto Manguel, Die Bibliothek bei Nacht

»Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn.«
Erasmus von Rotterdam

Eine ganz andere Einstellung zu Büchern offenbart ein nicht minder berühmter Schriftsteller. Pauolo Coelho schreibt in dem Faszikel Geschichten und Gedanken zum Thema Von Büchern und Bibliotheken:

»Um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, beschloss ich, in meiner Bibliothek nur vierhundert Bücher zu behalten — einige aus sentimentalen Gründen, andere, weil ich sie immer wieder lese. Diese Entscheidung habe ich aus verschiedenen Gründen getroffen, und einer davon ist, dass es mich immer traurig stimmt, wie Bibliotheken, die sorgfältig ein ganzes Leben lang aufgebaut wurden, am Ende respektlos nach Gewicht verkauft werden. Außerdem: Warum soll ich all diese Bücher im Haus verwahren? Um meinen Freunden zu zeigen, dass ich gebildet bin? Als Wandschmuck?«
Pauolo Coelho, Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt

»Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?«
Karl Kraus

»Alles Gedruckte fasziniert mich. Ich liebe Papier«, verriet der Modeschöpfer Karl Lagerfeld in einer Reportage von AD Architectural Digest. »Ich lese immer drei, vier Bücher gleichzeitig, Unterhaltsames und Anspruchsvolles parallel.« Die meisten der Bücher stehen in Elhorria, seinem Landsitz in Biarritz. Ein fünfzig Meter langer Betonbau beherbergt die Bibliothek. Lagerfeld archiviert seine Literatur präzise und pedantisch: Fast fünf Regalkilometer Bücher — geschätzte 300.000 Bände —, sind geordnet nach Gattungen. »Ich weiß, wo was steht. Ich kann anrufen und sagen: Regal Nr. 3, zweites Fach von oben, der Umschlag sieht so und so aus«. [2]

Wo verläuft die Grenze zwischen Bibliophilie und Bibliomanie? Der Mathematiker Jean-Baptist le Rond D’Alembert (1717-1783) formulierte ein Charakterbild des Bücherliebhabers so: »Die Liebe zu den Büchern ist nur in zwei Fällen lobenswert: einmal, wenn man richtig zu schätzen versteht, wieviel sie wert sind, wenn man sie als Philosoph liest, um Vorteil aus dem zu ziehen, was darin gut sein mag, und über das Schlechte, das sie enthalten, zu lachen; zum anderen, wenn man sie ebenso für die anderen besitzt wie für sich selbst und wenn man sie freudig und vorbehaltlos daran teilnehmen lässt.« Und den Bibliomanen, also denjenigen, der krankhaft Bücher sammelt, beschreibt er mit den Worten: »Im Allgemeinen verhält es sich mit der Bibliomanie — bei wenigen Ausnahmen — wie mit der Leidenschaft für Gemälde, Raritäten, Häuser: die, welche sie besitzen, erfreuen sich ihrer kaum.«

Bibliolexikon

Bibliophile: der Bücherfreund schlechthin
Bibliomane: der krankhafte Büchersammler
Biblioklast: jemand, der Bücher zerstört
Bibliopath: jemand, der durch Bücher erkrankt
Bibliophobe: jemand, der Angst vor Büchern hat
Biblioskop: jemand, der Bücher durchblättert, ohne zu lesen
Bibliophag: jemand, der von Büchern besessen ist
Bibliotaph: jemand, der seinen Buchbesitz verheimlicht
Biblioverser: jemand, der Bücher zweckentfremdend nutzt

Bei der bibliomanischen Suchterkrankung, die ein medizinisches Krankheitsbild darstellt, lassen sich fünf Symptome beobachten (nach Stefanie Stockhorst im Lexikon Literatur und Medizin):

  • Die kontinuierliche Dosissteigerung mit Ausfällen im Bereich des Wählens und Wertens beim Bucherwerb.
  • Der Verlust der rationalen Kontrolle über die benötigte und realistisch nutzbare Menge an Büchern.
  • Der Verzicht auf Nahrungsaufnahme und Schlaf aufgrund der einseitigen Bücherfixierung (so dass bibliomanische Figuren in der Literatur entsprechend als blass, rastlos und abgemagert beschrieben werden).
  • Die Fortsetzung des Suchtverhaltens trotz negativer Folgen gesundheitlicher, sozialer und finanzieller Art.
  • Die Beschaffungskriminalität, um Bücher oder die dazu erforderlichen Geldmittel zu erlangen.

»Einige Bücher soll man schmecken, andere verschlucken und einige wenige kauen und verdauen.«
Francis Bacon

In der kleinen, feinen Erzählung Das Papierhaus von Carlos María Dominguez begegnen wir zwei Büchergestalten: dem Bücherliebhaber Delgado, der sich des abends nach getaner Arbeit in seine Bibliotheksräume, einer ganzen Wohn-Etage, zurückzieht, um zwei, drei Stunden ungestört ein Werk zu studieren, dabei aus seinen Regalen Lexika, Kommentare und Sekundärliteratur in Fülle um sich häuft und sich darin buchstäblich versenkt:

»Wieviele Bücher stehen hier?«, fragte ich.
»Offen gestanden, habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Aber ich nehme an, um die achtzehntausend. Ich habe Bücher gekauft, solange ich denken kann. Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.«
Seite 36

und dem Bibliomanen Carlos Brauer, der seinen Wohlstand dazu nutzte, seine Wohnräume zu einem Bücherrefugium umzugestalten, sommers wie winters kalt duschte, damit kein Dampf die Bücher im Badezimmer beschädigte, dann aber, durch ein verheerendes Feuer seinen selbst verfassten Katalog einbüßte, so dass die Bibliothek für ihn unkontrollierbar wurde und er daher, in einem Akt der Verzweiflung und des Wahns, an einer einsamen Strandgegend ein Haus aus den verbliebenen Büchern baute:

»Das Hauptproblem war, und das sage ich Ihnen unumwunden, dass er in seinem Haus einfach viel zu viele Bücher hatte. Er hätte ein Vermögen gebraucht, um sie vor Feuchtigkeit, Silberfischchen, Motten, Staub und Spinnweben zu schützen. Seine Leselust war in gewisser Weise unkontrollierbar geworden. Was mich betrifft, so finde ich, daß ich viel zu wenig Zeit für meine Lektüre habe. Aber stellen Sie sich einen Mann vor, der den ganzen Tag, und, wenn er will, auch noch die Nacht zur Verfügung hat. Und genügend Geld, um sich jedes Buch zu kaufen, das er haben möchte. So jemand wird maßlos. Er ist seiner Leidenschaft hoffnungslos ausgeliefert.«
Seite 44

»Wo Gemeine heiraten dürfen, sich Hurenkinder und Schusterjungen tummeln, Rücken gebrochen werden und sich Zwiebelfische ihr Grab selber schaufeln [...]«
Steven Gilbar, Bibliomania

Die zehn unantastbaren Rechte des Lesers

von Daniel Pennac

1. Das Recht, nicht zu lesen
2. Das Recht, Seiten zu überspringen
3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen
4. Das Recht, noch einmal zu lesen
5. Das Recht, irgendwas zu lesen
6. Das Recht auf Bovarysmus
7. Das Recht, überall zu lesen
8. Das Recht herumzuschmökern
9. Das Recht, laut zu lesen
10. Das Recht zu schweigen

Daniel Pennac ist Romanschriftsteller, Französischlehrer und leidenschaftlicher Leser. [3]

Das Lesen von Büchern ist wie keine andere Beschäftigung geeignet, sowohl gut zu unterhalten als auch klug zu machen. In keinem anderen Medium findet ein Austausch von Ideen so unverfälscht und direkt statt, wie im Buch. Im Lesen erfahren wir Zeit für Ruhe und Tiefe — ein unschätzbarer und unersetzbarer Wert in unserer unruhigen Lebensform. Und das Lesen bietet uns nicht einfach einen Zeitvertreib, sondern ein Eintauchen in fremde Welten und Kulturen des Denkens. Ob mit einer Bibliothek von vierhundert oder dreißigtausend Bänden im Rücken oder nur drei Büchern auf dem Tisch — Lesen begeistert, beflügelt und bildet. fini

Links:
[1] Faust, Volker: Über den krankhaften und heilsamen Umgang mit Büchern
[2] Karl Lagerfeld, Unterwasser-Hifi und fünf Kilometer Bücher. na Presseportal, 18.10.2004 | 10:10 Uhr
[3] Pennac, Daniel: Die zehn unantastbaren Rechte des Lesers

Veröffentlicht am 05. November 2009

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